In the Grey – Kritik

In the Grey ist ein klassischer Guy-Ritchie-Film: abgebrühte Figuren, überdrehte Dialoge, verworrene Missionen. Neben Verfolgungsjagden und Schießereien gibt es diesmal aber auch Kaskaden abstrakter Informationen. Und dann dürfen die Helden auch noch weinen. 

Guy Ritchies neuer Actionthriller In the Grey besteht aus zwei sich relativ klar unterscheidenden Teilen. Die erste Hälfte lässt eine unnachgiebige Informationsflut auf uns los, die Planungen und Proben für eine brenzliche Mission. Die zweite bietet hingegen klassisches Actionkino, eben die bleihaltige Umsetzung des zuvor entwickelten Plans. Bei dieser Umsetzung greift weitestgehend das zuvor Eingeübte, die Figuren müssen angesichts unerwarteter Hindernisse nicht plötzlich improvisieren – und dementsprechend ist der Film auch weitestgehend überraschungsfrei. Seine Figuren sind Räder in einer gut geölten Maschine, die genau das auszuführen scheinen, wozu sie da sind. Und doch ist da mehr: In einem einzigen Moment, mit einem Paar wässriger Augen, transzendiert Ritchie das bloß Maschinelle und lässt Menschen erscheinen, die in der Maschine kaputt zu gehen drohen.

Aber der Reihe nach. Finanzbandit Salazar (Carlos Bardem) hat eine Wall-Street-Investmentbank um eine Milliarde Dollar geprellt und den daraufhin angeheuerten Schuldeneintreiber umbringen lassen. Mit Hilfe der Justiz lässt sich auf Salazars Vermögen nicht zugreifen, weil ihm auf dem Papier gar nichts gehört. Er selbst hat sich auf seiner kanarischen Privatinsel mit geschmierter Polizei und Privatarmee verschanzt. Die Bank engagiert nun Rachel Wild (Eiza González), die Salazar mit bestenfalls halblegalen Mitteln angehen soll, um so das Geld zurückzuschaffen. Als klassische Männer fürs Grobe stehen Rachel die Exsöldner Sid (Henry Cavill) und Bronco (Jake Gyllenhaal) zur Seite.

Informationen fliegen uns um die Ohren wie Pistolenkugeln

Nicht nur seine Ausgangslage breitet In the Grey ausführlich vor uns aus, sondern auch die Details der verschiedenen Taktiken, mit denen Rachel und ihr Team schließlich vorgehen. Wie in einem Heistmovie brechen sie in Salazars Organisation ein, legen seine Unternehmen und seinen Finanzfluss lahm und lassen seine Yachten und Jets konfiszieren. Solange er sich nicht an den Verhandlungstisch setzt und das Geld zurückzahlt, sorgen sie schlicht für enorme Verluste. Gleichzeitig wird schon der Rückzug aus der Mausefalle seiner Insel vorbereitet. Denn selbst wenn das Geld wieder der Bank zurücküberwiesen wird, ist Salazar immer noch Gangsterboss, der sich nicht ungestraft wird schaden lassen.

Die hier eingebauten Motorradverfolgungsjagden dienen dabei nicht der Unterbrechung der Informationsvermittlung, damit es mal etwas Action gibt. Eine derartige Auflockerung hat In the Grey gar nicht nötig, denn die Informationen selbst prasseln in einem solchen Stakkatorhythmus auf uns ein, dass es wirkt, als wolle Ritchie hier eine neue Art von Action inszenieren, in der uns nicht Pistolenkugeln um die Ohren fliegen, sondern eben Informationen. Atemlos und ungebrochen geschieht dies, bis die Darbietung eines Wikipedia-Artikels fast zu einer eigenen ekstatischen Kunstform wird. Nicht dass wir nach diesen Szenen tatsächlich mehr über die Finanzmärkte der Welt wissen würden, aber durch Ritchies unbedingten Stilwillen erleben wir es so, unterfüttert von einer großen Dosis Adrenalin.

