Lebensansichten eines Huhns – Kritik

Suchen, Picken, Innehalten: Der ungarische Regisseur György Pálfi nähert sich in Lebensansichten eines Huhns der emotional packenden und erstaunlich düsteren Erfahrungswelt einer Henne.

Lebensansichten eines Huhns klingt im Titel wie ein augenzwinkerndes Versprechen. Man erwartet vielleicht eine skurrile Tierfabel oder ein verspieltes Experiment. Tatsächlich liefert György Pálfi all das – doch sein Film ist sehr viel düsterer als der Titel vermuten lässt.

Die ersten Minuten versetzen uns an den Beginn des Lebens eines Haushuhns im Zeitalter hochgradiger Automatisierung. Tausende Eier rollen über Fließbänder, Maschinen rattern. Küken schlüpfen unter grellem Kunstlicht, werden sortiert, weitertransportiert und schließlich in den anonymen Rhythmus industrieller Tierhaltung eingegliedert. Pálfi braucht kaum Worte, um deutlich zu machen, wie mechanisch und entindividualisiert dieses Leben beginnt. Dass unsere Protagonistin als einziges dunkel gefiedertes Huhn aus der Masse hervorsticht, genügt, damit wir sie fortan wiedererkennen und ihr folgen.

Bis zuletzt: ein Huhn

Sie spricht nicht, besitzt keine vermenschlichten Eigenschaften und bleibt bis zuletzt: ein Huhn. Dennoch gelingt es Pálfi mühelos, Empathie zu erzeugen. Er folgt der Henne mit einer Geduld, die an Naturdokumentationen erinnert, und nimmt sich Zeit für ihre alltäglichen und beiläufigen Momente des Suchens, Pickens oder Innehaltens. Jeder kleine Moment der Freiheit gewinnt an Gewicht. Auch als sie aus ihrem Gefängnis flieht, bleibt die Kamera konsequent an ihrer Seite, folgt ihr durch Wälder, über Straßen, in Häuser, sogar durch die Lüftungsschlitze eines Autos.

Während der Überquerung einer Schnellstraße rasen Autos in bedrohlicher Geschwindigkeit vorbei. Der Straßenabschnitt wird, von unten und auf ihrer Augenhöhe gefilmt, plötzlich zur existenziellen Gefahr. Momente wie dieser lassen einen immer wieder rätseln, wie diese außergewöhnlichen Bilder mit der beeindruckenden Sogwirkung überhaupt entstanden sind. Dass anscheinend komplett auf digitale Effekte verzichtet wurde, macht die Leistung umso bemerkenswerter. Während die Henne immer wieder bedroht, eingesperrt, gejagt oder gegen ihren Willen mit einem Hahn zusammengesetzt wird, begleitet ein leichter, fast verspielter Score wie in einer schrägen Komödie dieses alles andere als heitere Geschehen. Dieser Widerspruch zwischen Bild und Musik funktioniert erstaunlich gut. Vielleicht, so denkt man, beschreibt die Musik weniger die Lebensrealität der Protagonistin als ihren unbeirrbaren Lebenswillen, mit dem sie sich trotz aller Rückschläge immer wieder aufrappelt und weitermacht.

Menschen als mal nützliche, oft leiderweckende Randerscheinungen

Sie gerät in eine Demonstration, streift durch Dörfer, landet auf einer Tankstelle, begegnet streunenden Hunden, einem alten Mann, Schmugglern und schließlich sogar den Opfern eines Menschenhandels. Letzteres bleibt bewusst im Hintergrund. Für das Huhn sind menschliche Konflikte Randerscheinungen, von denen es manchmal profitiert und unter denen es oft leidet. Es kämpft einfach ums Überleben und sucht den nächsten sicheren Unterschlupf. Während im Hintergrund die wie Vieh transportierten Opfer des Menschenschmuggels mit derselben erschreckenden Selbstverständlichkeit entsorgt und verbrannt werden wie die Leichen von Tieren in der industriellen Haltung, in der ein Leben nur so lange zählt, wie es verwertbar ist, bleibt die Kamera fast ununterbrochen bei der verletzten Henne. Erst als der alte Mann ihren regungslosen Körper zusammen mit den Überresten der Menschen in ein flaches Grab schüttet, treffen beide Ebenen, die menschliche und die tierische, aufeinander. Das macht die Szene verstörender als eine klassische Parallelmontage.

Keine plumpe Tierschutzparabel

Glücklicherweise ist der Film keine plumpe Tierschutzparabel. Zwar liegt der Vergleich zwischen der Grausamkeit gegen Menschen und der gegen Tiere nahe, doch Pálfi wird nie didaktisch und erklärt diese Parallelen nie aus. Er vertraut darauf, dass sein Publikum sie selbst erkennt.

Dabei überzeugt nicht jede Idee gleichermaßen. Die wiederkehrenden Szenen rund um die Hähne und die beinahe musicalhafte Inszenierung ihrer Auftritte wirken etwas bemüht. Sie lockern zwar die ansonsten oft düstere oder zumindest ambivalente Atmosphäre auf, reißen aber den Film auch kurzzeitig aus seiner ansonsten stimmigen Tonlage.

Indem der Film konsequent an der Seite seiner unverwüstlichen Protagonistin bleibt und sich der üblichen Hierarchie verweigert, nach der menschliche Schicksale automatisch wichtiger wären als ein Hühnerleben, eröffnet er einen ungewohnten und faszinierenden Blick auf eine Welt, in der Menschen zwar präsent sind, aber nicht die Hauptrolle spielen.

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