Paris Murder Mystery – Kritik

Die Wahrheit findet sich im Zwischenmenschlichen: Rebecca Zlotowskis Paris Murder Mystery ist weniger Krimi als Psychogramm einer Frau, die ihr Gefühlsleben hinter einem Schutzpanzer verbirgt. In der Hauptrolle: Jodie Foster, die hauptsächlich Französisch spricht. 

Als „rabat-oij“ bezeichnet der Nachbarsjunge Lilian (Jodie Foster), nachdem sie ihn gebeten hat, die Musik leiser zu drehen. Zurück in ihrer stilvoll eingerichteten Altbauwohnung muss die in Paris lebende US-Psychiaterin erstmal den Begriff googlen. „Alte Schachtel“ und „Bumsbremse“ sind einige der vorgeschlagenen Definitionen. Die alleinstehende Lilian wirkt immer ein wenig abgeklärt und genervt, so als würde sie ihr wahres Gefühlsleben hinter einem dicken Schutzpanzer verbergen. Erst der plötzliche Selbstmord ihrer Patientin Paula (Virginie Efira) lockt sie aus der Reserve.

Psycho Killer

Regisseurin Rebecca Zlotowski taucht zunächst in den geordneten Alltag der Protagonistin sowie in ihr wohlsituiertes, überwiegend jüdisches Umfeld ein, bis sich langsam ein Krimi-Plot herausschält. „Privatsphäre“ heißt der Film im Original, weil er von Isolation und Verschlossenheit handelt. Der deutsche Titel Paris Murder Mystery ist nicht ganz verkehrt, schürt aber falsche Erwartungen. Das tut allerdings auch Zlotowski selbst, wenn sie etwa mehrmals den Talking-Heads-Song „Psycho Killer“ einspielt und Lilian bald zur festen Überzeugung kommen lässt, dass Paula ermordet wurde. Nachdem die Psychiaterin noch einmal ihre altmodischen Mini-Discs durchforstet hat, mit denen sie die Sitzungen aufnimmt, verdächtigt sie erst die Tochter (Luàna Bajrami) und dann den Ehemann (Mathieu Amalric) der Toten.

Paris Murder Mystery erzählt die klassische Geschichte einer Amateur-Ermittlerin, die sich immer obessiver in ihren Fall vergräbt, bis sie droht, den Bezug zur Wirklichkeit zu verlieren – nur ist Zlotowskis Inszenierung etwas gemächlicher, trockener und weniger auf Pointen ausgerichtet als üblich. Als Whodunit enttäuscht der Film bewusst und begibt sich stattdessen lieber in die Tiefen von Lilians Psyche. Immer wieder jagt Zlotowski ihre Protagonistin sprialenförmige Treppenhäuser hoch und runter, die ihre zunehmende mentale Verstrickung illustrieren. Mehr als für die Fakten interessiert sich der Film für Lilians subjektive Projektion auf die Geschehnisse.

Tränen, die nichts bedeuten

Zu Beginn gibt ein Patient Lilian den Laufpass, weil sich seine seit Jahren, in kostspieligen Therapiestunden gewälzten Probleme mit nur einer Hypnosesitzung bei der Konkurrenz erledigt haben. Auch die Psychiaterin sucht später eine esoterisch angehauchte Hypnotiseurin auf, die ihr erstmal den Sarkasmus austreibt: „Ihre Ironie ist nur Ausdruck ihrer Angst“. In einer etwas trashigen Traumsequenz wandelt Lilian durch ihr in rotes Licht getauchtes Unterbewusstsein. Einige Türen, denen sie dort gegenübersteht, will sie – auch über das Filmende hinaus – lieber geschlossen lassen. Doch eine rätselhafte Vision, in der sie als männlicher Orchestermusiker während der NS-Zeit auftritt, lässt sie nicht mehr los.

Mithilfe der Bilder aus ihrem Unterbewusstsein versucht Lilian schließlich, dem Geheimnis hinter dem Tod ihrer Patientin auf die Schliche zu kommen. Dabei zeigt sich auch ihr angespanntes Verhältnis zur Außenwelt, ja sogar zur eigenen Familie. Zu ihrem Sohn (Vincent Lacoste) pflegt sie eine unterkühlte Beziehung und die Nähe ihres Ex-Mannes (Daniel Auteil) sucht sie zwar mit fadenscheiniger Begründung, ergreift aber auch schnell wieder die Flucht. Ein schöner Einfall, um die Dissonanz zwischen Lilian und ihrem Umfeld zu verdeutlichen, ist ein unaufhaltsam tränendes Auge, unter dem die Psychiaterin leidet. Patienten, die sich vor ihr offenbaren, interpretieren die feuchten Augen als Mitgefühl, aber Lilian beteuert, dass sie nichts zu bedeuten haben.

Ein wenig zu beherrscht

Für Jodie Foster, die als Kind eine französische Privatschule besuchte, ist es die erste Hauptrolle in der fremden Sprache. Lediglich geflucht wird noch auf Englisch. Ihr kontrolliertes, jegliche Gefühlsregung unterdrückendes Spiel passt zu dem mit stylisher Nüchternheit zwischen urbanen Lichtreflexionen und eleganten Interieurs fotografierten Film. Zlotowski beweist sich als Klassizistin, weil sie nicht nur ihren eigenen Ideen, sondern auch dem Genre-Plot und den starken Schauspielern vertraut. Ein wenig zu beherrscht wirkt die Inszenierung aber schon manchmal. Der nächtliche Versuch, beim verdächtigten Ehemann, der splitternackt die Tür öffnet, ein Beweisstück zu finden, ist – wie auch andere Momente im Film – eine boulevardkomödiantische Steilvorlage, bei der sich Zlotowski aber mit angedeutetem Humor begnügt.

Es scheint, als sollten Spannung und Humor nicht zu sehr vom Psychogramm der nie ganz enträtselten Heldin ablenken. „Paris Murder Mystery“ erzählt von Lilians Versuch, zurück zu den Menschen zu finden. Was bei ihr klemmt, soll sich lösen, aber ohne große Gesten und moralische Eindeutigkeiten. Oder wie es am Ende heißt: Niemand ist schuldig, aber verantwortlich sind wir alle. Die anfangs aufgestellte, mit einem Freud-Diss garnierte Behauptung, dass die Hypnose der Psychoanalyse haushoch überlegen ist, revidiert Zlotowski wieder. Die Wahrheit findet sich vielleicht doch eher im Zwischenmenschlichen. Statt ständig in sich selbst hineinzuhorchen, sollte man lieber anderen aufmerksam zuhören.

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