Ingeborg Bachmann - Jemand, der einmal ich war – Kritik
Ingeborg Bachmann in her own visionary words. Mit Schauspielerin Sandra Hüller als Medium, das die Gefühlsregungen der österreichischen Dichterin in einer vielschichtigen Textcollage sichtbar macht. Dabei bleiben sie getrennte Figuren. Und das ist gut.

Vor diesem Film hatte ich ein bisschen Angst, gerade weil ich Ingeborg Bachmanns Werk schätze. Schon das letzte Biopic über sie war ziemlich enttäuschend. Aus Biografien von Schriftstellern gutes Kino zu machen, ist wohl immer eine Herausforderung. Denn ihre Kunst entsteht im Kopf, beim Denken, Lesen, Schreiben – alles Aktivitäten, die fürs Filmemachen nicht viel hergeben. Vielleicht auch deshalb hatte Margarethe von Trotta in ihrem Spielfilm von 2023 Ingeborg Bachmann – Reise in die Wüste nicht Bachmanns Texte ins Zentrum der Handlung gerückt, sondern ihr Verhältnis zu Max Frisch. Das Ergebnis war ein biederes Beziehungsdrama, das auch Vicky Krieps in der Titelrolle nicht retten konnte. Jetzt also zum 100. Geburtstag der Schriftstellerin ein neuer Versuch mit Sandra Hüller, dem derzeit prominentesten deutschen Kinogesicht. Ob das gut geht?
Es beginnt mit einem Cinema-Verité-Moment: Die Schauspielerin bekommt von einer Maskenbildnerin eine blonde Perücke à la Bachmann aufgesetzt. Damit sieht Sandra Hüller aber eigentlich immer noch aus wie Sandra Hüller. Dann führt die Regisseurin sie durch eine schöne Wohnung in Rom – den Hauptschauplatz des Films. Dazwischen geschnitten: erste Bilder von der echten Ingeborg Bachmann, wie sie in einem ähnlichen Apartment auf dem Sofa oder an der Schreibmaschine sitzt. Wenig später schauen wir Sandra Hüller dabei zu, wie sie im hellblauen Bademantel auf der Terrasse liegt, die Blumen gießt, nachdenkt, raucht, trinkt und manchmal auch einen Kernsatz von Bachmann sagt, mehrfach gleich, wie eine Sprechübung vor der Kamera. Meist aber spielt sie stumm, während wir im Voice-over Passagen aus Bachmanns Büchern hören, besonders aus Malina, ihrem großen, autobiografisch gefärbten ersten Roman, der 1971 erschien. Es sollte ihr letzter sein. Bachmann starb 1973 unter tragischen Umständen in Rom. Nachts im Bett hatte ihr Nachthemd Feuer gefangen – vermutlich durch eine Zigarette.
Existenzielle Gefühlsstürme, doch ruhige Bilder

