Übergang – Kritik
Locarno Film Festival 2026: Bis kurz vor seinem Tod im Jahr 2024 arbeitete Thomas Heise an dem ausgesprochen persönlichen Film, fertiggestellt wurde Übergang nun von Peter Badel und Chris Wright, zwei langjährigen Mitstreitern des Regisseurs. Entstanden ist ein Werk der geräumigen Bilder.

„Ein Film für Thomas Heise“ – nicht von, nicht mit, nicht über. Aber all das schon auch. Präpositionen sind nicht immer präzise, mancherorts in Berlin hält die Untergrundbahn oberirdisch. Ein genuiner Heise-Film ist Übergang allemal, wobei Heises Tod am 29. Mai 2024 den Film fast zwangsweise zur Rückschau auf Leben und Werk, zum Vermächtnis werden lässt. Sowohl die Ausgangsidee als auch das Treatment stammen von Heise. Die Ende 2023 begonnenen Dreharbeiten hat er, solange er konnte, auf den Straßen begleitet und, als er mit Krebs im Endstadium seine Wohnung an der Schönhauser Allee nicht mehr verlassen konnte, an Peter Badel und Chris Wright abgegeben. Für die Fertigstellung gestattete Heise seinen langjährigen Mitstreitern einige Freiheiten.
Der Autor ist Figur des Films
Die im Kollektiv fast verschwindende, im Übergang befindliche Autorschaft trägt eine berückende Intimität in diesen ohnehin und gerade für Heise-Verhältnisse ausgesprochen persönlichen Film. Ausgesprochen, weil zwischen, auf und über den Bildern viel Gesprochenes liegt. Persönlich, weil es sehr direkt um die Person Heise geht. Schon das Treatment, das zu Bildern von Heises Beerdigung auszugsweise verlesen wird, zurrt dieses Interesse fest: „Der Autor ist Figur des Films“. Denkbar biografisch beginnt Übergang: „1955 bin ich geboren worden in Berlin“, lautet der erste persönliche Satz, gesprochen von Heise selbst, der schon davor andere erste Sätze aus einem Gedicht von Heiner Müller gesprochen hat, ebenfalls von 1955: „Bilder bedeuten alles im Anfang. Sind haltbar. Geräumig. / Aber die Träume gerinnen, werden Gestalt und Enttäuschung. / Schon den Himmel hält kein Bild mehr.“
Die Bilder, aus denen Übergang besteht, sind geräumig; was sie zeigen, ist Raum. Ihr Drehort ist ein Raum des Übergangs par excellence: der Dreh-, Angel- und Verkehrsknotenpunkt Schönhauser Allee mit der Dreifaltigkeit des Berliner Schienenverkehrs: S-Bahn, U-Bahn, Tram. Hier lebte Heise über Jahrzehnte, bis zum Schluss. Der Balkonblick aus seiner Wohnung (Blumenkästen, Bäume, Gleise) taucht bereits gegen Ende seines dreieinhalbstündigen Familienepos Heimat ist ein Raum aus Zeit (2019) auf, das es – wie einige andere seiner Filme – kostenlos in der Mediathek der Bundeszentrale für politische Bildung zu streamen gibt. In Übergang wirft die Kamera den Blick erneut vom Balkon, aber auch in die Wohnung, filmt Fotos und Erinnerungsstücke an den Wänden ab, insistiert auf der Abwesenheit von Autor und Figur.
Platz für Stimmen

