Falscher Bekenner – Kritik
Der junge Armin verzweifelt an den Erwartungen der Erwachsenenwelt. Ein Ventil findet er nur im Abschicken erfundener Bekennerschreiben. Christoph Hochhäusler erzählt in Falscher Bekenner von der stillen Revolte gegen den Zwang, genau so zu sein und so zu leben.

Vater und Mutter um einen heranwachsenden Jungen, der vor Grauen vor diesem vorgefundenen Erwachsenenleben ganz schlaff und ohnmächtig wird. Die Einrichtung wirkt erstickend, wie die in sozialen Begegnungsstätten, weil sie die Vorstellung der Erwachsenen davon befestigt, wie etwas wenigstens zu sein hat. Das Minimum der zu erfüllenden Standards. Das Keramikbäumchen an der Wand.
Draußen aber sind die schnurgerade rauschenden und gedämpft dröhnenden Dinge, die Züge und Autobahnautos, deren Motorengeräusche ihm erregend gnadenlos durch den Körper fahren. Er ist fasziniert von Autos und geht dort nachts spazieren und träumt von sexuellen Begegnungen mit Motorradfahrern; Autolichter wandern über ihre Schutzhelme, er strahlt vor wilder Freude, mit ihnen zu sein.
Der Junge will andere Post

Er unterläuft Gespräche scheu und störrisch. Wenn er mit einem Mädchen im Imbiss sitzt, scheint ihm der kleine Kentucky-Fried-Chicken-Mann auf den Pappbechern wichtiger als sie. „Was hältst du eigentlich von mir?“, fragt sie. „Also, wenn ich mir einen runterhole, dann denk ich an dich“, sagt er, undiplomatisch ehrlich, mit autodestruktivem Eigensinn. (Ekkehard Knörers Überlegung in seiner Besprechung, ob auch das ein „falsches Bekenntnis“ sein könnte, finde ich interessant). Der Personalchef beim Einstellungsgespräch, so tödlich zugeknöpft und absurd sachlich, spricht den Namen seiner Firma aus wie den einer perfiden Macht in einer Wahnwelt. Die Zusammenkünfte zwischen ihm und diesen Männern quietschen, wie wenn man Styropor aneinander reibt.
Eine Bewerbung am Tag, verlangen die Eltern. Aber der Junge will andere Post. In einer trist funktionalen Autobahntoilette liest er die Nachrichten auf den Wänden und hinterlässt sein Zeichen. Am Computer beginnt er seine tägliche Bewerbung – und schlägt auf einmal einen anderen Weg ein, wie eine Abfahrt von der Autobahn. Er ribbelt die Buchstaben auf dem Display auf und setzt einen neuen Text da hin, das falsche Bekenntnis zum Verursachen eines tödlichen Unfalls, den er nur beobachtet hat. Auf dass ihn irgendwann die geile, fetischisierte Polizei abholt und aus seiner Familie und den Forderungen rettet, wenn er schon nicht mehr wie die Jungen früher einfach beim Bund vor seinen Häschern untertauchen kann. Wie hocherfreut sich sein Gesicht belebt, als sie im Fernsehen sein falsches Bekennerschreiben erwähnen. Er ist verliebt in diesen individuellen Ausweg, und stolz, dass er ihn nimmt.
Weinend unter leeren Stühlen

„Pferde!“, sagt die Mutter wohlig zum Vater im Auto. „Ponys“, differenziert der Vater, der es genauer nimmt. Das Smalltalkrauschen, dieser Singsang… „also im Moment haben wir Probleme mit der Heizung, das ist wirklich….“ Sie sind sich so einig, dass sie nichts anderes wollen und müssen als so zu sein und so zu leben. Des Vaters lächelnder Blick zur Mutter auf dem Beifahrersitz, aus seiner Parkajacke, das ist so konzentriert und treffend wie eine Gedichtzeile. „Mutti fragt, ob du mit spazieren kommst“. Oder: „Wir gehen zu den Matuscheks, die neue Küche ansehen, kommst du mit?“ Wie so ein Vater herbeikommt in seinem Pullover, das ganze belastende und stützende Gepäck seines Seins im Rücken. Und so ein Junge hat das nicht.
Die Feinheit dieses Films. Das atemberaubende Abfilmen des Fotos von einem Frauenkirchenchor bei einer Veranstaltung, das Gleiten der Kamera über ihre Köpfe, Blusen, Goldkettchen, die Kette ihrer im Schoß gefalteten Hände, während der Junge sich unter den hölzernen Beinen der leeren Stühle verkriecht und um sich weint.
Der Text erschien ursprünglich auf der Website Hard Sensations.
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