Staatsschutz – Kritik
Staatsschutz von Faraz Shariat radikalisiert sich mit seiner Hauptfigur – aber beide gehen nie zu weit. Das Ergebnis ist ein Film mit einer vielleicht allzu klaren Agenda, der aber durch das Prisma der Genrebrille überraschend präzise auf den aktuellen deutschen Rassismus zu blicken vermag.

Seyo Kim (Chen Emilie Yan) ist die zerrissene Hauptfigur eines zerrissenen Films. Als Staatsanwältin arbeitet sie für ein Rechtssystem, das allzu oft auf dem recht(-sextrem)en Auge blind bleibt. Gleich zu Beginn muss sie für einen Typen, der mit „HKNKRZ“-Pulli vor Gericht erscheint, den Freispruch fordern – auch wenn sein schwarzes Opfer darauf beharrt, rassistisch angegriffen worden zu sein. Aber der Täter meint, es war nur ein Versehen. Es war dunkel. Aussage gegen Aussage, keine Zeugen, klassisches Beweisproblem. Weil das Recht ganz genau hinschauen, jeden Zweifel ausräumen, alle möglichen Versionen der Wahrheit zulassen muss, hat es zuweilen keinen Blick für das Offensichtliche. Oder will es ihn nicht haben? „Sie verstehen schon, was auf dem Pulli steht“, sagt Seyo zum Richter. „Na, machen sie mal die Jacke zu“, sagt der darauf. Zip. Reißverschluss zu, Hakenkreuz weg: Da sitzt ein Bürger wie jeder andere. Einer, der objektiv und unvoreingenommen beurteilt werden muss.
Es geht um alles

Staatsschutz ist ein Gerichtsfilm, dem allmählich der Glauben an das Recht abhandenkommt. Ein Film, der es erstmal angenehm genau nimmt mit der juristischen Wirklichkeit, mit Prozessordnung, mit Akten und behördlichem Alltag – der aber mehr und mehr abgleitet in Misstrauen, Verdacht und Verschwörungstheorien. Das allererste Bild ist direkt ein Mission Statement: eine lange statische Totale auf einen in pechschwarze Dunkelheit getauchten Gerichtssaal, in den mit den langsam hochsurrenden Jalousien erst allmählich graublaues Zwielicht dringt, während draußen der Donner grollt. Die Bühne ist bereitet. Die Zeichen stehen auf Sturm. Es geht um alles. Verhandelt wird hier der Rechtsstaat selbst. Dessen Zustand offenbart sich in einem Land mit stabilen Umfragehochs für eine rechtsextreme Partei darin, wie die Justiz diejenigen behandelt, die in den Augen der der extremen Rechten mindestens unterdrückt, am liebsten aber verbannt und manchmal gar eliminiert werden sollten.
So auch die deutsch-koreanische Seyo. Nur knapp entkommt sie bei einem brutalen Brandanschlag dem Tod. Ein Schock, den Regisseur Faraz Shariat stark inszeniert – mit statischer Kamera, aus extremer Distanz, kein bisschen affektiv, stattdessen präzise beobachtend, fast forensisch. Ohne Vorankündigung explodiert Hitze in die kühle Inszenierung, bricht die Gewalt von außen ins Bild und damit in das Leben der Hauptfigur. Insofern kann man präzisieren: Seyo Kim ist nicht zerrissen. Das klingt zu psychologisierend, wie ein Charakterzug. Seyo wird zerrissen, ein Riss wird gewalttätig in ihr aufgetan, von anderen. Chen Emilie Yan spielt den daraus resultierenden Schmerz in zwei der intensivsten Momente des Films als physische Extremerfahrung: In Heul- und Schreikrämpfen des Schmerzes, nicht der Schwäche, zerreißt die tiefe Verwundung ihre sonst meist gewahrte Contenance. Aber sie hat genug Kontrolle, so lange zu warten, dass kein Täter sie sehen kann.
Zwischen Genre- und Fernsehspiel

