Disclosure Day - Der Tag der Wahrheit – Kritik
Wohlwollende Außerirdische, kindliches Staunen und ambivalente Vaterfiguren: In Disclosure Day verbindet Steven Spielberg allerlei bekannte Motive aus früheren Erfolgen, bekommt diese Überfülle aber nie ganz unter Kontrolle. Nur seine Liebe zu überwältigenden Bildern, die ist so lebendig wie eh und je.

Whistleblower Daniel Kellner (Josh O’Connor) befindet sich mit einem Rucksack voll brisanter Dokumente auf der Flucht – seine Geliebte Jane (Eve Hewson), zu der er aber eher ein geschwisterliches Verhältnis pflegt, im Schlepptau. Sie weiß nicht, warum sie plötzlich verfolgt werden von einer Horde anonymer Anzugträger, die, wie sich herausstellt, für einen privatisierten Spionagezweig der Regierung arbeiten. Sie weiß nicht, warum sie plötzlich in Autoverfolgungsjagden verwickelt werden, was diese mysteriösen Stäbe sollen, mit denen Daniel seine Widersacher bedroht, und wieso Daniel nur in Andeutungen redet.
Disclosure Day legt unvermittelt und ohne Erklärungen los. Erst nach und nach müssen wir uns die – im Grunde aber nicht sehr verwickelte – Geschichte erschließen: Daniel ist im Besitz brisanter Informationen und sucht nach Wegen, diese verborgene Wahrheit zu verbreiten; Noah Scalon (Colin Firth) will ihn aufhalten und das geheime Wissen unter Verschluss halten; Fernsehwetterfrosch Margaret Fairchild (Emily Blunt) entwickelt aus heiterem Himmel eine übermenschliche empathische Fähigkeit und kann nun jedem in die Seele schauen; um aber zu verstehen, was mit ihr los ist, muss sie irgendwie Daniel treffen. David Koepps Drehbuch jongliert also eine Vielzahl an Figuren und Situationen – arbeitet diese aber kaum aus. In der Regel geht es für die Figuren nur von Punkt A zu Punkt B und meist folgen sie dabei irgendwelchen nicht näher erläuterten inneren Intuitionen. Das Geschehen ist direkt, teilweise geradezu abstrakt.
Holterdiepolter wird das Außerirdische mit dem Göttlichen vermischt

Schließlich weiht Daniel Jane aber in sein Geheimnis ein: Seit 1947 weiß die US-amerikanische Regierung um die Anwesenheit außerirdischen Lebens auf der Erde, hält diese Tatsache aber unter Verschluss. Diese Geheimniskrämerei will Daniel nun beenden – und Jane ist entsetzt. Das Wissen um die Existenz höherer Lebensformen würde den Menschen doch den Glauben (an Gott) rauben. Die ohnehin schon fragile Weltlage würde vollends ins Chaos stürzen.
Ohne große Umwege und oft holterdiepolter setzt Disclosure Day die Außerirdischen mit Gott gleich und sieht in der Angst, die sie auslösen, ein Spiegelbild allgemeiner gesellschaftlicher Schieflagen. Ständig holt der Film seinen Subtext unmittelbar an die Oberfläche: Daniel und Margaret stehen wilden Tieren gegenüber, die ihnen tief und empathisch in die Augen schauen. Mit großer Geste werfen die beiden ihre Handys weg und flüchten vor der modernen Zivilisation. Ihr ganzes Sein ist der Suche nach Sinn, Wahrheit und einem heilen Ort fern der jetzigen USA gewidmet. Verfolger Scalon hingegen ist ein menschliches Wrack, das den kaputten Status quo um jeden Preis verteidigen will – Firth spielt das ganz wunderbar, subtil und schmerzhaft. Scalons Operationsbasis ist eine Kathedrale aus Bildschirmen und Technik. Mittels einer außerirdischen Apparatur kann er in das Bewusstsein anderer Leute eindringen, ihren Körper und ihren Verstand unter seine Kontrolle bringen. Nur ein in die Hand gebohrtes Kruzifix kann seine Kraft kurzzeitig lösen.
Stockende Plot-Mechanik trifft auf traumwandlerisches Bewegungskino

