Backrooms – Kritik

Die Melancholie gescheiterter Lebensträume: Kane Parsons Kinodebüt Backrooms verliert dort seine Faszination, wo seine Liminal Spaces an die Grenzen stoßen, die Plot und thematische Zuspitzung ihnen abverlangen. Gewissermaßen scheint der Film selbst nicht fähig, den eigenen Vibe auszuhalten.

Liminal Spaces sind Orte, die ein Unbehagen in die Welt hinaus raunen. Zum Beispiel Häuser ohne Möbel, Spielplätze bei Nacht, verwaiste Wohnsiedlungen, leere Hotelflure. Tote Räume zwischen dem, was war und dem, was ist. Denen keine Aufmerksamkeit zuteilwerden sollte, und die entsprechend gespenstisch erscheinen, wenn sie auf Foto/Video festgehalten werden. Ob man sie mit Hauntologie, Freuds Unheimlichem oder den schal gewordenen Versprechen des Spätkapitalismus erklärt – Liminal Spaces zeigen eine bittere, nostalgische Gegenwart, mit der etwas nicht (mehr) stimmt.

Das zu dieser Ästhetik unserer Zeit passende Leben führt Clark (Chiwetel Ejiofor). Der Protagonist von Kane Parsons Backrooms hängt fest in einem Leben, das die Schwelle zu dem, was kurz bevor zu stehen schien, nie übertreten hat. Er arbeitet nicht als Architekt, er hat keine Familie gegründet. Clark ist geschieden, hängt zwischen versäumten Gelegenheiten und einer tristen Gegenwart fest. Nichts verkörpert das besser als der Showroom des von ihm geleiteten Möbelgeschäfts. „Cap'n Clark's Ottoman Empire“ ist eine idealtypische Verkörperung der Liminal-Space-Ästhetik. Ein generisches, scheinbar im copy&paste-Verfahren vor einen verwaisten Parkplatz gestanztes Einkaufszentrum mit Franchise-Figur darüber. Die Möbel im Inneren des Gebäudes füllen nicht dessen Leere, bieten keine Gemütlichkeit, sondern bezeugen immer nur die Abwesenheit von etwas. „Cap'n Clark's Ottoman Empire“ ist Clarks Leben. Hier arbeitet, schläft und isst er. Hier dreht er der Filmzeit entsprechende, alberne 1990er-VHS-Werbespots als falscher Pirat. Hier steckt er fest – zwischen Scheidung, Berufsversagen, osmanischem Reich und Piraten-Avatar, in der kalten Melancholie gescheiterter Lebensträume.

Clark im Wunderland. Ein Vibe.

Die einzigen Unterbrechungen sind die wöchentlichen Therapietermine. Mit Mary (Renate Reinsve) spielt der Protagonist die letzten Konflikte seiner Ehe durch, zementiert sich als Arschloch und kürzt dadurch die Exposition auf das Notwendigste hinunter. Wir wissen sofort alles über ihn, was zu wissen sich lohnt. Viel ist das nicht, denn was Backrooms in erster Linie sein will, ist ein Vibe. Als Fortsetzung von Kane Parsons gleichnamiger Found-Footage-YouTube-Reihe, die ihrerseits auf einer 4Chan-Creepypasta von 2019 basiert, sucht Backrooms den schnellsten Weg in die unheimlichen, fremd-vertrauen Dimensionen der Hinterzimmer. Leider macht der Film aus seiner Hauptfigur am Ende nicht mehr als das notwendige Anhängsel eines primär um undefinierbare Räume gebastelten Horrors.

Dem Vibe aber tut das erst einmal keinen Abbruch. Das senfgelbe, verwaiste, zusammengepackte, für niemanden zurückgelassene und nirgendwo hinführende Rabbithole, in das der Protagonist steigt, ist eine fantastisch imaginierte Albtraum-Kulisse. Die Räume, die Parsons für seine YouTube-Reihe mit einer Open-Source-Software renderte, entfalten sich in der Kinoversion als eine beeindruckende Endlosigkeit aus Kulissen.

Beim zweiten Hinsehen geht der Sinn verloren

Alles ist auf den ersten Blick vertraut. Doch die wahllos platzierten Stoppschilder, im Boden versunkene Möbel und immer kleiner werdende Türen, die in ein albtraumhaftes Wonderland führen, ergeben schon beim zweiten Hinsehen keinen Sinn mehr. Was Clark dort anfangs noch zu kartografieren versucht, erscheint bald als eine bis in die bizarrsten Überreste der modernen Existenz ausfransende, fehlerhaft kopierte Version der echten Welt.

Anders als das dazugehörige formfreiere Internet-Format vermag sich die Kinoversion von Backrooms jedoch nicht in dieser Endlosigkeit zu verlieren. Kane Parsons Kinodebüt verliert vielmehr an Faszination, weil der Plot zwar eine thematische Zuspitzung verlangt, doch keine Entsprechung für ein in der Ästhetik gefangenes, nicht präzis beschreibbares Gefühl findet.. Clark geht nicht einfach in den Schwellenräumen unserer Zeit verloren; er wird gejagt und muss bald von Mary, deren eigene Vergangenheit in einem solchen Raum verschütt gegangen ist, gerettet werden. Er lässt sich lieber von Monstern jagen als sich in den seltsamen, abwärts führenden Schleifen der modernen Existenz zu verlieren. Wie seine Hauptfigur scheint auch der Film nicht fähig, den eigenen Vibe auszuhalten.

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