Hier gibt es nur Sieg oder Niederlage

Mit wenigen Handgriffen zeichnet In the Grey das Bild einer Finanzwelt, die zwar bürokratisch reguliert ist, die durch die konsequente Nutzung der zahlreichen Schlupflöcher innerhalb ihres Regelwerks aber auch einer rechtsfreien Wildwest-Zone gleicht. Anonyme Konglomerate und private War Lords wie Salazar sind hier die wahren Herrscher. Folglich lässt der Film die Wall Street in ausgedehnten Luftaufnahmen auch als eine Art moderner Trutzburg erscheinen, außerhalb (und innerhalb) derer nur der Stärkste überlebt. Hier gibt es nur Sieg oder Niederlage. Und ein falscher Schritt bedeutet meist, dass die Schergen der Gegner schon unterwegs sind, um einen zu entsorgen.

Was uns schließlich zu besagtem Augenpaar bringt. Als Rachel das erste Mal Salazars Insel betritt und mit ihm vergeblich über die Rückzahlung verhandelt, endet die vorbereitende erste Hälfte des Films und die körperliche Action setzt ein. Direkt nach dem Treffen lauert eine Handvoll von Salazars Häschern Rachel auf und will sie aus dem Weg räumen. Dieses Worst-Case-Szenario ist aber eingeplant. Eine Schießerei in einem Café entbrennt, Leute rennen schreiend durch die Gegend, aber nur die Leichen der Gegner liegen herum. Der plötzliche Wechsel von der Theorie zur harten Realität inszeniert In the Grey als destabilisierende Schocksituation. Es offenbart sich, dass die erste Hälfte des Films einen subtilen Druck aufgebaut hatte, der sich nun schlagartig bis ins Unerträgliche steigert. Nach dem brutalen Zwischenfall steht Rachel allein mit dem Rücken zur Wand und versucht, sich zu sammeln. Dabei steigen ihr kurz Tränen in die Augen – und ihre abgeklärte Coolness ist mit einem Mal nur noch Fassade, hinter der eine bislang stets überspielte Verunsicherung lauert.

Die Tränen der in Stein gemeißelten Helden

Sid und Bronco müssen im Folgenden nun Rachel von Salazars Insel befreien. Kugeln fliegen im Akkord. Häuser, Autos und Hubschrauber explodieren. Guy Ritchies schon aus den Tagen von Snatch und Lock, Stock and Two Smoking Barrels bekannte Manierismen fallen von ihm ab und er bietet uns einen konzentrierten Adrenalinrausch, einen klassisch-stilvollen Actionfilm. Es gibt keine Needle Drops von Popsongs und selbst das für ihn typische Gelaber seiner Figuren versiegt.

Und doch ist In the Grey immer noch ein Guy-Ritchie-Film. Das heißt etwa, dass es – mit Ausnahme von Rachel – fast nur männliche Figuren gibt und dass diese immer wieder (fesch inszenierte) Schwanzvergleiche vollziehen. Dass Diversität hier nur insofern auftaucht, als dass die Exsöldner Sid und Bronco sich in ihren Frotzeleien beständig Homosexualität unterstellen und dadurch irgendwann wie ein sich neckendes schwules Paar wirken. Dass die Frauen hier entweder nur als Statussymbole der Gangster am Pool sitzen – oder die harte Realität der Männerwelt nicht aushalten und weinen.

Doch gerade diese Tränen sind in In the Grey eben kein Ausdruck weiblicher Schwäche, sondern der Angelpunkt des gesamten Films. In ihnen äußert sich der unmenschliche Druck einer Welt, in der höchstens in Stein gemeißelte Hollywoodhelden unbeirrt Richtung Erfolg schreiten. Rachels Tränen wirken aber nach und die effektive, tickende Spannungsmusik von Chris Benstead unterstreicht es: Rachel, Sid und Bronco, diese Rädchen in einer Maschine, überspielen nur, dass sie beständig vor dem mentalen Zusammenbruch stehen. Sie sind ganz Mensch.

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