Doch nicht die religiöse Symbolik ist das bestimmende Element von Disclosure Day, sondern der einfache Umstand, dass dies ein Steven-Spielberg-Film ist: Kinderzimmer, per Wunder aufgelöste Traumata, Außerirdische, staunende Menschen mit dem Spielberg-Gesicht, die Vaterfigur – hier gespalten in eine vertrauenswürdige und eine diabolische: Alles ist da, was inzwischen schon klischeehaft mit Spielberg verbunden wird.
Oder anders: Spielberg greift hier zwei seiner stil- und identitätsprägenden Filme – Unheimliche Begegnung der dritten Art (1977) und E.T. – Der Außerirdische (1982) – wieder auf, setzt sie neu zusammen und legt dabei ihr Skelett offen. Aus dem ersten nimmt er den beschwerlichen Weg zur (buchstäblichen) Erleuchtung, aus dem anderen die Anzug-tragenden FBI-Agenten, denen entkommen werden muss, gesichtslose Albtraumgestalten einer Welt, die Jagd auf alles macht, was nicht in sie passt. Gemeinsamer Fluchtpunkt beider Stränge ist die Rettung durch andere Existenzen aus dem All.
Nur ist die neue Zusammensetzung ein wenig porös geraten. Die einzelnen Versatzstücke stehen verloren herum, der Ablauf der Plots bleibt mechanisch – und stockt dabei gewaltig. Disclosure Day ist auch bei weitem nicht der visuell schönste Film seines Regisseurs oder der packendste Garn dieses geborenen Kino-Erzählers. Dennoch: Zumindest jene Sequenzen, die dem Paranoia-Thriller nachempfunden sind – die Verfolgungsjagden, die teuflisch anmutende psychische Besitzergreifung oder die aberwitzigen Versuche der Agenten ein unsichtbares Haus zu erstürmen –, zeigen Spielberg weiterhin als Meister eines traumwandlerischen Bewegungskinos. Auch wie der bezaubernde Score von John Williams in den Actionsequenzen stumm gestellt wird, um dem Adrenalin einen Schuss Klaustrophobie beizumischen, ist sehr gelungen. Ansonsten wirkt Disclosure Day aber eher wie das Alterswerk einer 80-jährigen Ikone, die nur noch hier und da ihr ganzes Können zeigt.
Ein verzweifeltes humanistisches Gebet

Aber vielleicht ist hier auch einfach ein Künstler zu beobachten, der sich im Alter auf die zentralen Dinge konzentriert. Am stärksten ist Disclosure Day nämlich, wenn er eine Art religiöses Essay wird, nur eben mit Außerirdischen. Je länger der Film dauert, desto mehr gleicht er einem verzweifelten humanistischen Gebet – gerichtet an die Menschheit, in der Hoffnung, dass sie sich nicht weiter selbst zerstören mag. Und die Rettung, die der Film dann bereithält, sind eben die Bilder, die alle überwältigen. Das Finale spielt in einem Fernsehstudio und das, was dort gesendet wird, zaubert der ganzen Welt das Spielberg-Gesicht ins Antlitz. Disclosure Day ist Ausdruck des drängenden Wunsches eines Filmemachers, mit seinen Bildern etwas zum Besseren zu ändern. Und darin ist der Film so aufrichtig wie ergreifend.
Neue Kritiken
Etwas ganz Besonderes
In the Hand of Dante
The Furious
Obsession - Du sollst mich lieben
Trailer zu „Disclosure Day - Der Tag der Wahrheit“

Trailer ansehen (1)
Bilder




zur Galerie (20 Bilder)
Neue Trailer
Kommentare
Es gibt bisher noch keine Kommentare.














