Im Reich der Sinne – Kritik

Nicht immer bedeutet Filmsex Spaß und gute Laune. Als Teenieparty-Mitbringsel war die VHS von Im Reich der Sinne (1976) wenig geeignet, musste unser Rezensent lernen. Zum 50. Jubiläum kehrt Nagisa Oshimas unnachgiebiger, grimmiger Realismus der Körper nun zurück in die Kinos.

Im Herbst 1996 bekam ich mit, dass meine Eltern einen Sexfilm auf arte aufgenommen hatten. Ich war 14 Jahre alt, und eine Silvesterparty bei einem Freund stand bevor, der zu Hause sturmfrei hatte. Ein bisschen Spulen und ich war sicher, dass die VHS ein gelungenes Mitbringsel für die Feier sein würde. Sex bedeutete Spaß und gute Laune; gehobene Stimmung durch ein zwielichtiges Mitbringsel bedeutete Anerkennung. So meine Rechnung. Da der Film aber Im Reich der Sinne (Ai no korida, 1976) von Nagisa Ōshima war, musste ich noch einiges lernen.

So wusste ich nichts von dem kulturellen Umfeld, in dem der Film entstanden war. Womit ich weniger Japan meine als die 1970er Jahre. In den 1960ern hatten sich zuvor die Grenzen dessen, was in Filmen zeigbar war, ausgeweitet. Der Sex in ihnen wurde zunehmend offener und expliziter. Mit dem Einsetzen der sexuellen Revolution drang er aus der Schmuddelecke in die Mitte der Gesellschaft. Triebbefreiung war das Schlagwort; und die Befreiung des Menschen von einer vorurteilsbehafteten, neurosenschaffenden Moral war die Utopie.

Das Jahr 1972 war vielleicht der Höhepunkt dieser Entwicklung. Auf der einen Seite feierte mit Der letzte Tango in Paris ein abgründiges Drama Erfolge, das ein Paar über seine sexuellen Aufeinandertreffen charakterisierte. Auf der anderen landete der Porno Deep Throat sogar in regulären Kinos und sorgte durch die um ihn geführten Kontroversen dafür, dass Pornos kurzzeitig chic und Teil der öffentlichen Debatten wurden. Man wartete auf den ersten Film, der Menschen als, sagen wir, ganzheitliche Wesen und explizit Fickende in einer künstlerisch hochwertigen Geschichte zeigte. Im Reich der Sinne kam 1976 dem Ideal vielleicht so nah wie kein anderer.

Eine verruchte Sensation, auch für kulturell interessierte DDR-Bürger

Ich wusste damals nicht, dass es sich um einen berüchtigten Skandalfilm handelte. Ōshima hatte ihn zwar in Japan gedreht, aber, um die dortigen Zensurbehörden zu umgehen, wurde das Filmmaterial in Frankreich entwickelt und geschnitten. Als er bei der Berlinale erstmals in Deutschland gezeigt wurde, saßen Staatsanwaltschaft und Polizei schon im Saal und beschlagnahmten ihn umgehend als harte Pornografie. Es folgten öffentlichkeitswirksame Verfahren und eine Debatte darüber, was besonders wertvoll war und was nicht. In anderen Ländern lief es kaum anders, oft wurde er nur geschnitten und nachbearbeitet veröffentlicht. Er war eine verruchte Sensation, deren Popularität nichts daran änderte, dass sie nur bedingt greifbar war. Auch deshalb haben ihn meine Eltern wohl 1996 aufgenommen, als sie als kulturell interessierte Ex-DDR-Bürger erstmals die Chance hatten, ihn zu sehen.

