Sheep in the Box – Kritik

Cannes 2026 - Wettbewerb: Dieser Film ermüdet mehr als Schafezählen. Hirokazu Koreeda (Shoplifters) wagt sich mit Sheep in the Box ins Genre der Science-Fiction. Trotz zwischenmenschlicher Wärme und einem knuffigen Kinderdarsteller verliert er sich dabei in einem sterilen und hermetisch abgeriegelten Privatuniversum.

Kann das die Zukunft sein? Die Eltern schlafen gemütlich im Bett, das Kind sitzt daneben auf einer leuchtenden Box, mit blassem, herabhängendem Kopf. Ginge es nach Hirokazu Koreedas Science-Fiction-Drama Sheep in the Box, müssen wir bald mit solchen Szenarien rechnen. In der nahen Zukunft erhalten Eltern wie Otone (Haruka Ayase) und Kensuke (Daigo Yamamoto), die ihr Kind verloren haben, die Möglichkeit, einen Humanoiden als Ersatz zu erwerben. Gespeist mit all den Erinnerungen der Adoptiveltern spiegelt das künstliche Kind die Vergangenheit und lässt zugleich auf eine neue, gemeinsame Zukunft hoffen. Damit ist der Plot von Sheep in the Box auch schon umrissen. Drama wie in Steven Spielbergs A.I. sollte nicht erwartet werden – und auch sonst besser wenig.

KI-Drama ohne Drama

Auf dem Blatt ist Hirokazu Koreeda vielleicht die ideale Person für eine filmische Annäherung an das emotional aufgeladene Thema KI. Den japanischen Regisseur kennt man für versonnen-ruhige Dramen und Komödien, die in ihrer präzisen Inszenierung oft mit denen seines legendären Landmanns Yasujirō Ozu verglichen werden. Schon vorab war im Cannes-Flurfunk zu hören, dass sich Koreeda mit seinem Neuling nicht um die klassischen KI-Weltuntergangsdiskurse kümmern werde, sondern mehr um die Emotionen der Menschen, die der Technologie gegenüberstehen.

Tatsächlich hält sich Sheep in the Box nicht lange mit dem diskursiven Für und Wider auf: Otone und Kensuke holen den süßen siebenjährigen Humanoiden Kakeru ohne großes Zögern in ihr verglastes Luxusanwesen und machen sich gleich mit der Bedienungsanweisung vertraut: Nachts wird das Kind auf einem Hocker aufgeladen, tags darf es nicht zu weit von den Eltern entfernt sein (sonst wird es deaktiviert), und sonst gibt es eigentlich nichts zu beachten. Kakeru, der vom realen Rimu Kuwaki äußerst knuffig verkörpert wird, ist überhaupt sehr nett. Er piept nicht, macht keine zuckenden Bewegungen und simuliert den toten Sohn so erfolgreich, dass selbst der skeptisch-grummelige Adoptivvater Kensuke bald lachend mit ihm durch das Zimmer hüpft.

Bobos und Robos

Klingt alles sehr nett. Ist es auch, und zunächst möchte man es diesem süßen Film auch nicht vorwerfen. Irgendwie müssen dann aber doch pralle 127 Minuten gefüllt werden, und dafür reichen ein paar sonnenglänzende, mit Piano- und Celloteppichen unterlegte Werbebilder einer Bauhauswohnung, durch das zwei Bobo-Eltern mit ihrem Roboterkind toben, eben nicht aus. Also wird der kleine Kakeru bald von einem älteren Humanoiden angesprochen, der den diensteifrigen kleinen Service-Roboter aus seiner Gefangenschaft befreien möchte. Wobei auch dieser dramatische Handlungsstrang von Koreeda nur sehr vorsichtig, wenn nicht gar vernachlässigend behandelt wird. 

Es scheint, als sei diese mögliche Science-Fiction-Welt eine Wirklichkeit ohne echte Konsequenzen. Zwar sollen dort nur 3000 Roboter existieren; die Menschen selbst agieren aber bereits so vorhersehbar und aufeinander abgestimmt, als seien sie schon die Bots von morgen. Bald hat Koreeda seine Zuschauenden so weit, dass sie sich wieder die klassischen KI-Rants und etwas AI-Slop wünschen, und seien es nur ein paar Glitches im Gesicht des niedlichen Humanoiden – oder zumindest ein schmutziger Fleck in der hypersterilen Wohnung des netten Ehepaars. Koreeda nur scheint vollkommen desinteressiert an den ästhetischen Implikationen und Paradoxien der KI, auch wenn sie enormes audiovisuelles Potenzial böten.

Ein Kammerspiel zum Einschlafen

Ebenso galant wie etwaige Glitches ignoriert der Film seinen gesellschaftlichen Kontext. Sheep in the Box, dessen Titel übrigens von Antoine de Saint-Exupérys ebenfalls diffus-utopischer Erzählung Der kleine Prinz herrührt, schafft ein fast hermetisch geschlossenes Privatuniversum. Nun ja, fast, denn irgendwer wird dem versonnen lächelnden Hirokazu Koreeda auf den letzten Meilen wohl doch noch ins Ohr geflüstert haben, dass er sich besser mit Ökologie und gesellschaftlicher Verantwortung befassen sollte. Deshalb hat sein kleiner Humanoid vom konfusen Drehbuch auch noch einen grünen Daumen spendiert bekommen. Und für seine geneigten Adoptiveltern hält er eine besonders nachhaltige Zukunftsvision bereit. Wer erfahren möchte, was das für eine ist, muss sich dieses leider zahnlos-langweilige Kammerspiel in oder nach Cannes wohl oder übel anschauen.

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