Drei Freundinnen – Kritik
Drei Frauen und eine Handvoll Männer suchen, verlieren und finden die Liebe. Emmanuel Mourets neuer Film Drei Freundinnen ist ein Jenseitsbericht über Getriebene und Treibende, dem es gelegentlich an Widerstand und Gegengewicht fehlt.

Joan (India Hair) hat ein Problem. Den Mann, den sie geliebt hat, liebt sie nicht mehr. Sie und dieser Mann, Victor (Vincent Macaigne), haben ein gemeinsames Kind, es gibt für das Fallen aus der Liebe keinen ersichtlichen Grund. Victor ist liebevoll wie nur einer, es gibt auch keineswegs, zum Beispiel, einen anderen Mann. Joans Freundin Alice (Camille Cottin) tröstet: Die Liebe sollte man nicht überschätzen, sie zum Beispiel habe sich mit ihrem eigenen Mann mehr arrangiert, als dass sie ihn wahnsinnig liebte. Und daran sei gar nichts verkehrt. Findet auch Rebecca (Sara Forestier), die hat nämlich mit Alice’ Mann eine Affäre, von der Alice nichts weiß. Joan, Alice, Rebecca: die drei Freundinnen, die der Titel verspricht.
Im ganz großen Off

Das ist die Ausgangssituation. Wobei. Der Erzähler, ein Mann, setzt anderswo an, da haben sich die Dinge schon weiter entwickelt, dann springt er zurück. Dieser Erzähler ist Victor, der Mann, den Joan nicht mehr liebt. Und er ist, man weiß es nicht gleich, es ist aber auch kein ganz großer Spoiler, er, der Erzähler, ist längst im ganz großen Off, nämlich tot, mithin in die Geschichten der anderen, der drei Freundinnen, nicht mehr mit Haut und Haar involviert. Der ganze Film darum ein Jenseitsbericht.
Auch wenn dieser Abstand nicht wirklich betont wird, zumal es immer auch um Alice und Rebecca geht, die Victor nicht weiter betreffen, steht die Erzählung über dem Erzählten, den Fragen des Liebens, die die Lebenden umtreiben, immer ein klein wenig drüber. Was zu Emmanuel Mouret passt, dem Schauspieler, der als Regisseur (und Autor, hier gemeinsam mit Carmen Leroi) aus der sehr französischen Spezialität der so leichtfüßigen wie ernsthaften Geschichten und Reflexionen über die Liebe noch einmal seine ganz eigene Spezialität gemacht hat. Diesmal spielt das nicht im zu Tode gefilmten Paris, sondern gelegentlich auf dem Land, vor allem aber im auch schönen, aber spröderen Lyon, also, was das Kino angeht, der Stadt des großen Bertrand Tavernier.
Unerwartete, vielleicht auch erwartete Rückwirkungen

Am Anfang lernt Joan einen neuen Mann kennen, Thomas (Damien Bonnard), er ist Lehrer wie sie. Dann der Rücksprung, sie erklärt, sie sei aus der Liebe gefallen, später erklärt sie, es sei wirklich vorbei. Victor betrinkt sich, hat einen Unfall und stirbt (alles im Off). Worauf die Erzählung zurück zum Ausgangspunkt kommt. Thomas, der Lehrer, zieht ins selbe Haus wie Joan, die Töchter verstehen sich prächtig, die neue Liebe scheint prädestiniert. Ein erster Kuss, aber es läuft nicht ganz, wie erwartet. Dann taucht ein weiterer Mann auf, noch ein Kuss, und auch das geht nicht aus, wie man denkt.
Nicht minder lost als Joan ist Rebecca. Sie ist Zeichnerin, sucht einen Job. Und sie sucht einen Mann. Die App bringt sie zum Date mit einem zusammen, mit dem sie gar nichts anfangen kann. Bleibt die Affäre mit dem Mann von Alice, die allerdings auf Alice’ Beziehung unerwartete, vielleicht auch erwartete, Rückwirkung hat. Spätestens als Alice selbst eine Affäre beginnt, mit einem Künstler, von dem ihr Rebecca erklärt, dass er wirklich berühmt ist, darum haben die Bilder, die er Alice schenkt, sehr viel mehr als nur ideellen Wert.
Fast schon postadelig

So geht das hin, so geht das her. Drei Frauen und eine Handvoll Männer, Getriebene und Treibende, Suchende und Heimgesuchte in Sachen Liebe, mal endet es böse, dann wieder nicht. Eine Erzählung vor bürgerlichem Milieuhintergrund, fast möchte man postadelig sagen, schließlich hat Mouret auch schon Lady J nach Denis Diderot sehr schön verfilmt. Das Federleichte des Tons setzt jedenfalls die Abwesenheit von existenziellen Sorgen voraus. Rebecca sucht zwar einen Job, aber in große Not stürzt sie das offenbar nicht. Selbst der Tod, siehe Victor, ist nur halb so schlimm, er bringt einen in eine entspannte Erzählposition.
Bei aller Liebe zu den Filmen Mourets (und meine ist groß), bei aller Wertschätzung dafür, wie klug er hier mit drei Frauen mittleren Alters über die Modi der schon lange nicht mehr ersten Liebe nachdenkt, muss man doch sagen, dass diesmal die Balance nicht ganz stimmt. Tragik und Trauer werden, so sie kurz aufscheinen dürfen, allzu schnell weggewischt. Der behenden Mechanik des Reigens fehlen Widerstand und Gegengewicht. Man folgt den Wechselspielen schon mit Vergnügen. Aber nichts geht wirklich zu Herzen. Und das ist, wie auch Alice lernen wird, dann doch ein Problem.
Neue Kritiken
Drei Freundinnen
Crime Thief
Eli Roth's Ice Cream Man
Lebensansichten eines Huhns
Trailer zu „Drei Freundinnen“

Trailer ansehen (1)
Bilder




zur Galerie (7 Bilder)
Neue Trailer
Kommentare
Es gibt bisher noch keine Kommentare.


