Der Film fährt Stationen aus Heises Leben an, aus teils überraschenden Richtungen. In den geräumigen Bildern ist Platz für Stimmen. Die Stasi-Akte, gelesen von Tom Schilling, fabuliert eine erste biografische Skizze mit unvorteilhaften Charakteristika des verdächtigen Studenten Heise, der die staatliche Filmhochschule Anfang der Achtzigerjahre – einer rufruinierenden politischen Exmatrikulation vorgreifend – kurzerhand freiwillig gen Rundfunk verließ. Heise selbst liest unter Gelächter aus einem Schulstrafaufsatz über das Lügen vor. Pit, seine Freundin aus der Studienzeit, berichtet von einer Beziehung mit liebevollen Seiten, aber auch von Verletzungen und der Unfähigkeit der „emotional verkrüppelten“ DDR-Nachkriegsgeneration, einander die bis zum Schluss währende Zuneigung zu vermitteln. Die Loslösung vom Elternhaus spielt eine Rolle, die widrigen Anfänge des Filmemachens im Überwachungsstaat, die Lehr- und Mentorentätigkeit später, die Homosexualität, die Heise lebte, aber nie aktivistisch nach außen trug. Auch die „Realisateure“ Badel und Wright kommen zu Wort.
Manches davon ist neu, manches kennt man schon, aber nicht auf diese Weise montiert. Schnipsel aus seinen Filmen verwenden Badel und Wright nicht zur Illustration des bedeutenden dokumentarischen Werks, das Heise hinterlässt, sondern um ein Argument zu machen, das bis in die Gegenwart greift. Die nicht zuletzt in einer illustren 3sat-Diskussionsrunde ausgetragene Kontroverse um Stau – Jetzt geht’s los (1992), den ersten Teil seiner Trilogie über Nachwende-Neonazis in Halle-Neustadt, wird mit dem heutigen Rechtsruck enggeführt. In einem Interview von 2014, das ziemlich faszinierend ist, weil der Interviewte den Interviewer patzig-berlinernd andauernd korrigieren muss, wird Heise in Bezug auf eine Szene aus Material (2009) gefragt, was ein Bild sei. Kann er aus dem Stand nicht beantworten. Aber was es durch den Schnitt geschafft hat, wird schon ein Bild sein, sonst wär’s ja nicht im Film.
Menschen mit Gegenwartsgesichtern

Von derlei Talking Heads aus älteren Interviews abgesehen, besteht der Film vor allem aus Aufnahmen der Schönhauser Allee. Mal filmt die Kamera durch die Scheiben der S-, U- und Straßenbahnen, mal versucht sie Schritt zu halten mit dem vorüberfließenden Verkehr. Unter den Hochbahngleisen der Station hat sich eine Filiale der Automatenkaffeekette „LAP“ eingenistet. LAP steht für „Life Among People“ und darum geht es Heise, Badel und Wright in Übergang – der nicht zuletzt ein Berlin-Film, zumindest ein Film über ein kleines Stück Prenzlauer Berg ist – irgendwie auch. „Übergang ist ein Heimatfilm, wie alle“, sagt Heise – insofern auch ein Film für seinen nicht in Berlin sozialisierten Ehemann Michael.
Durch die Ausgänge strömen Menschen mit Gegenwartsgesichtern und Gegenwartsproblemen, die all das, was die Tonspur an deutscher, deutsch-deutscher und Heisescher Geschichte verhandelt, in die 2020er-Jahre abzufedern scheinen. Das hat etwas Tröstliches, Profanes. Bahnhöfe sind prädestinierte Orte für erste und letzte Küsse. Die Check24-Trikots tragenden Fußballfans, die einen deutschen Sieg bei der Europameisterschaft feiern, sind keine Neonazis. Doch die Bundeswehr wirbt auf den Straßenbahnen für die Kriege, die kommen oder schon da sind, und die LAP-Filiale hätte wirklich auch niemand gebraucht.
Haltbar gemacht

Für aus der Geschichte wiederkehrende Muster war Heise sensibilisiert. In einem seiner letzten Interviews aus dem Frühjahr 2024, das er im Nachgang zur Berlinale-Preisverleihung gab, bei der Menschen zur Bestürzung der deutschen Öffentlichkeit von ihrer Meinungsfreiheit Gebrauch gemacht und sich mit Palästina solidarisiert hatten, verglich Heise, der als Mitglied der Dokumentarfilm-Jury selbst in die Schusslinie geraten war, die Drohungen des damaligen Kultursenators Joe Chialo mit DDR-Zensur.
Wäre der Begriff nicht anders belastet, wäre „Zeitenwende“ ein passender Titel für einen Heise-Film. Man sagt gern, dass sich etwas, zum Beispiel Geschichte, in Bilder einschreibt; wahrscheinlich, um sich einreden zu können, dass sich Bilder lesen oder gar entziffern lassen. Das geht aber meist erst hinterher, in der Zukunft. Das wusste Heise und hat seine Bilder daher – mit Heiner Müller gesprochen – geräumig eingerichtet und haltbar gemacht. „WAS IST ZEIT?“ hat jemand, der es mit dem Einschreiben sehr genau nahm, auf einen Pfeiler unter den Gleisen gesprüht. „Life Among People“ könnte man salopp erwidern, aber in Wahrheit ist die Antwort wohl ähnlich kompliziert (und ähnlich egal) wie die Frage, was ein Bild ist.
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