Gentle Monster – Kritik

Eine perfekte Bobo-Existenz wird von Missbrauchsvorwürfen erschüttert: Marie Kreutzers Gentle Monster erzählt eindringlich vom Schaudern, wenn ein geliebter Mensch plötzlich fremd und bedrohlich wird, verheddert sich dann aber in einem Dickicht aus Diskursen und Nebenfiguren.

„Look into my eyes, can’t you see they’re open wide? Would I lie to you, baby, would I lie to you?“ Mit diesen Zeilen, gesungen von Léa Seydoux am Klavier, beginnt Marie Kreutzers Gentle Monster – und der Soul-Pop-Hit von Charles & Eddie aus dem Jahr 1992 entpuppt sich bald als Schlüssel zum gesamten Film. Die französische Schauspielerin verkörpert Lucy. Die wohnt mit ihrem Ehemann Philip und ihrem Sohn Johnny auf dem Land in Bayern in einem ansehnlichen Herrenhaus. Er ist Filmemacher, sie ist Pianistin und ihre besondere Kunst besteht darin, Popsongs wie den eingangs erwähnten musikalisch neu zu deuten. „Would I Lie to You?“ ist ein leicht kitschiges Plädoyer für die Liebe, unterfüttert von dem leicht bedrohlichen Beharren auf gegenseitigem Vertrauen. So wie seine Protagonistin die Musik dieses Popsongs dekonstruiert, so hinterfragt Kreutzers Film den Inhalt seiner Textzeilen: Ist im digitalen Zeitalter – in dem jede*r eine passwortgeschützte zweite Identität aufbauen und geheim halten kann – Vertrauen überhaupt noch möglich?

Die Abrissbirne für das perfekte Bobo-Leben

Äußerlich führen Lucy und Philip das perfekte Bobo-Leben. Ihr Haus ist gerade so unordentlich, dass es noch als stylisch durchgeht. Während der Familiengespräche wird kosmopolitisch zwischen Französisch, Englisch und Deutsch gewechselt. Sie besitzen kein Bett, sondern haben Sex auf einer Matratze, untertags. Alles sieht nach einem sorgenfreien Künstler*innen-Leben aus, doch die Fassade hat bereits erste Risse. Denn die beiden sind vor allem aufs Land gezogen, weil Philip unter einem Burnout leidet, der sich in regelmäßigen Panikattacken äußert. Auch ökonomisch stehen die beiden nicht auf festen Füßen.

Der endgültige Zusammenbruch kommt, als eines Tages die Kriminalpolizistin Elsa Kühn (Jella Haase) mit einem Durchsuchungsbefehl vor der Tür steht. Philip wird beschuldigt, Missbrauchsdarstellungen von Kindern im Internet hochgeladen und verbreitet zu haben. Dieser wehrt sich nicht, sondern nimmt die Anschuldigungen stillschweigend hin. Lediglich mit seinem Anwalt möchte er telefonieren. Kreutzer scheint uns hier keinerlei Zweifel bezüglich seiner Schuld lassen zu wollen.

Für Lucy ist hingegen nichts eindeutig. Erst beim Besuch des Kommissariats wird ihr – in einer beeindruckend nüchtern inszenierten Szene – klar, was ihrem Partner vorgeworfen wird . In einer ersten reflexartigen Reaktion sagt sie sich von Philip los und möchte keinen Kontakt mehr mit ihm haben. Kurz hat es den Anschein, der Film würde sich ganz auf Lucys Trauma konzentrieren, auf die Frage, wie man mit einem derartigen Vertrauensbruch umgeht, wie man ihn verarbeiten und schließlich weiterleben kann. Aber zu einer derartigen Klarheit kann sich Gentle Monster nicht durchringen, stattdessen reißt er allerlei Diskurse an, die unausgegoren nebeneinanderstehen.

Themen, für die dem Film die nötige Beharrlichkeit fehlt

Da ist zunächst das Thema Pädophilie. Der Spannung zwischen Pädophilie als psychischer Störung und als im Internet organisiertes Kriminalitätsfeld geht der Film tunlichst aus dem Weg. Stattdessen nehmen die Lügenkonstrukte Philips viel Raum ein: Zuerst lässt er über seinen Anwalt ausrichten, die inkriminierenden Bilder seien Recherchematerial für einen neuen Dokumentarfilm. Aber schon wenig später muss er Lucy gestehen, dass es diesen Dokumentarfilm nicht gibt. Er habe alles nur fürs Geld getan; er verdiene so viel weniger als sie und wolle ihr trotzdem all das geben, was sie verdient hätte. Abgehängte Männer und ihre verletzten Egos wären an sich ein ergiebiges Thema, doch auch hier fehlt Kreutzers Film die notwendige Geduld und Beharrlichkeit. Es bleibt bei der einen, kurzen Szene. Mehr als die bloße Feststellung des Problems liefert der Film nicht.

Einen längeren Nebenstrang widmet der Film hingegen der Polizistin Elsa, die ebenfalls Männerprobleme hat. Präzise beobachtet Gentle Monster Elsas Beziehung zu ihrem dementen und deshalb pflegebedürftigen Vater, der seine anzüglichen körperlichen Übergriffe auf die Pflegerin als Freundlichkeiten verteidigt. Der Film eröffnet damit nicht nur einen Generationenkonflikt, sondern stellt auch die Frage nach der Menschenwürde für Pflegende wie Gepflegte. Trotzdem bleibt diese Geschichte im Gesamtgefüge des Films ein Fremdkörper. Allzu knapp werden ihre Themen und Konflikte abgehandelt.

Die Graubereiche der Mitverantwortung

Am interessantesten, vielleicht auch unbequemsten wird der Film, wenn er sich der Mitschuld und Mitverantwortung widmet. Wenn Elsa bei den Übergriffen ihres Vaters wegschaut und der Pflegerin lediglich mehr Geld anbietet, damit sie bleibt, beteiligt sie sich in gewissem Sinn an dessen missbräuchlichem Verhalten. Doch wie verhält es sich mit Lucy? Eine Rückblende soll zeigen, dass Philips Verhalten schon früher offenkundig seltsam war. Der Film scheint hier in den Raum zu stellen, dass Lucy mehr hätte tun können, um Philips Verbrechen zu verhindern. Aber dann lässt er die Geschichten von Elsa und Lucy so nebeneinander her laufen, als hätten wir es hier undifferenziert mit zwei Schuldigen zu tun. Ebenso gerät aus dem Blick, wieviel diese beiden Figuren über das Verhalten der ihnen nahestehenden Männer wissen und zu welchen Reaktionen sie überhaupt in der Lage sind. Der Graubereich der Mitverantwortung bleibt nur angedeutet. Eine Antwort, die weh tut, vermeidet Gentle Monster.

Hier geht's zu unserem Interview mit Regisseurin Marie Kreutzer. 

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