Dao – Kritik

Zwischen einer Gedenkzeremonie in Guinea-Bissau und einer Hochzeit in der Pariser Banlieue, zwischen Dokument und Fiktion, Figurenkonstruktion und Selbstfindung: Alles fließt ineinander in Alain Gomis’ neuem Film Dao, der sich binären Konzepten von Identität ebenso widersetzt wie dem linearen Erzählen.

„Das Dao ist die unaufhörliche, kreisende Bewegung, die durch alles fließt und die Vielfalt der Welt verbindet“, heißt es zu Beginn. Ein Kreis verzichtet nicht nur auf eine Hierarchie, wie uns schon Artus‘ Tafelrunde lehrt, sondern vermittelt außerdem ein Gefühl von Simultanität. Mit dieser Gleichzeitigkeit wird das Publikum in Alain Gomis‘ neuem Film Dao konfrontiert. Das Publikum begleitet die Protagonistinnen Gloria und ihre Tochter Nour zu zwei Zeremonien: zu einer Gedenkzeremonie zu Ehren Glorias verstorbenen Vaters in Guinea-Bissau und zur Hochzeit Nours in den Pariser Banlieues. Im Zentrum steht Gloria, eine Frau, die buchstäblich zwischen den Welten lebt – verwurzelt in Westafrika, beheimatet in der französischen Hauptstadt. Während sie die Hochzeit ihrer Tochter Nour ausrichtet, trägt sie noch die jüngst durchlebte Zeremonie in sich, die ihren verstorbenen Vater zum Ahnen weiht. Der Tote ist für sie weniger Abwesender als fortdauernde Präsenz, ein Bindeglied zur eigenen Herkunft. Diese Doppelbewegung aus Trauer um den Vater und Aufbruch der Tochter führt im kreisenden Lauf der Rituale schließlich zu einem Moment des Friedens und der Versöhnung mit der eigenen Geschichte.

Mehr als postmoderne Spielerei

Man könnte glauben, dass der Film einfach zwei zentrale Punkte eines Lebens einander gegenüberstellt – Vereinigung und Tod – und dadurch eine gewisse Abfolge impliziert. Auf den Tod der alten Rituale aus Guinea-Bissau folgt die Auferstehung durch eine Hochzeit in Paris. Doch Dao ist nicht fortschrittsgläubig, arbeitet nicht teleologisch, sondern mäandert und oszilliert zwischen den Kulturen. Regisseur Alain Gomis schneidet zwischen den beiden Ritualen hin und her, sodass ein Gefühl von Gleichzeitigkeit entsteht. Zwei völlig verschiedene Ereignisse werden mithilfe der Montage nebeneinander gestellt, bis sie schließlich ineinander fließen. Es geht dem Film nicht darum, eine entweder westafrikanische oder europäische Perspektive zu etablieren. Dao widersetzt sich binären Konzepten von Identität ebenso wie dem linearen Erzählen und versucht, eine fluide Hybridität zu konstruieren.

Diese Hybridität zeigt sich schon am Anfang des Films, der weder in Guinea-Bissau noch in Paris beginnt, sondern mit dem Casting der Schauspielerinnen. Aus dem Off hören wir, wie Gomis verschiedenen Frauen die Ausgangssituation erklärt. Er fragt, wie es ihnen gehe und wer sie denn seien. Der Film weist von Anfang an auf seine eigene Konstruiertheit hin, jedoch sind diese Behind-the-Scenes-Einspieler keineswegs postmoderne Spielerei – Dekonstruktion um der Dekonstruktion willen. Denn was hier verhandelt wird, ist Gomis’ eigene Herkunft: Der Vater des französischen Regisseurs stammt aus der Gegend um Guinea-Bissau, unter den Darstellenden finden sich Mitglieder seiner eigenen Familie. Dao ist Autofiktion, das gemeinsame Erarbeiten des Films war Gomis erklärtermaßen wichtiger als das fertige Werk. Wenn ein Regisseur seine eigene Verwandtschaft beim Ausarbeiten von Rollen filmt, fällt die Grenze zwischen dem Erschaffen einer Figur und dem Erinnern einer Identität in sich zusammen. 

Spielerische Verhandlungen

In anderen Szenen beobachten wir Proben mit weiteren SchauspielerInnen, zum Beispiel Improvisationen der Darstellerinnen von Mutter und Tochter und das gemeinsame Herausarbeiten der Figurenmotivation. Dao positioniert sich gegen Essentialisierung und Authentizität und demonstriert anhand solcher Szenen, dass Identität und Gemeinschaften spielerisch verhandelt werden müssen. Identität entsteht nicht intrinsisch aus einem heraus, sondern immer nur in einem Aufeinandertreffen mit dem/der Anderen. Fiktionale Figuren und kulturelle Identitäten sind beides Dinge, die erst erschaffen werden müssen.

Auch später behält der Film eine dokumentarische Anmutung. Eine verwackelte Hand-Kamera, die meistens in Nahaufnahmen das Geschehen einfängt und Nähe suggeriert, begleitet beide Zeremonien. Manchmal wünscht man sich, dass das Bild zur Ruhe kommen würde, doch das Chaos der Identitätskonstruktion manifestiert sich im Stil des Films. Gegen Ende greift der Film sogar auf Talking Heads zurück, die im konventionelleren Dokumentarfilmstil über die Vergangenheit Guinea-Bissaus informieren. So wie die verschiedenen Identitäten verschmelzen auch Fiktion und Dokument. 

Mit seiner 185-minütigen Laufzeit und seinem gemächlichen Erzähltempo ist Dao sicherlich eine filmische Herausforderung. Doch das Hin und Her zwischen den verschiedenen Erzähl- bzw. Filmebenen, kombiniert mit den ekstatischen Feierszenen, kreiert einen Rhythmus, der sich in ein packendes Filmerlebnis übersetzt. Am Ende ist die lange Laufzeit kein bloßes Ausharren, sondern der Vollzug jener kreisenden Bewegung, die der Titel verspricht: kein Weg zu einem Ziel, sondern ein Kreis, der sich schließt.

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