Ich wusste nicht, dass der Film auf wahren Begebenheiten beruhte, die in den 1930er Jahren in Japan hohe Wellen geschlagen hatten. Die ehemalige Prostituierte Abe Sada (im Film: Eiko Matsuda) hatte eine Lehre als Kellnerin begonnen, um ihrem bisherigen Leben zu entkommen. Dort begann sie eine Affäre mit Restaurantbesitzer Kichizō Ishida (Tatsuya Fuji). Immer mehr ließen die beiden ihr bisheriges Leben hinter sich und verbrachten ihre Zeit in Hotelzimmern, wo sie endlos miteinander schliefen. Bis Sada eines Tages Ishida erwürgte und kastrierte. Ōshima sah in dieser Tat die Folge eines leidenschaftlichen Todestriebes. In Im Reich der Sinne lassen die Liebenden nichts in ihrem Leben neben dem Lustprinzip zu. Sie hungern, verwahrlosen, ziehen sich in ihre persönliche und soziale Apokalypse ewigen Sexes zurück – und würgen sich dabei um ihre Lust zu steigern.

Expliziter Sex, implizite Politik

Ich wusste nicht, wer Nagisa Ōshima war und dass Im Reich der Sinne nach einer längeren Pause sein erster Kinofilm und der Beginn seines Spätwerks war. Ende der 1950er, Anfang der 1960er Jahre war Ōshima integraler Teil der Shochiku New Wave gewesen, also quasi der japanischen Nouvelle Vague. Seine Filme waren politisch, inhaltlich und auch formell gewagt. Er war beim altehrwürdigen Filmstudio Shochiku ausgebildet worden und sollte als Regisseur mit frechen Filmen ein junges Publikum ins Kino locken. Als seine Filme zu wild wurden, hat man ihn jedoch schnell gefeuert.

Während in Filmen wie Tod durch Erhängen (1968) die Realität bald zerbröselte und ihr Zerfall expressive und rauschhafte Bilderwelten bedingte, war Im Reich der Sinne von karger Sachlichkeit und einem – kaum weniger provokant – unnachgiebigen, grimmigen Realismus der Körper. Wieder war sein Film auch politisch, wenn auch dieses Mal impliziter. Ishida wird gegen Ende des Films entkräftet, dem Delirium nah, durch die Stadt laufen, in Richtung seines eigenen Endes. Dabei werden Soldaten an ihm vorbeimarschieren, die von Passanten gerade jubelnd in Richtung Mandschurei verabschiedet werden. Der Zweite Japanisch-Chinesische Krieg, der Teil des Zweiten Weltkriegs werden sollte, stand 1936 kurz bevor. Das Militär hatte eben noch gegen die Regierung geputscht, weil es der Meinung war, dass die Expansionspolitik auf dem asiatischen Festland nicht aggressiv genug betrieben würde. Dass sich das Paar seinem privaten, sexuellen Todestrieb hingibt, setzt Ōshima mit einem gesellschaftlichen Todestrieb gleich – in einem klaustrophobischen Land, dessen Meinungskorridor immer enger wurde.

Der absolute Fokus auf die Genitalien

Das alles wussten wir nicht, als wir uns am 1. Januar 1997 gen 2 Uhr zu sechst vor den Fernseher setzten und Play drückten. Aber der Film braucht das nicht, um zu wirken. Wir haben ihn dann weniger geschaut, als dass er über uns kam. Mit seiner zuweilen spaßigen Nonchalance, in der sich Leute ausleben und nicht mehr von Zwängen leiten lassen. Mit seinem niederschmetternden Ende, zu dem er sich immer kraft- und willenloser schleppt. Mit seinem wiederkehrenden Fokus auf Genitalien, die für die Protagonisten absolut sind. Mit seinen zwischenmenschlichen Grausamkeiten und seiner expliziten Gewalt – in einer kurzen Sequenz auch an Kindern, da Ōshima, um eine grenzenlos gewalttätige Gesellschaft zu porträtieren, keine Grenzen akzeptierte.

Am Ende saßen wir nur noch zu zweit vom Bildschirm. Spätestens als das Messer an Ishidas Penis angesetzt wurde, waren die anderen auf den Balkon verschwunden. Einige Gesichter waren bleich, die zuvor gelöste Stimmung war dahin. Ich betrachtete es als Erfolg.

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