Rom Anfang der 70er ist auch der Fixpunkt des Films. Ingeborg Bachmann ist 45, eine gefeierte Lyrikerin, die nach jahrelangen Schreibblockaden mit Malina endlich wieder im Gespräch ist. Das Buch über eine komplizierte Dreiecksbeziehung führt wochenlang die Bestsellerlisten an, die Schriftstellerin geht auf Lesereisen, wird für Interviews angefragt. Gleichzeitig quälen sie immer noch Angstzustände, sie ist alkohol- und tablettenabhängig. Und einsam. Regina Schilling nähert sich den existenziellen Gefühlsstürmen mit ruhigen Bildern. Sie versucht kein dramatisches Re-Enactment – kein brennendes Bett, kein hysterischer Zusammenbruch – sondern lässt Bachmann durch ihre Texte sprechen. Aus Erzählungen, Romanfragmenten, Briefen und Tagebucheinträgen hat die Regisseurin eine vielschichtige Textcollage zusammengewebt, die das narrative Gerüst des Films bildet.
Ingeborg Bachmann in her own visionary words, sozusagen. Die Texte hat Sandra Hüller bereits vor dem Dreh eingesprochen. In den Spielszenen bekam sie Bachmanns Worte dann per Knopf ins Ohr gespielt, erfährt man aus dem Pressematerial, und konnte sich so ohne Rezitationszwang intuitiv in Bachmanns Welt einfühlen. Dabei verschmilzt sie niemals ganz mit der Rolle. Die berühmte österreichische Dichterin und die bekannte deutsche Schauspielerin bleiben getrennte Figuren. Hüller fungiert mehr wie ein Medium, das Bachmanns Gefühlsregungen performativ sichtbar macht. Meist sehen wir sie bei alltäglichen Beschäftigungen, Auto fahrend, durch Rom flanierend, schlaflos durch die Wohnung irrend. Einmal wandert sie bei glühender Hitze durch die etruskische Nekropole Cerveteri und legt sich ungeniert in eine der Grabmulden – ein fast heiteres Bild für eine Dichterin, deren Werk immer wieder um Mord, Tod und Auslöschung kreiste. Ein anderes Mal durchbricht Sandra Hüller Bachmanns Schwermut mit einem ausgelassenen Tanz am Ufer des Tiber – ein magischer Moment, der so vielleicht nie stattgefunden hat, aber wunderbar die emotionale Achterbahnfahrt der Dichterin einfängt.
Sprache als Mordversuch an der Wirklichkeit

Natürlich sehen wir Bachmann auch im Original, hören ihre unverkennbare Stimme, den weichen Kärntner Dialekt, ihren zögernden Sprachrhythmus. Schilling hat in den Archiven viele Aufnahmen von Lesungen und Interviews mit der Dichterin gefunden. Kein Wunder! Bachmann war in den 50er, 60er Jahren das It-Girl der Literaturszene: gefeierter Star der Schriftsteller-Gruppe 47, Spiegel-Cover Story mit 26, Opernprojekte mit Komponist Hans Werner Henze, Geliebte von Paul Celan und Max Frisch. Wie einzigartig und mitunter auch belastend dieser Erfolg war, zeigen die Reaktionen der alten Herrenbünde. Von Reportern wird sie mal angehimmelt, mal als kapriziöse Diva verschrien. Oder auch ganz unverschämt gefragt, warum sie eigentlich immer noch unverheiratet sei. Ihre Bindungsangst und ihr Hadern mit der Rolle als Frau wird ihr als fehlgeleiteter maskuliner Ehrgeiz ausgelegt. Geradezu erschütternd klingen die frauenfeindlichen Äußerungen des Literaturkritikers Marcel Reich-Ranicki, der damals ernsthaft argumentierte, es gäbe nur so wenige bedeutende Dichterinnen, weil Frauen dafür einfach die Begabung fehle.
In ihren Texten hat sich Bachmann immer wieder gegen solche Zumutungen gewehrt. Schon 1960 schrieb sie von Sprache als „Mordversuch an der Wirklichkeit“, ein Zitat, das perfekt zu den Genderdiskussionen von heute passt. Sie hat auch über „Mansplaining“ geschrieben, über Femizid, darüber, dass das Patriarchat alle krank macht, Männer wie Frauen. Das ist die eigentliche Überraschung dieses Films: Dass er Ingeborg Bachmann nicht nur als historische Figur in ihrer Zeit verankert, sondern das radikal Zeitgenössische ihres Denkens in den Vordergrund stellt. Gerade weil er nicht auf das akribische Nachspielen biografischer Ereignisse setzt, sondern auf atmosphärische Verdichtung und schauspielerische Improvisation, und dabei das literarische Werk in den Mittelpunkt rückt, verleiht er Bachmanns Stimme neue Dringlichkeit. Und lässt ihren widerspenstigen, selbstkritischen, messerscharfen Geist verführerisch funkeln. Ich wollte nach dem Film jedenfalls sofort Malina lesen.
(Der Roman Malina wurde 1991 übrigens von Werner Schroeter verfilmt, nach einem Drehbuch von Elfriede Jelinek und mit Isabelle Huppert und Mathieu Carrière in den Hauptrollen. Doch das ist wieder eine andere Geschichte.)
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