Irgendeinen Tod muss man sterben – Cannes-Notizen (3)
Populistisches queeres Kino mit Hollywood-Anklängen, fade Blutsuppe aus Südkorea, ein fast-Meisterwerk, dem die Anthroposophie dazwischen kommt und ein japanischer Roboterfilm mit rekordverdächtig wenig Applaus: Unser Kolumnist erlebt an seinem dritten Cannes-Tag Licht und Schatten.

Mut zur Lücke heißt es für mich am dritten Festivaltag. Die Wettbewerbsbeiträge von Marie Kreutzer und James Grey laufen zu sehr unchristlichen Zeiten, hole ich dann bei den Wiederholungsvorstellungen kommenden Samstag nach. Oder auch nicht. Irgend einen Tod muss man bekanntlich sterben.
Cannes fällt in diesem Jahr ziemlich untypisch durch eine Präsenz von queeren und LGBTQIA-Stoffen auf, wie man sie in dieser Dichte sonst eher bei der Berlinale findet. Einer der am besten besprochenen Titel ist das Regiedebüt des amerikanischen Komikers Jordan Firstman, Club Kid (Un Certain Regard). In diesem erfährt der schwule, drogenumnebelte Partyveranstalter Peter, nachdem er zehn Jahre seines Lebens hedonistisch dem Sex und Drogenkonsum gewidmet hat, dass er in der Zeit eine Frau geschwängert haben muss. Das Produkt der wohl eher beiläufigen Liaison steht irgendwann in seinem New Yorker Apartment. Da die biologische Mutter tot ist, muss Peter seinem bisherigen Lifestyle abschwören und sich um das Kind Arlo kümmern. Firstman strickt daraus eine energiegeladene Indie-Komödie, die durch geschliffene Dialoge, einen sympathischen Cast und einen emphatischen Blick auf die Figuren punktet. Formal und inhaltlich ist er dabei eher klassisch Hollywood-esk unterwegs, große Experimente kann man nicht erwarten. Wer damit fein ist, bekommt zwei Stunden gelungene populistische Unterhaltung mit Anklängen an die frühen Arbeiten Sean Bakers. Schon schön.
Unbedingt mehr Menschlichkeit

Ein anderes Thema, das Cannes dieser Tage beschäftigt: Der Hantavirus. Der Schauspieler Vincent Macaigne erinnerte die Quinzaine-Besucher bei der Vorstellung des neuen Radu Jude-Films am Freitag augenzwinkernd daran: man solle doch die Zeit genießen, die man hat, wer weiß, ob es uns in sechs Wochen noch alle gibt. Und nach Sanguine bietet mit Colony (Midnight Screenings) des Koreaners Yeon Sang-ho gleich der zweite Film innerhalb genauso vieler Tage eine Blut- und Virusmutation, die es nicht gut mit der Menschheit meint. Leider vermag Yeon aus seiner Grundidee viel weniger Kapital zu schlagen als seine französische Regiekollegin. Bei Colony handelt es sich mehr oder weniger um ein Update seines Films Train to Busan. Von einem Zug wird die Handlung in ein Hochhaus verlegt, als Twist wird den Zombies ein kollektives Bewusstsein verpasst und das Ganze mit viel unnötigem Melodram auf über zwei Stunden Lauflänge gestreckt. Hätte ein Film zur Zeit sein können, verliert sich aber in uninspirierten Body Snatcher- und Dawn of the Dead-Zitaten und ist zudem handwerklich schlampig. Vincent Macaignes als Witz gedachte, kurze Bemerkung beim Screening hatte mehr Bedrohungspotenzial als 123 Minuten dieser ziemlich faden Blutsuppe.

Die amerikanischen Studios sind dieses Jahr an der Croisette eher spärlich vertreten, die Lücke füllen Filme aus Frankreich, Spanien und Japan. Die Japaner schicken mit Ryusuke Hamaguchi und Hirokazu Kore-eda sogar zwei ehemalige Cannes-Preisträger ins Rennen. Den Anfang macht Hamaguchi mit einem zu großen Teilen in Frankreich gedrehten Film. Glaubt man den vor Ort versammelten Journalisten, hat er mit Soudain/ All of a Sudden gute Chancen auf den Hauptgewinn. Die guten Nachrichten zuerst: Die sehr selbstbewussten 196 Minuten trägt der Zuschauer mit Fassung, Hauptdarstellerin Virginie Efira ist fantastisch und ihre platonische Romanze mit Kollegin Tao Okamoto kann schon heute als eine der großen auf Film gebannten Liebesgeschichten zwischen zwei Frauen gelten. Hätte es der Film dabei belassen, könnten wir von einem Meisterwerk sprechen. Doch Hamaguchi geht es um mehr: Die von Efira gespielte Leiterin eines Altersheims will unbedingt mehr Menschlichkeit in den vom gewissenlosen kapitalistischen System optimierten Betrieb bringen. Was dazu führt, dass sich die Heimbewohner irgendwann alle im grünen Gras gegenseitig die Füße massieren. Das ist bisweilen wunderbar sanft, menschlich und humanistisch geraten, aber ich war mir nicht sicher, ob das jetzt eine zutiefst hoffnungsfrohe Vision menschlichen Miteinanders ist oder ein Blick in die New-Age-Hölle einer anthroposophischen Kommune. Vielleicht bin ich in den Worten des Films auch einfach ein zynischer, demokratieverwahrloster Stadtbewohner, unempfänglich für die Sehnsüchte und Probleme der Volksseele.
Ohne jeglichen Puls

Hirokazu Kore-eda setzt in Sheep in the Box seine Auseinandersetzung mit Familienkonstellationen und dem Spannungsfeld zwischen biologischer und gewählter Familien fort, diesmal mit einem Science-Fiction-Twist. Ein Ehepaar, welches seinen Sohn unter ungeklärten Umständen verloren hat, ersetzt ihn durch einen humanoiden Roboter, der bald darauf den Wunsch nach Unabhängigkeit verspürt. Wunderbar ausgestattet und fotografiert, geht es dem Film alsbald wie einem der Roboter: Er wirkt leblos und ohne jeglichen Puls. Kore-eda entwickelt weder Geschichte noch Figuren, der schwache Plot verläuft sich, die Science-Fiction-Elemente sind halbgar, sein sonst meisterhafter Sinn fürs Melodram geht ihm völlig ab. Am Ende steht man ziemlich ratlos da. Bei der Weltpremiere im Grand Theatre Lumiere gab es dem Vernehmen nach eine rekordverdächtig kurze Standing Ovation. Ich habe den Film in einem Pressescreening gesehen, hier war nach der Vorführung nur Schweigen.











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