Seyos Fall wird von ihrer eigenen Behörde übernommen, aber sie wird als Betroffene von den Ermittlungen ausgeklammert. Sie ist „zu nah dran“, „nicht mehr objektiv.“ Als sie erlebt, wie die Ermittlungen verschleppt, die Akten verlegt, die Spuren nicht verfolgt werden, kippt ihr ohnehin nur mühsam aufrecht erhaltenes Vertrauen in den Staat, und der Film morpht vom Justiz- zum Paranoiathriller.
Staatsschutz ruft mit mechanischen Kamerafahrten durch betongraue, festungsgleiche Amtskorridore und mit atonalen, angespannten musikalischen Motiven gekonnt das fundamentale, allumfassende Weltmisstrauen des amerikanischen Kinos der 1970er auf – und findet so in der Filmgeschichte eine effektive Form für die Alltagserfahrung einer migrantisierten Frau im Deutschland von heute. Was ist Wahrheit, was ist Wahn? Wenn die Bäckerin Seyo anschnauzt, weil sie Hackepeter Mett nennt – ist dies ganz alltägliche deutsche Unfreundlichkeit, oder schon Rassismus? Wenn der Chef ungefragt davon ausgeht, dass sie Karriere machen will – ist das nur gönnerhaft oder sieht er das Klischee der leistungsfixierten Asiatin? Shariat grundiert jede zwischenmenschliche Begegnung von Biodeutschen und Migrantinnen mit Misstrauen und Abgründigkeit – von einer etwas übereifrigen Verteidigerin (Julia Jentsch) mal abgesehen.
Wo Shariat mit schlauen Genreverweisen, starken Inszenierungsentscheidungen und düsteren Stimmungen beunruhigende Atmosphären baut, drängt das Drehbuch (Claudia Schaefer, Sun-Ju Choi, Jee-Un Kim) in Richtung Eindeutigkeit. Die Nebenfiguren sind arg funktionalistisch und ohne Ambivalenzen, man kann sie recht problemlos in gut, böse und unentschlossen einteilen. Das wird auch meist brav runtergespielt – mit Ausnahme von Kathrin Angerer, die mit der ihr eigenen knapp im Zaum gehaltenen Gereiztheit die rassistische, aber sich nie preisgebende Verteidigerin eines Faschisten gibt. Die Dialoge klingen oft klischiert und wollen ja nicht missverstanden werden – etwa, wenn Quant (Sebastian Urzendowsky), ein allmählich ins Zweifeln an der eigenen Behörde kommender Kollege Seyos ihr, der studierten Juristin, mehrmals ungefragt kleine Referate aus dem Einführungsseminar Staatskunde hält. Oder gelten sie eher uns Zuschauenden? Staatsschutz wirkt da oft zerrissen zwischen Autorengeste und TV-Film, zwischen postmigrantischem und allzu deutschem Filmemachen.
Rache ist eine Option

Als Ganzes findet Staatsschutz keine Lösung, keine Klärung – und bleibt damit ein Film, der viel zu sagen hat. Er radikalisiert sich quasi zunehmend selbst, entlang seiner Hauptfigur. Denn als in ihrem Verfahren nichts passiert, besinnt sie sich darauf, dass in Deutschland ja nicht die Polizei, sondern die Staatsanwaltschaft Herrin des Verfahrens ist und ermitteln darf. Seyo bricht also in Keller ein, stellt Verdächtigen nach, treibt sich im faschistischen Internet herum – und deckt allmählich eine Verschwörung bis in die eigene Behörde auf. Sie bricht das Gesetz, um nicht den Glauben daran zu verlieren. Und geht noch weiter: Sie kauft sich einen rabenschwarzen Dodge und beginnt, den Nazis mit aufheulendem Motor nachzustellen. Wenn ich nicht sicher bin, dann seid ihr es auch nicht.
Shariat treibt Staatsschutz so vom Gerichts- zum Paranoia- bis in den Vigilante-Thriller. Von Justiz zu Selbstjustiz. Untermalt von Synthie-Musik und in blutrotes Licht getaucht rollt Seyo in ihrem Wagen durch die dunklen deutschen Nächte, als säße sie im Batmobil. Aber Shariat belässt es klugerweise dabei, die Vigilante-Figur zu evozieren und keine Tarantino-hafte filmische Traumjustiz zu exekutieren. Dafür ist ihm das Problem des systemischen Rassismus zu ernst. Und so stellt Staatsschutz ganz offen die Frage, was Betroffene tun sollen, wenn der Rechtsstaat versagt: Vor dem Horizont eines idealen, von menschlichen Ränken freien Rechts weiter an seiner Durchsetzung arbeiten – oder das Recht selbst in die Hand nehmen? Die Strukturen von innen verbessern – oder außerhalb alternative Schutzmechanismen aufbauen, Solidarität und Selbstverteidigung üben? Shariat deutet an, dass man aus migrantischer Perspektive derzeit am besten zweigleisig fahren sollte. Aus purem Pragmatismus. Work for the best, prepare for the worst, sozusagen. Und das scheint ein guter Ratschlag zu sein, angesichts der Dinge, die da kommen könnten.
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