Der Tod wird kommen – Kritik

Wie man‘s auch beleuchtet, und welche Eleganz, Pointen, knisternde Musik und warme Farben man der sinnlosen, kalten Welt entgegensetzen mag: Es wird den existenziell orientierungslosen Gangstern in Christoph Hochhäuslers film noir Der Tod wird kommen nicht helfen. 

In der Wohnung von Gangsterboss Charles Mahr (Louis-Do de Lencquesaing) sind verschnörkelte Glasleuchter angebracht, aus denen ein fast körperlich warmes, feurig orangenes Licht strahlt. Doch es steht auf verlorenem Posten. Denn das eisige Licht, das durch eine Panoramafensterwand einfällt, lässt keinen Zweifel daran, dass außerhalb der Wohnung bitterer Winter herrschen muss, obwohl im Garten noch Blätter an den Bäumen hängen.

Auch die Clubs und Bordelle sind warm erleuchtet, die Gesichter der Schauspieler rot oder lila akzentuiert. Aber auch hier verstärkt die Bemühung um Farbe nur den Eindruck der gleichsam hartgefrorenen Unerbittlichkeit der Welt da draußen, in der die niedrige Schnittfrequenz und die weiten Einstellungen der Kamera die Schauspieler stets ein wenig verloren wirken lassen.

Dabei hat Der Tod wird kommen fast dieselbe Ausgangssituation wie Coppolas Der Pate. Hier wie dort treffen sich die Gangsterbosse, um über die Zukunft ihres Gewerbes zu sprechen, bevor ein erbitterter Machtkampf ausbricht. Im warmen, sepiafarbenen New York geht es um Drogenhandel, in der Kälte von Hochhäuslers Film um Prostitution: Charles Mahrs Gesprächspartner wollen in Bordellen auf K.I.-gesteuerte Puppen setzen, die kaum noch von echten Menschen zu unterscheiden sind. Das sei hygienischer und weniger Stress. Geht es bei Coppola daraufhin um den familiären Zusammenhalt, begeben sich hier auf sich selbst zurückgeworfene Individuen in einem kalten, fragmentierten Brüssel im Herzen der EU auf eine vergebliche Sinnsuche.

Zersprungene Perspektiven

In der Struktur eines klassischen film noir, beginnt der Film damit, dass ein Kurier Mahrs von der Polizei festgehalten wird. Seine Lieferung: ein Gemälde aus dem 19. Jahrhundert. In der Verpackung: das ganze Vermögen „der Italiener“ – genauer wird der Film bezüglich der Bedrohung, die das darstellt, nicht. Bevor der Kurier hätte klären können, was schief gegangen ist, wird er ermordet. Um das Gesicht zu wahren und wieder klare Verhältnisse herzustellen, engagiert Mahr die Auftragsmörderin Tez (Sophie Verbeeck). Sie soll herausfinden, was los ist, und den Mörder des Kuriers aus dem Weg räumen.

Der Film folgt Tez von A nach B und B nach C. Tez quetscht Leute aus, gelangt an Informationen, rollt den Fall auf, doch es gelingt ihr nicht, ein Netzwerk aufzudecken. Außer aus ihrer Perspektive, sehen wir die Dinge auch noch aus der Sicht anderer Personen: aus der von Mahr, aus der seines dekadenten Konkurrenten Patric de Boer (Marc Limpach), aus der einer Edelprostituierten, die ihn ausspioniert, oder aus der von Zinédine (Mourade Zeguendi), Mahrs unruhigem Partner. Jeder arbeitet für sich, muss Verrat abwenden, kann niemandem vertrauen. Keiner ist Teil eines ihm übergeordneten Ganzem.

Selbstverständlich läuft alles auf einen Twist heraus, der die Konstellation in ein neues Licht stellen würde. Doch für einen großen Clou am Ende ist alles schon zu klein, zu limitiert und zu zersprungen. Keiner weiß genau, was los ist und was werden könnte; selbst der Zuschauer, dem mehr Indizien als den Figuren gezeigt werden, kann nähere Zusammenhänge nur erahnen.

Die eigene Verlorenheit

Der Tod wird kommen ist die melancholische Bestandsaufnahme einer allgegenwärtigen Wirklichkeit: Alle bekommen einen Wust von Informationen, doch lässt sich daraus bestenfalls ein Bild der eigenen Verlorenheit erstellen. Höchstens der Exzentriker de Boer, der mit einer ihn anbetenden Mutterfigur (Hilde Van Mieghem) und einem bezahlten Sexspielzeug das Bett teilt, hat noch Zukunftshoffnungen. Nur ist es die Frage, ob die Einschätzungen dieses Luftikus überhaupt etwas wert sind.

Trotzdem: Im Kleinen ist Der Tod wird kommen nicht so bitter und kalt wie er es im Allgemeinen vermittelt. Die allgegenwärtige Eleganz, die vereinzelten kruden Pointen und die atmosphärisch knisternde Musik Nigji Sanges‘ verleihen ihm trotz der existentiellen Orientierungslosigkeit der Figuren ein genussvolles Erscheinungsbild; der ungebrochene Kampf seiner Farben gegen die Unabwendbarkeit ihrer Niederlage vermittelt Mut. Vor allem aber finden sich in seinem bitteren Ganzen immer wieder wunderschöne inszenatorische Einzelmomente. So etwa Tez‘ grimmiger, virtuos inszenierter Kampf mit de Boers Schergen in einem leerstehenden Büro- und Industriekomplex. Oder auch der Barbesuch, bei dem der blinden Mela (Delphine Bibet) die anwesenden Damen beschrieben werden. Plötzlich sind zwei Leute nur füreinander da, halten sich im Arm und zeigen Interesse an der Welt – ohne nihilistisches Eigeninteresse. Solche Szenen stellen der kalten Welt dieses Films einen kleinen, aber äußerst effektiven Moment zwischenmenschlicher Wärme entgegen.

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