The Furious – Kritik
Kenji Tanigakis The Furious hat klare Prioritäten: Die Handlung um böse Menschenhändler und aufrechte Helden ist nebensächlich, die Hauptsache sind die vielen, wuchtigen und maßlosen Kampfszenen. Konsequentes Ziel ist die komplette Vernichtung des Gegners.

Die Reporterin Matia (JeeJa Janin) versucht auf eigene Faust, eine international operierende Kinderhändlerbande zu überführen. In den schummrigen Gängen eines Kellergefängnisses, das den Namen „Schlangengrube“ trägt, stellen sich ihr mehrere Widersacher entgegen. Es führt kein Weg dran vorbei: Sie muss kämpfen, obwohl sie als Investigativjournalistin nicht vom Fach ist.
In der fabulierten Welt des Martial-Arts-Reißers The Furious, in der der menschliche Körper deutlich kräftiger, flexibler und widerstandsfähiger ist als in der Wirklichkeit, ist das jedoch kein Hindernis. Was Geschwindigkeit und Akrobatik angeht, offenbart die Reporterin ein überraschendes Talent und bleibt doch, ganz ihrer Profession entsprechend, vergleichsweise defensiv. So versucht sie sich weniger mit gezielten Schlägen als mit eleganten Ausweichmanövern aus der Situation zu befreien. Kaum tut sich eine Lücke im Menschenknäuel auf, schraubt sie sich geschickt hinein, befreit sich wieder mit einem Purzelbaum, hält mit einem Spagat die Finsterlinge auf Distanz, bevor sie einem von ihnen mit dem Daumen ein Auge ausdrückt.
Irgendwo in Südostasien

Bereits zum Auftakt offenbart The Furious, dass Raufereien seine zentrale Erzählsprache sind, bei der brechende Knochen und zermantschte Gesichter als Ausrufezeichen dienen. Als länderübergreifende asiatische Produktion – die Darsteller stammen u.a. aus Hongkong und Indonesien, gedreht wurde in Thailand, der Regisseur ist Japaner und im Film wird hauptsächlich gebrochenes Englisch gesprochen – läuft die Kommunikation in all ihren Feinheiten über Körper in Bewegung. „Irgendwo in Südostasien“ lautet die diffuse Ortsbezeichnung zu Beginn, wobei die Kampfszenen dem Kino aus Hongkong am nächsten sind. Hier hat auch Regisseur Kenji Tanigaki in der Vergangenheit für Genre-Größen wie Benny Chan und Soi Cheang als Action Director gearbeitet (sowie, sofern sich in der Wikipedia niemand einen Scherz erlaubt hat, bei der deutschen TV-Serie SK Kölsch).
Die Kämpfe sind in The Furious nicht nur das Herzstück, sondern der hauptsächliche Inhalt. Die Handlung dagegen fällt denkbar generisch aus: Ein stummer chinesischer Flüchtling (Xie Miao) versucht seine Tochter aus den Klauen der Kinderräuber zu befreien und kooperiert dabei mit dem schlagkräftigen Journalisten Navin (Joe Taslim), der seine Freundin – besagte Reporterin aus der Anfangsszene – retten will. Von der korrupten Polizei ist keine Hilfe zu erwarten und der von einem schnöseligen Milchgesicht angeführte Menschenhändlerring hat endlose Ressourcen an brutalen Handlangern, die, kaum wägt man sich in Sicherheit, wieder um die Ecke gebogen kommen. Wer gut und wer böse ist, zeichnet sich schon in der äußeren Erscheinung ab und bleibt eine unumstößliche Wahrheit. Die Story ist stark reduziert und es wird wenig gesprochen, doch der Film nutzt diesen Minimalismus nicht als bewusstes Ausdrucksmittel, um archaisch, stylish oder mysteriös zu wirken, sondern bleibt abgesehen von ein paar zünftig überzeichneten Figuren wie einem prügelnden Riesenbaby schablonenhaft und austauschbar.
Am Ende fliegen Fahrräder

Allerdings fällt das nur sehr bedingt ins Gewicht, weil es letztlich nur die Prioritäten des Films anzeigt: Die Handlung ist vor allem Anlass für neue Setpieces und kann auch deshalb ein wenig egal bleiben, weil sich die kunstvollen Nuancen dafür in den Kampfszenen finden. In, zum Beispiel, einem zwielichtigen Industrie-Setting, einem Club und einer Polizeistation entfalten sich atemberaubende Gefechte in einem abwechslungsreichen Rhythmus, der keine Monotonie aufkommen lässt. Der Antrieb der beiden Hauptfiguren ist Liebe, Wut und Rache. Dementsprechend maßlos und ausdauernd fallen ihre Attacken aus. Konsequentes Ziel ist die totale Vernichtung des Gegners. Wenn Hände, Füße und sonstige Körperteile, die zum Einsatz kommen, nicht mehr ausreichen, greift man nach allem, was nicht niet- und nagelfest ist: Hammer, Holzpaletten oder Eisblöcke. Am Ende bewerfen sich die Duellanten gar mit Fahrrädern.
Visuell ist The Furious bis auf einige bewährte Einfälle (strömender Regen beim finalen Kampf) nicht unbedingt extravagant, sondern fühlt sich eher wie ein dreckiges B-Movie an, das gekonnt seine Stärken ausspielt. Die Kamera (Meteor Cheung) ist stets in Bewegung und weiß, was sie tut, ohne sich zu angeberischer Opulenz hinreißen zu lassen. Besonders beeindruckend ist die Action-Choreographie von Kensuke Sonomura, die sich durch Nähe und Erdigkeit auszeichnet. Die Kämpfe sind weniger raumgreifend und offensiv virtuos, als dass sie den Raum begrenzen, um ihn mit maximaler Vielfalt zu nutzen. Besonders das finale, aus drei, sich in immer neuen Konstellationen parallel abspielenden Duellen bestehende Gefecht hat es in sich. Gelenke schieben sich wie Scharniere ineinander, die Körper wirbeln in dieser symphonischen, von ständigen Variationen und Steigerungen geprägten Choreographie wie bei einer verhinderten Umarmung ineinander und aneinander vorbei – bevor sie, viele verlorene Menschenleben und vergossene Liter Blut später, endgültig zusammensacken.
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