I Only Rest in the Storm – Kritik

Sich Treiben lassen in Passivitäten: Pedro Pinhos I Only Rest in the Storm gibt sich den Aporien des Neokolonialismus mit Kopf, Körper und Unterleib hin.

Ein Mann und ein Auto einsam in der Wüste, Staub auf der Straße, mitten im Nirgendwo eine Schranke, ein Mann, der den Pass sehen will und als Wegezoll ein Buch haben will: Im Nirgendwo fehlt es an Lektüre. Der Mann im Auto ist weiß, er heißt Sérgio, wie auch der Schauspieler Sérgio Coragem, und er ist unterwegs von Lissabon nach Bissau (nicht von Paris nach Dakar), Fahrzeit 56 Stunden, sagt Google Maps, irgendwann steigt Rauch auf aus dem Motor. Diese Bewegung als fließende Annäherung, von Europa nach Afrika, ist zugleich quasi-dokumentarisch und, aus dem Schatten von Heart of Darkness tritt man nicht einfach hinaus, quasi-allegorisch, wie es Pedro Pinhos Film insgesamt ist, der über Neokolonismus im postkolonialen Raum reflektiert.

Wer fickt hier wen

Sérgio kommt an. Er hat einen Auftrag. Eine NGO (nur weiße Menschen im Raum) plant in Guinea-Bissau ein Straßenprojekt, das eine Gegend in der Provinz an die alles dominierende Hauptstadt Bissau anschließen soll. Pläne wurden geändert, ein Vorgänger namens Leonardo ist verschwunden, auf und davon oder tot, Sérgio ist als Gutachter hier, der das Projekt unter Umweltgesichtspunkten einschätzen soll. Er begibt sich hinaus aus der Stadt, er stellt Fragen, gerät in den Schlamm, tritt in eine Auster, heftige Wunde am Fuß. Man bedrängt ihn von vielen Seiten, aber er ist kein Mann, der sich drängen lässt.

Vielmehr ist Sérgio von erstaunlicher Passivität, mehr eine Sonde als ein Agent, einer, der sich von Kräften treiben lässt, von einer Szene zur andern. So gerät er, der Expat und Fremde, fast versteht man nicht wie, ins Queere, in eine internationale Community, in der er der einzige Weiße ist, es funkt zwischen ihm und dem Brasilianer Gui (Jonathan Guilherme), aber auch zwischen ihm und der mysteriösen Diara (Cléo Diara), sie ist aus Guinea-Bissau, gibt es Anziehungskräfte, die sich klaren Definitionen entziehen. Amorphe Küsse, abrupt gegeneinandergestellt und zuletzt doch ineinanderfließend, das Leben am Tag, das Leben in der Hitze der Nacht, die Recherche im Auftrag und das Gehenlassen im Tanz, Entwicklungshilfe und Sex. Die Frage, auf jeder Ebene, in einer Laufzeit von dreieinhalb sich strenger Form verweigernden Stunden: Wer fickt hier wen.

Umgeschrieben, umgesprochen, umgeformt

Der Film hat einen dokumentarischen Ausgangspunkt. Regisseur Pedro Pinho wollte die Arbeit einer NGO begleiten, die die Landbevölkerung in Guinea-Bissau vom Kacken in den Busch - Ursache vieler, vor allem für Kinder tödlicher Infektionen - abbringen will und die dafür von Hilfsgeldern Latrinen errichtet. Diese Szene ist noch enthalten im Film: Blondinen in UNICEF-T-Shirts stapfen als gutes Gewissen des globalen Nordens durchs Dorf. Pinho war vom neokolonialen Gestus entsetzt, auch davon, dass man ihn als Teil dieses Kolonialismus begriff. So setzte er ganz anders noch einmal an.

Nun sind im Vorspann nicht weniger als zehn Drehbuchautorinnen und -autoren genannt. Pinho hat Erfahrung versammelt, Fragen gestellt, nach Strategien gesucht, von der Begegnung zwischen Europa und Westafrika, zwischen einem Portugiesen und den Menschen in der ehemals portugiesischen Kolonie anders zu erzählen. Es gab ein Drehbuch, das aber vor Ort und von den Darsteller*innen beim Dreh umgeschrieben, umgesprochen, umgeformt wurde.

Der wichtigste Faktor im fertigen Film ist die Zeit, die er sich für das Aufnehmen lässt: nicht nur von Bildern, sondern von Atmosphären, aber auch Informationen. Zwischendurch spricht durchaus jemand in Sachen Neokolonialismus und Kapitalinteressen Tacheles. Dann aber sinkt alles zurück in eine hitzige Passivität, die das Gesagte nicht inhaltlich, aber in der Form konterkariert. In manchem berührt sich der Film mit Ulrich Köhlers allemal klugem Rassismusverstrickungs- und Neokolonialismus-Essay Gavagai; wo der aber die Verhältnisse strukturklar auf ihre Aporien zuzutreiben versucht, gibt sich Pedro Pinho diesen, ohne etwas erzwingen zu wollen, mit Kopf und Körper und Unterleib hin.

Sprung und Erschlaffung

Wie sein Protagonist lässt sich I Only Rest in the Storm niemals drängen, geht hinein in unerklärte Szenen, in denen man lange verweilt, entspannt unter Entspannten, mal sehr bei Kräften, mal schläfrig, nahe an Körpern und Gesichtern, beim Tanz, beim Sex. Aggressionen unter portugiesischen Arbeitern, Sprung und Erschlaffung, Sérgio krümmt sich, wird auf dem Boot abtransportiert, auf einem Laufband im Gym die lecture performance eines schwarzen Vertreters der Kapitalinteressen in Guinea-Bissau: Die Kamera von Ivo Lopes Aráujo ist dabei immer alert, nie rigide, schmiegt sich den Situationen, Körpern, Atmosphären aufmerksam an.

Der Film ist ein Strom mit zähen Stellen und Schnellen, dem man wohl am meisten abgewinnt, wenn man sich seinen Eigenbewegungen mitsamt seinen Passivitäten aufnahmebereit und ohne große Strukturerwartungen überlässt. Es entsteht auch in dreieinhalb Stunden kein in sich kohärentes Bild. Was aber entsteht, bei allem Halbbegreifen, Mittreibenlassen und gelegentlichen Enerviertsein, ist die präzisierte Ahnung davon, dass sich die post- und neokolonialen Verhältnisse zwar multiperspektivisch auffächern, aber am ehesten in einer solchen Flickentextur darstellen lassen.

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