Endlose Anmut – Cannes-Notizen (5)
Das ist es: das Meisterwerk des diesjährigen Cannes-Jahrgangs! Unser Rezensent bejubelt Sandra Wollners Everytime, eine Meditation über Trauerarbeit. Warum aber läuft dieser Film nicht im Wettbewerb? Zum Beispiel anstelle von Cristi Mungius Fjord, der der Gesellschaft den Spiegel vorhalten möchte, aber doch nur den breiten, manipulativen Pinsel schwingt.
Zickige Klatschrunde unter Freunden

Ich kann nicht behaupten, dass mit einer Presseakkreditierung die Kartenjagd für die Cannes-Screenings einfacher wäre als mit einem Industrie-Badge, mit dem ich bislang immer auf dem Festival war. Einen Vorteil aber hat die Pressemarke: Die Presse-Screenings der Midnight-Filme finden immer am Morgen nach der großen Premiere im Festivalsaal statt. Dadurch startet man oft maximal erfrischt in den Tag und muss nicht gleich zu Tagesbeginn die großen Probleme der Welt wälzen.
Ein Beispiel: Der Animationsfilm Jim Queen von Marco Nguyen und Nicolas Athané. Perfect Jim ist ein schwuler Influencer, das Gesicht der beliebtesten Pariser Partyreihe und wird von der Community wegen seines perfekten Gym-Körpers angebetet. Sein größter Fan Lucien ist ein magerer Twink, der unter der Fuchtel seiner Mutter steht, die sein Schwulsein nicht akzeptieren will. Als das gefährliche Heterose-Virus alle Schwulen zu Heteros umzumpolen droht, müssen sich der Gym-Bro und der Twink zusammentun, um die schwule Welt zu retten. Der Film nimmt das zum Anlass, schwulen Lifestyle und Kinks liebevoll, frech, mitunter ziemlich unkorrekt zu karikieren. Das ist zwar bescheiden animiert und bietet keine erschütternd neuen Erkenntnisse, ist aber temporeich und gewitzt. Wie eine zickige Klatschrunde unter guten Freunden.
Ein filmisches Wunder

Sandra Wollner machte zuerst 2020 auf sich aufmerksam, in der Encounters-Schiene der Berlinale, damals noch unter der Leitung von Carlo Chatrian. The Trouble with Being Born heimste Einiges an Lob und Preisen ein, mir müffelte das noch nach einer leeren Provokation im Stile Ulrich Seidls. Daher war ich vor Everytime (Un Certain Regard) eher skeptisch, zumal der Film den Tod einer Jugendlichen unter Drogeneinfluss als Ausgangspunkt hat, ein gern genommenes Aufregerthema. Um es kurz zu halten: Wollner macht ein filmisches Wunder daraus. Der Film konzentriert sich auf die Trauerarbeit der Mutter Ella (Birgit Michmayr), der Schwester Melli (Lotte Keiling) und des von Schuldgefühlen geplagten Freundes Lux (Tristán López). Zunächst noch sozialrealistisch, aber dennoch poetisch gehalten, kippt die Stimmung auf einer Urlaubsreise nach Teneriffa zunehmend ins Irreale. Wie Wollner der Trauer jeder der Hauptfiguren einen Raum gibt, gänzlich ohne Schuldvorwürfe auskommt und allen Charakteren endlose Anmut zugesteht: So etwas findet sich im Weltkino aktuell kein zweites Mal. Bildgestaltung, Schnitt und Musik ergeben ein Gesamtkunstwerk, das nie selbstzweckhaft wirkt und zu jedem Zeitpunkt auf die Themen des Films einzahlt. Vielleicht das Meisterwerk des diesjährigen Festivals.
Noch eine Anmerkung: Cannes-Chef Thiérry Frémaux muss sich immer wieder Fragen nach weiblicher Repräsentation gefallen lassen, von den großen Festivals ist Cannes regelmäßig dasjenige, bei dem die wenigsten Regisseurinnen im Wettbewerb vertreten sind. Ich will hier keine Diskussion über das Für und Wider von Quoten führen, zumal viele Filme im offiziellen Wettbewerb, ob von Frauen oder Männern, bislang eher mittelmäßig waren. Aber wenn man so ein Highlight einer Regisseurin im Programm hat wie Everytime - warum dieses nicht für den Wettbewerb programmieren und es, wie jetzt geschehen, in die Nebensektion Un Certain Regard schieben? Wahrscheinlich liegen Geschmacksurteile zugrunde und über diese lässt sich nicht streiten. Dennoch, dieser Film und Wollner hätten ein größtmögliches Forum und eine Chance auf die Hauptpreise des Festivals verdient gehabt.
Faule Ausrede

Love is a Gypsy Child: A Carmen Story (Quinzaine des Cinéastes) lautet der etwas umständliche Titel von Sébastien Laudenbachs Film, einer Neuinterpretation der klassischen Erzählung bzw. Bizets Opernversion derselben. Man verfolgt das Geschehen aus dem Blickwinkel des Jungen Salvador, der sich als Assistent eines blinden Messerschleifers verdingt, Carmen bei einem nächtlichen Bad überrascht und sie daraufhin um jeden Preis vor dem Schicksal, das sie erwartet, beschützen will. Bis auf ein paar modisch-feministische Lippenbekenntnisse fällt Laudenbach interpretatorisch wenig zum Evergreen ein und drehbuchtechnisch kommt die Geschichte allzu behäbig aus den Startlöchern. Dafür entschädigen beeindruckende Animationen sowie eine regelrechte Farbenexplosion auf der Leinwand.

Das größte Ärgernis des Tages kommt zum Schluss. In Fjord (Wettbewerb) sehen sich Sebastian Stan und Renate Reinsve als gläubige Christen dem scheinbar grenzenlosen, diabolischen Machtapparat des repressiv-progressiven norwegischen Staates ausgesetzt, der ihnen die christliche Erziehung ihrer Kinder untersagen, bzw. ihnen die Sprösslinge am besten gleich wegnehmen will. Regisseur Cristian Mungiu schwebt wohl eine schonungslose Demaskierung der Hybris und Heuchelei sich rational und emphatisch gebender moderner demokratischer Gesellschaften vor, in denen sich im Namen der Aufklärung Intoleranz und Repression breit machen. Dass der Film hier und da eventuell einen Punkt haben mag - geschenkt. Der breite, manipulatorische Pinsel, den Mungiu schwingt und die permanenten gotcha-Momente lassen das Theater irgendwann zum nur noch ärgerlichen Komödiantenstadl verkommen. Das sieht Mungiu wohl irgendwann selbst ein und baut spät noch schnell ein paar Ambivalenzen ein, die in diesem Fall aber wie faule Ausreden wirken. Ein Film, der unbedingt der Gesellschaft den Spiegel vorhalten will, aus dessen Spiegelbild aber nur die eigene hässlich-vulgäre Fratze zurückblickt.














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