Sechswochenamt – Kritik

Sich mit der Wirklichkeit herumschlagen, obwohl man kaum noch atmen kann: In Sechswochenamt muss eine junge Frau nach dem Tod ihrer Mutter deren Bestattung organisieren. Die Einwohner des niederrheinischen Erkelenz schicken sie dabei durch einen Parcours aus Vorschriften und Erwartungen.

Lore (Magdalena Laubisch), 25 Jahre alt, sitzt im Hospiz am Sterbebett ihrer Mama. Man hört Lore atmen, Luft geht raus, Luft geht rein, wie bei allen, nur die Mama macht das nicht mehr mit. Sie ist gerade gestorben und hat ein letztes Mal aus tiefster Seele geseufzt. Von nun an kommt nichts mehr von ihr, kein Mucks, nie mehr. Lores Weinen wird eine kleine Melodie, die sie für die Mama wimmert.

Es ist April 2020, alles ist noch mal kalt geworden. Das Auto der Mutter ist vor dem Hospiz eingefroren, es gibt einen Strafzettel für Falschparken und abgelaufenen TÜV. Covid und die Abstandsregeln haben eingesetzt; überall sterben Leute, Bergamo kommt in den Nachrichten. Lore muss sich nun bis zum titelgebenden katholischen Sechswochenamt um die Formalitäten der Bestattung kümmern und um den „janzen Driss“, wie man in ihrer Gegend sagt. Beziehungsweise:

Dä janze Pröll

Regisseurin Jacqueline Jansen, geboren 1994 in Erkelenz/NRW, aufgewachsen auf einem Kohlbauernhof, arbeitete vor Sechswochenamt auf über vierzig nationalen und internationalen Filmsets. 2021 drehte sie den dokumentarischen Langfilm No Way Home über ihren Vater, einen Landwirt, der sein Leben hinter sich ließ und seinem Traum folgte. Sechswochenamt ist Jansens erster, autofiktionaler Spielfilm. Keine öffentliche Förderung, die Mitarbeitenden verzichteten auf Honorare; private Sponsoren finanzierten den Rest. Jansen stemmte Dehbuch, Schnitt, Regie, Casting und Produktion.

Im Städtchen Erkelenz (zwischen Aachen und Mönchengladbach) spielt auch der Film. Dort bewohnt Oma Inge (Gerta Gormanns) einen betagten Bauernhof in einer Straßenzeile mit ortstypischem Backstein-Look. Lore erzählt ihr das mit Mama.

Oma Inge ist ein darstellerisches Highlight. Aus dem Leben und bodenständig herzlich, auch wenn sie so streng konservative Sachen sagen kann, dass man schlucken muss. Sie nimmt ihr Enkelkind in den Arm und schimpft erst mal in ihrem Dialekt auf „de janze Pröll“ (alle Mundart-Passagen sind hochdeutsch untertitelt). Ihre Sprache ist ein schaukelnder, leise jammernder, fast mittelalterlicher Singsang, voller Assoziationen und Erinnerungen. Auch andere in dem Film reden in diesem grammatisch eigenwilligen Slang. Sprache ist diesem schlicht und unspektakulär guten Film auf interessante Weise wichtig.

Alice in Erkelenz

Logisch, aber zum Verzweifeln: Man erlebt nur einmal und dann zum ersten Mal, dass die Mutter stirbt. Man kann da auf keine Erfahrung zurückgreifen, und die Mama kann auch keinen Rat mehr geben. Wie man sich jetzt fühlt und wie die Leute sich dazu verhalten: Alles ist neu und befremdlich wie bei Alice im Wunderland.

Lore versucht, die Fassung zu bewahren. Die Wirklichkeit ist ein gemeinschaftliches Projekt, das erhalten und fortgeführt werden will, auch dort, wo es absurd und fadenscheinig wirkt. Man stülpt sich da als Individuum ein Stück weit raus und macht sein Ding aus seinem Part – der eine so, der andre so. Wie auch die kongenialen (Laien-)SchauspielerInnen in Sechswochenamt: die Omm’ schön oldschool bäuerlich und urig; Profi-Bestatter Küppers (Markus Forg-Thelen) facettenreich zwischen bürgerlich-jovial und „knallhart“, jedoch auch nett und hilfreich.

Beflissen erläutert Küppers die konventionellen Wege der Bestattung. Und dazu – „ich bin ja nicht Bestatter geworden, um das Gesetz glücklich zu machen“ – auch die unkonventionellen, über Holland abgewickelten „Verstöße gegen den Friedhofszwang und Störung der Totenruhe“, für die man eine hohe Geldstrafe oder drei Jahre Knast bekommen kann. Streng fragt er, warum die Verstorbene sich mal nicht informiert hat, ob sie überhaupt darf, was sie da will (in einem weißen Sarg verbrannt und im Mittelmeer verstreut werden); jede kleine Reise plane man, warum ausgerechnet das jetzt nicht?

„Denken Sie darüber nach, und nehmen Sie sich Zeit… bis morgen“

Lore stand ihrer Mutter am nächsten und so bleibt alles an ihr hängen, Bestattungsarten, Hygienevorschriften, Erledigungen, Unterlagen. Sie will den letzten Willen der Mutter achten, aber die Mitmenschen drängen: „Denken Sie darüber nach und nehmen Sie sich Zeit… bis morgen“ (der Bestatter), „Ich würd’ dat anders machen. Früher war dat so, wie et sich jehört“ (Omma), „Geht es nicht billiger?“ (Schwester). In den Köpfen herrschen Traditionen, doch letztendlich macht es jeder Jeck so wie er will: Mal lenkt man ein, mal ist man moderat bis heftig eigennützig. Ob bei Corona oder der Auflösung des mütterlichen Haushalts durch den Pfarrer und die Schwester, als Lore mal kurz weg ist.

Man regt sich als ZuschauerIn darüber auf, mit Lore, und mit Recht – und das ist alles. Es gibt kein Drama, keine Steigerung und keine Auflösung in diesem Film, das ist nicht seine Art. Et is wie et is. Ein leichter Wellengang, mit dem das Meer ans Ufer schlägt.

Am schönen Ende steht ein überfordertes und total erschöpftes Mädchen inmitten einer friedlich stillen Musik, das nicht mehr seufzt und nur – noch – atmen kann.

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