Nebenwirkung: Blutschwitzen – Cannes-Notizen (2)

Mit einem waschechten B-Movie und retrofuturistischen Nerd-Phantastereien bekommt das Festival eine erfrischende Adrenalinspritze. Radu Jude inszeniert außerdem einen Klassiker auf recht herkömmliche Weise neu und die Regiearbeit eines Schauspielers erweist sich als Studentenerstlingsklischee.

Nach dem gestrigen Autorenfilmer-Valiumdoppel Farhadi/ Pawlikowski, war Species/ Sanguine (Midnight Screenings) von Marion Le Corroller die richtige Adrenalinspritze am Freitagmorgen. Ein waschechtes B-Movie ohne größere Prätentionen, verfolgt er die angehende Notaufnahmeärztin Marion dabei, wie sie sich zwischen tyrannischen Chefs durch die Tücken des Gesundheitssystems manövriert. Nur blöd, dass plötzlich eine neue Blutkrankheit auftaucht, die vor allem der Generation Z zu schaffen macht. Nebenwirkungen: Blutschwitzen, vernarbte Haut, maximale Empathielosigkeit und folglich Top-Performance im Job. Zugegebenermaßen etwas ungelenk inszeniert, changiert der Film ständig zwischen blutiger Komödie, beunruhigendem Körperhorror, ätzender Satire und gesellschaftspolitischer Bestandsaufnahme, ist dabei erfrischend direkt, knallig und kommt ohne Umwege zur Sache. Roh, blutig, augenzwinkernd. Ein sympathisch unperfektes Statement zur aktuellen Weltlage.

Wo wir schon bei Blut sind: Mit Teenage Death and Sex at Camp Miasma (Un Certain Regard) meldet sich Jane Schoenbrun nach den ätherisch-esoterischen Vorgängern We’re All Going to the World’s Fair und I Saw the TV Glow deutlich handfester zurück. Hannah Einbinder spielt Kris, die das in Vergessenheit geratene Slasher Franchise Camp Miasma (Die Freitag der 13.-Reihe steht hier Pate) wieder beleben soll. Hierzu trifft sie das Final Girl des ersten Films der Reihe – Billy Preston, von Gillian Anderson als pragmatisch-verruchte Norma-Desmond-Variante markant in Szene gesetzt. Gemeinsam mit ihr begibt sich Kris auf einen Selbsterweckungstrip der etwas anderen Art. Schoenbrun wirft in ihrem Film Zutaten in einen Topf, die, jede für sich, wie schlechte Witze klingen: an der Scream-Reihe geschulte, gestrig wirkende Metadialoge, überfrachtete Eros & Thanatos-Metaphern (wie einen orgasmusstimulierenden Slasher-Killer namens Little Death (!)), wüste retrofuturistische Nerd-Phantastereien und eine beinahe naiv-kindliche Selbstermächtigungserzählung. Glücklicherweise hat Schoenbrun ein sehr klares Bild davon, was der Film sein soll, und den Mut, die Vision ohne Rücksicht auf Verluste umzusetzen. Alles auf eine Karte gesetzt – und gewonnen. Mit Sicherheit der bislang frischeste Cannes-Beitrag in diesem Jahr.

Radu Jude ist eigentlich ein Berlinale-Urgestein, hat dort auch seine größten Erfolge gefeiert und ist mit The Diary of a Chambermaid (Quinzaine des Cinéastes) zum ersten Mal mit einem Langfilm in Cannes. Hierbei handelt es sich um eine freie Verfilmung von Octave Mirbeaus Roman aus dem Jahr 1900, der bereits von Jean Renoir, Luis Bunuel und Benoit Jacquot verfilmt wurde. Thema heuer wie damals: die sich selbst perpetuierende Heuchlerei der bourgeoisen Gesellschaft, hinter deren glatter Fassade Abgründe lauern. Jude übersetzt das in eine grelle Farce, in der eine junge Rumänin die Dienstmagd bei einem wohlsituierten französischen Paar in Bordeaux macht und darüber die Beziehung zu ihrer eigenen Tochter und Familie auf Spiel setzt. Jude seziert zwar genüsslich und gekonnt die Doppelstandards der höflichen Gesellschaft. Man kann allerdings nicht behaupten, dass ihm allzu viel Neues zum totgerittenen Themenkomplex einfällt. Als Showman und Humorist ist er hier dennoch in Hochform, und das Uhrwerk läuft zwar überraschungsarm, aber dennoch sehr präzise und mit einer gehörigen Portion visuellen Witzes ab.

An einer thematisch ähnlichen, aber tonal eher klassisch dramatischen Variante arbeitet sich der Schauspieler Diego Luna in seinem Regiedebüt Ashes/Ceniza en la Boca (Cannes Premieres) ab. Hier verdingt sich die 21-jährige Mexikanerin Lucila (Anna Diaz) als Haushaltshilfe und Altenpflegerin in Madrid und Barcelona. Die Beziehung zur Mutter leidet, der Bruder droht abzudriften, das Schicksal schlägt zu. Das ist alles genauso uninspiriert und vorhersehbar wie es sich liest. Lunas Film wirkt wie ein brav heruntergekurbeltes, wandelndes Studentenerstlingsklischee der sehr bemühten Sorte. Will nichts falsch machen und langweilt dabei von der ersten Sekunde. Im Cineum-Kino gab es heute bei einer Vorführung gleich zweimal Stromausfall. Leider nicht bei Lunas Film, dies hätte das Screening zumindest etwas aufregender gemacht.

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