Mother Mary – Kritik

Eine weiblichere Welt ist nicht automatisch flauschiger. In David Lowerys Mother Mary keilt sich ein Pop-Megastar mit ihrer Kostümdesignerin. Lange geht es dabei schön biestig zu, bevor am Ende leider doch die Kitsch-Falle zuschnappt.

Eine weibliche Welt. Unter die Massen, die dem titelgebenden Pop-Megastar Mother Mary (Anne Hathaway) zujubeln, scheinen sich zwar ein paar wenige Männer zu mischen, aber ansonsten bleibt die Leinwand in David Lowerys neuem Film komplett Frauendomäne. Auf wie jenseits der Bühne umgibt sich Mother Mary praktisch ausschließlich mit Frauen und weite Teile des Films entfalten sich als Zwiegespräch zwischen ihr und der Kostümdesignerin Sam Anselm (Manuela Coel). Die fehlenden Männer wiederum markieren keine Leerstelle im Film; sie sind vielmehr einfach nicht da – die weibliche Welt ist sich auf selbstverständliche Weise selbst genug.

Allerdings führt der Titel des Films insofern in die Irre, als Weiblichkeit in Mother Mary nichts Mütterliches an sich hat; und etwas Sakrales auch höchstens im Sinn einer Alltagsspiritualität, zu der man nicht durch die Teilnahme an einem Ritus, mithin durch soziales Handeln, Zugang erhält, sondern durch durchaus schmerzhafte Introspektion. Das ist deshalb erstaunlich, weil die Konzertauftritte durchaus mit religiöser Motivik spielen – Mother Marys Markenzeichen ist ein Heiligenschein, der im Laufe des Films immer neue Formen annimmt, zwischendurch auch mal fast zur Dornenkrone wird – und dadurch auf den ersten Blick etwas von Gottesdiensten haben. Aber eben: von intimen Seelengottesdiensten, dessen Besucherinnen nicht etwa einer Ersatzheiligen huldigen, sondern, angeleitet von Mother Mary, gemeinsam in die Tiefen ihrer Psychen hinab gleiten.

Zum Heiligenschein trägt Mother Mary auf der Bühne Glitzerbody und zeigt viel Bein. Regisseur David Lowery und Hauptdarstellerin Anne Hathaway nennen Taylor Swift und Beyoncé als zentrale Anregungen für die Hauptfigur. Fast noch mehr denkt man insbesondere in der schönen Eröffnungsszene, in der Mother Mary zum Zentrum eines monumentalen Licht-Tempels wird und ihren Hit „Burial“ performt („This black suit fits like a glove / I was born to be the widow of love“), an Lady Gaga. Wobei der Film musikalisch insgesamt weniger auf knalligen Gaga-Populismus setzt denn auf fluffigen Feuilleton-Pop im Stil von Charlie XCX (die für Mother Marys Songs mitverantwortlich ist) oder FKA twigs (die eine Nebenrolle übernimmt): schickes Elektro-Geblubber mit Nähe zum whisper-core, viel vibes und mood statt großes Rampenlicht-Melodrama.

Giftige Dialogpfeile

Passend dazu spielt der Film über weite Strecken im Backstage-Halbdunkel. Abseits der Bühne ist Mother Mary kaum wiederzuerkennen: Im schwarzen Alltagslook, mit flach an den Kopf geklatschten Haaren und traurigen Augen taucht sie bei Sam auf, der Frau, die einst fast ein Teil ihrer selbst war, Partnerin in der Kunst und wohl auch im Leben. Dass die Kunstfigur Mother Mary eine Kreation nicht nur jener Frau ist, die sie auf der Bühne verkörpert, sondern genauso die der anderen Frau, die ihr die Kleider auf den Leib geschneidert hat, ist offensichtlich – und auch eines der Themen, um das sich das Gespräch der beiden dreht.

Es ist etwas zerbrochen zwischen den einstigen (mindestens) Besties. Sam hört sich schon seit Jahren Marys Musik nicht mehr an, Mary hatte jüngst einen mysteriösen Unfall, der möglicherweise mit ihrer Trennung von Sam zu tun hat. Eine weiblichere Welt ist nicht automatisch eine flauschigere, harmonischere. Giftig fliegen die Dialogpfeile hin und her, vor allem Sam feuert eifrig, wobei sich ihre Verbalattacken teils zu barocken Argumentationsgirlanden auswachsen: Mary solle sich durchaus bei ihr entschuldigen, aber nicht sofort, vielmehr dann, wenn sie, Sam, es am wenigsten erwarte. „Surprise me with your sincerity.“

Mary reagiert auf solche Spitzen mal sarkastisch, mal verzweifelt. Natürlich wäre sie gerne aufrichtig, aber eine Show abzuziehen ist nun einmal ihr Job, sie kann nichts anderes. Anne Hathaway, die die hohe Kunst des method acting mit mehr Ernsthaftigkeit und Hingabe betreibt als sonst jemand in ihrer Generation, ist eine perfekte Besetzung für diese Rolle. Ein stummer Ausdruckstanz, den sie Sam ziemlich genau in der Filmmitte vortanzt, wird zu einem kleinen Manifest von Filmschauspiel als permanentem Extremzustand von Körper und Geist.

Schöne Stoffe und halbgare Esoterik

Was die beiden wieder zusammenbringen könnte: ein neues Kleid für Mary. Eine frische Kreation, die wieder das geteilte Werk beider Frauen ist. Viele schöne Stoffe, geschmeidig und oft in matt glänzenden Farben, tauchen auf in diesem Film, der als ästhetisch-ätherisches Objekt berückender ist denn als dramatische Erzählung. Die Erzählung gerät nämlich leider ein wenig aus der Spur, sobald sich die Beziehungskrise der beiden Frauen zu einem etwas halbgar-esoterischen Geisterfilm auswächst. Plötzlich schweben rote Tücher durch die Gegend, die von Anfang an nah am Wasser gebaute Sam blickt zunehmend entrückter in die Welt und ungelenk arrangierte Rückblenden lassen den vorher durch den fortgesetzten Dialog der beiden Hauptfiguren etablierten Spannungsbogen kollabieren.

Visuell hat auch die Wendung hin zum Übernatürlichen hier und da etwas zu bieten, zum Beispiel klaffende, vaginaförmige Wunden, die eine Body-Horror-Sexualmetaphorik andeuten. Kurz scheint da als Möglichkeit ein anderer, deutlich wagemutigerer Film über die Abgründe toxischer Weiblichkeit durch. Mother Mary hingegen ergibt sich gegen Ende allzu willig den Versuchungen des samtenen Emo-Kitschs.

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