Im Tempel der Leidensfähigkeit – Cannes-Notizen (6)

Mit Nicolas Winding Refns Her Private Hell trifft unser Reporter auf den meistgehassten Film des Festivals – und findet darin doch so einiges Schönes. Von den Regiegrößen Almodóvar und Zvyagintsev zeigt sich hingegen nur einer von seiner vitalen Seite. Und aus Thailand kommt ein unerwartetes Highlight.

Es ist Halbzeit in Cannes, wir haben immer noch keinen klaren Goldene Palme-Kandidaten, dafür hatte aber jetzt der wohl meistgehasste Film des Festivals seine Premiere. Her Private Hell (Cannes Première) markiert nach seinen exzellenten Arbeiten für Netflix und Amazon Prime die Rückkehr des dänischen Enfant Terrible Nicolas Winding Refn zum Kino – und wird in sozialen Medien wie Letterboxd so in Grund und Boden geschrieben, als gäbe es kein Morgen. Es steht, wie schon in Full Phil und El Ser Querido, ein Vater-Tochter Konflikt im Zentrum der ziemlich abstrakt geratenen Handlung, in deren Verlauf sich Elle (Sophie Thatcher) vom Joch des väterlichen Schattens zu befreien sucht. Es ist eine komplett künstliche, blau- und pinkgetränkte Neonwelt, die der Zuschauer hier betritt, eine Mischung aus avantgardistisch anmutender Fashionshow und filmischen Verweisen an die fetischhaften Obessionen des italienischen Giallo-Films oder der Thriller-Opern Brian De Palmas. Refn gibt dem Publikum wenig an die Hand und lässt es mehr oder weniger alleine in einer Welt voller Sinneseindrücke. Wie man damit umgeht, wird auch die Reaktion auf den Film bestimmen. Mein erster Gedanke am Anfang des Films war: Wow, das klingt aber wie ein Score, den Pino Donaggio in den 1980ern für Brian De Palma komponiert hätte. Meine erste Handlung nach dem Screening war, den Komponisten zu googeln. Und es ist Pino Donaggio! Alle Zuschauer, denen diese Tatsache etwas bedeutet, dürften in Refn Films etwas finden, das ihnen gefällt. Die Suche danach ist nicht immer einfach, aber sie lohnt sich.

Tiefenentspannte Langsamkeit

Apichatpong Weerasethakul ist der bekannteste Name des thailändischen Films, ein Garant für das langsamst mögliche slow cinema und keiner meiner Lieblingsregisseure. Sein Regieassistent Sompot Chidgasornpongse legt nun mit 9 Temples to Heaven (Quinzaine des Cinéastes) sein Regiedebüt vor, Weerasethakul hat es produziert. Meine masochistischen Tendenzen haben mal wieder über meine Bedenken gesiegt und so fand ich mich am Dienstagvormittag in der Weltpremiere des Films wieder. Eine thailändische Familie will infolge einer düsteren Prophezeiung an einem einzelnen Tag in neun buddhistischen Tempeln Gaben darbringen, um so nach Möglichkeit das Leben der betagten Matriarchin zu verlängern. Das Publikum schaut ihnen dabei unaufgeregt, geduldig und tiefenentspannt zu. Mit seinem Mentor Weerasethakul hat Chidgasornpongse die Langsamkeit und das Interesse an Spiritualität gemeinsam, bringt aber eine pragmatischere Herangehensweise, weniger Esoterik und ein viel klarer ausgeprägtes Interesse an den lebensweltlichen Realitäten seiner Protagonisten mit. So gelingt ihm ein zutiefst humanistischer Film, der trotz oder gerade wegen seiner spezifischen Bezugnahme auf den Buddhismus einen universellen Charakter entwickelt. Ein überraschendes und unerwartetes Highlight des diesjährigen Festivals.

Die härteste Tür des Festivals

Dass ich überhaupt ein Ticket für Andrey Zvyagintsevs Minotaur (Wettbewerb) bekommen habe, ist nur meiner zwanghaften Persönlichkeit zu verdanken. Das Presse-Screening war ewig ausgebucht und ich habe jede noch so kleine Pause dazu genutzt, permanent auf den Reload-Button der Ticket-Website zu drücken. Nach unzähligen Versuchen hatte das Leid ein Ende, ein Platz war plötzlich frei – aber für kein Ticket des Festivals musste ich so hart kämpfen. Gelohnt hat es sich nur bedingt. Zvyagintsev hat sich bei seinem ersten Film nach langer, unter anderem krankheitsbedingter Pause für das Remake eines Chabrol-Stoffes über eheliche Untreue entschieden, das zuvor schon von Adrian Lyne mit Richard Gere und Diane Lane als Unfaithful verfilmt wurde. Er situiert seine Neubearbeitung in Putins Russland kurz nach dem Beginn des Ukrainekriegs, seziert ziemlich geschickt die sozialen und gesellschaftlichen Befindlichkeiten dieser Gesellschaft, reibt einem das Setting aber nicht permanent unter die Nase und besteht auf der Allgemeingültigkeit der Erzählung. Das ist alles fein, sauber und nicht uninteressant gelöst – aber unterm Strich dann doch etwas egal.

Kühl, vergeistigt und doch vital

Pedro Almodóvar meldet sich in Bitteres Fest / Amarga Navidad (Wettbewerb) nach einigen englischsprachigen Arbeiten wieder reinrassig spanisch zurück. Der Titel, der übersetzt eine bittere Weihnachtszeit erwarten lässt, evoziert eine seiner gefühlvoll-traurigen Melodramen, doch diese Erwartung führt in die Irre. Es handelt sich hier um Almodóvars bislang mit Abstand intellektuell vergeistigsten Film, eine seltsam kühle Meta-Erzählung über den kreativen Schaffensprozess, die bisweilen erzählerisch komplett zu entgleisen droht, doch dank einiger brillanter Kniffe wieder eingefangen wird. Ein Film, an dem Kritiker vielleicht mehr Freude haben dürften als Zuschauer, der Almodóvars nach wie vor vorhandene Vitalität aber ziemlich eindrucksvoll unter Beweis stellt.

Eindrucksvoll waren an diesem Tag mal wieder auch die Filmlängen: mal 140, dann 135, und dann 147 Minuten. Da blieb kulinarisch nur Zeit für trockene Brötchen und lau aufgewärmte Pizza. Aber morgen ist ein neuer Tag, wie Scarlett O'Hara sagen würde.

Neue Kritiken

Kommentare zu „Im Tempel der Leidensfähigkeit – Cannes-Notizen (6)“

Es gibt bisher noch keine Kommentare.






Kommentare der Nutzer geben nur deren Meinung wieder. Durch das Schreiben eines Kommentars stimmen sie unseren Regeln zu.