Nowhere to Lay My Eyes – Kritik

Locarno Film Festival 2026: Sechs Tage Drehzeit, eine Insel und keine Crew - Mehr braucht Hong Sang-Soo dieser Tage nicht, um seine eindrucksvolle Filmografie um ein weiteres Werk zu verlängern. Sein neuester Streich, Nowhere to Lay My Eyes, dreht sich um eine schwierige Mutter-Tochter-Beziehung.

Zehn Jahre habe er an seinem letzten Dokumentarfilm gearbeitet, gesteht der Stiefvater (Kwon Haehyo) seiner verblüfften Stieftochter Sanghee (Kim Minhee). Fertig geworden ist er trotzdem nicht. Zehn Tage hat Hong Sangsoo mit Cast – aber ohne Crew, denn Hong, Tausendsassa aller Gewerke, ist sich selbst Crew genug – auf der Insel Jeju verbracht und dort an gerade mal sechs Tagen Nowhere to Lay My Eyes, seinen 35. Film in dreißig Jahren, geschrieben, gedreht und geschnitten. Hongs formvollendet minimalistische Arbeitsweise ist längst legendär, schon allein, weil er sie dem Publikum seiner Filme gern mitteilt, indem er die Figuren, mal durch die Blume, mal unverblümter, übers Kunstschaffen sprechen lässt.

Exzeptionelle Grillkünste, aber wenig Verständnis für brotlose Kunst

In Nowhere to Lay My Eyes geschieht das wieder einmal ausgiebig, und zwar zugleich unverblümt und durch die Blume. „Small Flower“ heißt einer der Filme, den die passionierte, selbsterklärte Experimentalfilmerin Sanghee gemacht hat. Zu sehen: eine kleine Blume, nicht mehr, nicht weniger, gedreht auf einer kleinen Digitalkamera, hochgeladen bei YouTube, Dauer: sehr kurz. Filme macht sie aus Spaß an der Freude, nicht für die Ewigkeit, sondern aus dem und für den Moment. Diese Flüchtigkeitsemphase steht im krassen Gegensatz zu den dokumentarischen Langzeitbeobachtungen ihres Stiefvaters, aber im umso stärkeren Einklang mit Hongs Poetik der kleinen Form. Vor wenigen Jahren hat Hong selbst einen Film mit gleichlautendem Titel gedreht (Small Flower, 2022). Klingt der Rollenname „Sanghee“ nur für nichtkoreanische Ohren wie eine Zusammenlegung der Vornamen „Minhee“ und „Sangsoo“?

Das Sprechen über Kunst findet in Nowhere to Lay My Eyes im zwischenmenschlichen Rahmen einer Patchwork-Familie statt. Sanghee und ihr Bruder Sungwon (Shin Seokho) fliegen aus Seoul nach Jeju, um die Mutter (Choi Myeonggil) und deren neuen Mann zu besuchen, die dort gemeinsam eine Pension und ein Restaurant betreiben. Wobei vor allem die Mutter ein Händchen fürs Geschäft hat; den Mann hat sie einst mit ihren exzeptionellen Grillkünsten um den Finger gewickelt und seitdem fest im Griff. Ihre erwachsenen Kinder hingegen sind ihr ein Stück weit abhanden gekommen, vor allem für Sanghees Hinwendung zur brotlosen Kunst bringt sie wenig Verständnis auf.

Überraschend gegenwärtige Gespräche bei Kaffee statt Soju

Kern des Films bildet die komplexe, von passiven Aggressionen und aktiven Vorwürfen geprägte Mutter-Tochter-Dynamik. Die Männerfiguren bleiben brav im Hintergrund, was im Falle des Stiefvaters schlicht daher rührt, dass er nach einem spektakulären Treppensturz in der ersten Szene für den Rest des Films mit Knieschmerzen zum Kürzertreten verdammt ist. Die Eltern werden nicht jünger; Sterblichkeit und Nachfolge sind gerade in Hongs jüngeren Filmen mit Generationensujet allgegenwärtig. Mit der Anrede „Stiefvater“ hadert Sanghee, aber „Papa“, „Mister“, „Sir“ oder Ähnliches treffen das noch undefinierte Näheverhältnis nicht besser. Das formelle und informelle Sprechen des koreanischen Höflichkeitszeremoniells geraten in den typischen halbnahen Hong-Longtakes – um den Tisch bei Essen und Trinken versammelt – des Öfteren aneinander, aber zum reinigenden, über die Strenge schlagenden Exzess kommt es nie, vielleicht weil diesmal bedeutend mehr Kaffee als Soju getrunken wird.

Das gegenseitige Komplimentemachen (Gesundheit, Schönheit, musisches Talent) wächst sich in der Wiederholung zum Komplimentieren aus. Die Frage, wer von allen nun die makelloseste Haut habe, verweist unter der Oberfläche auf das hellhäutige Schönheitsideal der koreanischen Gesellschaft. Überhaupt nehmen sich manche Gesprächsthemen überraschend politisch und gegenwärtig aus: Berufsperspektiven im KI-Zeitalter, Care-Arbeit (Babysitting wird KI-Resistenz bescheinigt), israelische Propaganda im Gaza-Krieg (wenn auch nur als Teilargument in Sanghees Tirade gegen den trügerischen, nämlich lügnerischen Realitätsbegriff der Dokumentarfilmerei). Jeju mag mittlerweile ein touristischer Hotspot sein, ist allerdings – nicht nur des vulkanischen Bodens und wechselhaften Wetters wegen – ein Schauplatz mit bewegter Geschichte.

Abstand zur Straße

Beim Locarno Film Festival haben Hong den Regie- und Kim einen Schauspielpreis gewonnen. Zurecht: sie niest dreimal, schaukelt sonnenbeschienen und kamerabezoomt in einer Hängematte, rastet einmal kurz aus und spaziert sonst in Mantel, Schal, Haargummi und klobigen Asics auf der mütterlich vorbelasteten Insel herum. Die hingehuschten Szenen sind an manchen Stellen durch ein ebenso hingehuschtes Voiceover narrativ verfugt. Darüber legt Hong selbstkomponierte, schraddelige Garage-Band-Klänge, die nur noch von den niedrigauflösenden, in manchen Szenen bewusst unscharfen Bildern an Demut und Bescheidenheit unterboten werden.

Ein schöner Baum steht vor der Pension; die noch nicht pensionierte, aber ihrer Vergänglichkeit gewahr werdende Mutter zeigt der Tochter das Stück Land, das sie ihr einmal vererben wird, nur ist das dermaßen zugewuchert, dass man den einzelnen Baum vor lauter Wald nicht sieht. Doch selbst der einzelne Baum ist dem Kleinstkünstler Hong noch zu groß. Seine Filme gleichen eher Blumen am Wegesrand. Sie drängen ihre karge Schönheit dem vorüberstreifenden Auge nicht auf. „Nowhere to lay my eyes“ heißt auch: überall ist es recht. Die Filme ähneln einander und unterscheiden sich doch: durch die Position in der sie umgebenden Landschaft, ob ein Fels sie vor dem Wind schützt, durch den Abstand zur Straße der narrativen Geradlinigkeit. Sie lassen sich zum Strauß binden, gruppieren. Aber auch für sich stehend stehen sie gut.

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