Her Private Hell – Kritik
Cannes 2026: Der bisher unbeliebteste Film des Festivals ist einer der besten. Nicolas Winding Refns retrofuturistischer Her Private Hell treibt diverse Genres an ihre Grenzen und zeigt, was im Programm bisher gefehlt hat: Echte Experimentierfreude.

Damit war nicht zu rechnen. Als vor einem Kurzfilmscreening in Cannes alle Filmschaffenden auf die Bühne gebeten wurden, kam unerwartet auch Nicolas Winding Refn dazu. Mit schelmischem Grinsen verkündete er, dass als unangekündigtes Extra sein neuer KI-Film Satellites II zu sehen sein werde: Ein Werbefilm für Prada, in dem er und Spieleentwickler Hideo Kojima durchs Weltall torkeln, umringt von halbnackten Frauen und Kulissen, die aus Mario Bavas Planet der Vampire entnommen scheinen. Das Publikum reagierte mit Buh-Rufen. Nur Refns Kollege und AI-Verfechter Darren Aronofsky stand ihm gerührt zur Seite. Insgesamt ähnliche Reaktionen zeitigte auch die Cannes-Premiere von Refns neuem Spielfilm Her Private Hell: Irritation und Abneigung. Was will dieser crazy Däne jetzt schon wieder? Und warum schreitet niemand ein?
Abwärtsspirale an der Croisette
Refns Cannes-Karriere kennt einen Knick und der trägt den Namen Only God Forgives. Nachdem der Filmemacher 2011 mit Drive die Auszeichnung als Bester Regisseur abgreifen konnte, erntete sein handlungsarmer Action-Fiebertraum 2013 Buh-Rufe. Seiner grotesken Auseinandersetzung mit der Modewelt The Neon Demon erging es im Wettbewerb 2016 kaum besser. Danach verschwand der Däne, der mit den Drogenthriller-Trilogie Pusher zum Kultregisseur vieler Millennials geworden war, in die Serienwelt: Too Old To Die Young schien sich noch einmal mit allen Erwartungen anzulegen. Statt klassischem Gangsterplot gab es minutenlange Kamerafahrten durch aufgeräumte Lagerhallen und Villen. Die Noir-Thriller-Serie Copenhagen Cowboy wurde danach kaum wahrgenommen.
Her Private Hell, der in Cannes nurmehr schüchtern „Out of Competition“ läuft, setzt die Kontroverse fort: Fast die Hälfte aller Ratings auf Letterboxd bewegen sich im Spektrum von 1-2 Sternen. Die Zeitschrift Variety spricht von einem „David-Lynch-on-Bad-Acid-Disaster“. Im lauwarmen Wettbewerb von Cannes, dessen Flaggschiffe ein Historiendrama (Fatherland), ein CGI-Monsterfilm (Hope) und ein politisiertes Chabrol-Remake (Minotaur) sind, macht das schon wieder neugierig. Tatsächlich ist Refns hyperästhetisierte Collage aus Science-Fiction, Giallo und Installationskunst der bisher schönste und ästhetisch wagemutigste Film in diesem Cannes-Jahr.
Hybris in Neonfarben
Der Plot klingt nach erwartbarer Genrehommage im minimalistischen Refn-Style: Ein Mörder mit Glitzeroutfit bewegt sich durch eine neonfarbene Science-Fiction-Stadt. Ein American GI (Charles Melton) will ihn zur Strecke bringen. Eine junge Frau (Sophie Thatcher) hat daddy issues, außerdem gibt es sexuelle Spannungen zwischen ihr und ihrer Stiefmutter (Havana Rose Liu). So lose diese Plotfäden klingen, so lose ist Her Private Hell auch erzählt. Minutenlang sehen wir Frauen in futuristischen Glitzerkostümen dabei zu, wie sie tanzen oder in lasziv-langsamer Sprechweise über ihr Aussehen oder das Schicksal philosophieren. Im Hintergrund abstrakte Farbflächen, leere Hotelflure oder der Blick auf eine an Blade Runner erinnernde Megacity in diffus leuchtendem CGI. Böse Zungen in Cannes haben bereits Vergleiche mit Francis Ford Coppolas verstiegenem Megalopolis gezogen, der das Publikum in Cannes 2024 in hämisches Gelächter ausbrechen ließ.
Auch wenn Refns mit strahlendem Neon ausgeleuchteter, jede tänzerische Performance seiner Protagonistinnen schwelgend inszenierender Film visuell dynamischer ist als Coppolas flach abgefilmte Kapitalismusfabel, steckt doch eine ähnliche Hybris darin. Wie in The Neon Demon wird jeder Satz jeder Figur bedeutungsschwanger gesprochen. Im Hintergrund tönen die Streicherteppiche des italienischen Komponisten Pino Donaggio (Carrie, Body Double). Dieses Mal will Refn Melodrama und Operngesten imitieren. Aber nicht nur.
Diffuses Dunkel, leuchtendes Blut

Denn mit dem glitzernden Mörder kommen auch Blut und Horror. Und mit seinem Verfolger, dem durchtrainierten American GI, ein paar Martial Arts-Kämpfe. Anders als in Refns Only God Forgives sind die Schläge, Tritte und durch Augen gebohrten Messer im diffusen Dunkel der Sets kaum zu sehen. Wenn der in offensichtlicher Giallo-Referenz als Leather Man bezeichnete Killer auf seine Opfer losgeht, leuchtet erst das herausschießende Blut die dunklen Hotelzimmer und Lagerhallen aus. Zusammen mit dem neonleuchtenden Blau der Kulissen ergibt das den berühmten Farbmix aus Dario Argentos Horrorklassiker Suspiria. Refn nur isoliert die visuellen Reize, legt sie in Schwarz ein, ebenso wie er jeden Satz seiner Protagonistinnen sprechen lässt, als sei es ihr letzter.
Her Private Hell ist Refns radikalster Film und eine konsequente Synthese aus seinen letzten Werken: Die kontextlosen Martial-Arts-Kämpfe aus Only God Forgives, die sterile Glitzermodewelt aus The Neon Demon, das Slow-Motion-Storytelling aus Too Old To Die Young und das Übernatürliche aus Copenhagen Cowboy. Insofern nichts Neues, aber vom Alten das Allerbeste. Während der dänische Regisseur im Nachbeben der Premiere gutgelaunt und seine Hater ignorierend AI-Werbespots im Kurzfilmprogramm platziert, sollte sich Cannes vielleicht eingestehen, dass die aufsehenerregendsten Beiträge dieses Jahr außerhalb des prestigeträchtigen Wettbewerbs zu finden sind. Refn, ob gehatet oder geliebt, hat mal wieder vielen die Show gestohlen.
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