Die Dinge sind, wie sie sind – Cannes-Notizen (4)
Jackenverlust, falsche Palmen, 5 Screenings am Tag: Unser Mann in Cannes ist im Dauerstress. Aber was tut man nicht alles für Väter und Töchter (mal von Dupieux, mal mit Bardem), einen bestialischer Killer-Barbie (Lars Eidinger) und einen im 1. Drittel fulminanten SciFi-Horror-Monster-Western (Na Hong-jin), der dann aber... lesen Sie selbst!

Tag 4 in Cannes. Während der ersten drei Tage dachte ich, ich halte das Tempo von fünf Screenings am Tag plus Texten unmöglich eine ganze Woche durch. Mittlerweile habe ich mich in den Festivalmodus eingegroovt, aber erste kognitive Verfallserscheinungen geben zu denken. So ging bereits eine Jacke im Screening im Theatre Croisette verloren (ist bei Lost & Found wieder aufgetaucht). Und mein Chefredakteur muss mich immer wieder korrigieren. So war ich zum Beispiel felsenfest davon überzeugt, dass Hamaguchi mit Drive my Car bereits die Goldene Palme gewonnen hat. Die künstliche Intelligenz hätte den Fehler sicher nicht gemacht. Cannes macht es einem mit seinen spät programmierten 140- bis 196-Minütern auch nicht immer leicht. Aber die Dinge sind, wie sie sind.
Zumindest am frühen Morgen lassen die Programmer Gnade walten. Quentin Dupieuxs Full Phil (Midnight Screenings) macht mit schlanken 78 Minuten den Auftakt. Woody Harrelson und Kristen Stewart teilen sich als Vater-Tochter-Paar eine Suite in einem Pariser Luxushotel, die Bevölkerung protestiert, Kristen schlemmt unentwegt französische Köstlichkeiten während sie einen Film über ein Köpfe verschlingendes Monster schaut, Woody will sich mit dem Aufenthalt der entfremdeten Tochter wieder annähern, provoziert aber nur weitere Konflikte, bis er buchstäblich zu zerplatzen droht. Aus der Grundsituation macht Dupieux ein wunderbar getimtes Dialogstück voll trockenen Humors, das unter der Oberfläche mit leichter Hand Themen wie männliche Identitätskrisen, intergenerationelle Konflikte sowie die Last und den Preis des Elternseins behandelt. Das ist emphatisch, witzig und oft ganz schön bitter.
Vulkanisch eruptive Psychodynamik

Javier Bardem und Victoria Luengo spielen im spanischen Wettbewerbsbeitrag El Ser Querido/ The Beloved von Rodrigo Sorogoyen ebenfalls ein Vater-Tochter-Paar, das etwas wirkt, als ob es sich aus der Bergman’schen Fårö -Einöde auf die iberische Halbinsel verirrt hat. Nachdem sie sich über ein Jahrzehnt nicht gesehen haben, platzt Esteban, mittlerweile ein erfolgreicher Regisseur im US-amerikanischem Exil, wieder in das Leben seiner Tochter Emilia. Sie soll die Hauptrolle in seinem neuesten Projekt namens Desert/Desierto übernehmen. Während der Dreharbeiten kochen lange unterdrückte Konflikte hoch. Im Grunde ein sehr klassischer Dramastoff, den Sorogoyen etwas unnötig mit allerlei stilistischen Mätzchen versieht. Das macht aber kaum etwas, denn der Kern der Geschichte, nämlich die genau beobachtete, vulkanisch eruptive Psychodynamik seiner zwei Hauptfiguren ist äußerst stimmig geraten. Die Szenen, in denen Bardem und Luengo aufeinandertreffen, sind herrlich komponiert und lassen einen erschöpft und atemlos in die Sitze sinken. Bardem tritt mit beinahe alttestamentarischer Wucht auf, ohne ins Overacting abzudriften, Luengo hält tapfer und wirkungsvoll dagegen. Mit einer während eines Lunchs angesetzten Drehszene gelingt Sorogoyen zudem ein Meisterstück psychologischer Spannungsdramaturgie.
Wunderschöner Gilles Lellouche

László Nemes arbeitet hart und präsentiert nach Orphan (2025 in Venedig) heuer in Cannes mit Moulin (Wettbewerb) bereits seinen nächsten Streich. Ich bin weder Fan seiner bedeutungsschwangeren Erzählweise noch seiner gelb ausgewaschenen Ästhetik. In der Geschichte des französischen Resistance-Kämpfers Moulin hat mir dennoch einiges gefallen. Dem Vernehmen nach der einzige Film in Cannes, der dieses Jahr von 35 mm projiziert wurde, punktet Moulin mit einer tadellosen Widescreen-Photographie und unglaublichen Texturen; ästhetisch ist der Film ein Hochgenuss. Gilles Lellouche ist wunderschön anzuschauen und gibt eine noch schönere, sehr unterspielte Performance. Lars Eidinger lässt es als bestialischer Nazi-Schlachter Klaus Barbie richtig knallen. Technisch perfekt, spannend und sehr routiniert gemacht ist das alles durchaus. Allerdings zieht Nemes die Geschichte mehr oder weniger als eine reinrassige Naziploitation-Foltershow in Arthouse-Kleidern auf, mit Eidinger als Mischung aus Freddy Krueger und dem Jigsaw-Killer. Ob dies bei einem Thema solcher Tragweite geschmackssicher und sinnhaft ist - darüber lässt sich sicher trefflich streiten.
Prachtvolle Monsterhatz genießen und den Rest vergessen

Hope von Na Hong-jin, der erste Film des koreanischen Genre-Auteurs seit dem Horrorshocker The Wailing (2016) war an der Croisette heiß erwartet worden. Bis zuletzt soll am Schnitt gewerkelt worden sein, und laut Berichten in einigen Medien war es gar nicht sicher, ob der Film pünktlich zum Festival fertig würde. Schaut man sich die erste Stunde an, versteht man auch sofort, warum das so lange gedauert hat. Der Film feuert in den ersten 60 Minuten eine lehrbuchmäßige, dermaßen perfekt inszenierte und geschnittene Monsterhatz ab, dass sie ab sofort als Pflichtprogramm auf alle Filmschulen gehört. Das Monster hält der Film dabei, wie es sich gehört, die gesamte Zeit geschickt verborgen, erst kurz vor dem Ziel sieht man es in seiner ganzen Pracht. Ich war kurz davor, einen neuen SciFi-Horror-Western-Klassiker auszurufen. Aber ist die Katze erst einmal halb aus dem Sack, vermeldet der Film leider einen kompletten Kurzschluss und fährt erst sanft und irgendwann dann komplett runter. Zu diesem Zeitpunkt sind aber dann noch 100 weitere Minuten zu füllen. Inhaltlich fällt dem Film dann kaum noch etwas ein, dramaturgisch noch weniger, und man bekommt immer mehr den Eindruck, Hong-jin schwebt eine eigene, von Avatar inspirierte Franchise vor. Die leider dann genauso öde wirkt wie ihre Vorbilder. Daher nur als Tipp: Reingehen, die ersten 60 Minuten genießen und den Rest vergessen.













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