„Vielleicht möchte sie einfach, dass alles verschwindet“
In Gentle Monster wird eine Ehefrau und Mutter mit einer existenzerschütternden Enthüllung konfrontiert. Wir trafen die österreichische Regisseurin Marie Kreutzer für ein Gespräch über die Macht des Verdrängens, Intuition beim Casting, die heikle Set-Arbeit mit Kindern sowie die Erfahrung, Missbrauch im eigenen Umfeld zu entdecken.
Im Familiendrama Gentle Monster zieht die Pianistin Lucy (Léa Seydoux) mit ihrer Familie in ein bayerisches Dorf, damit sich ihr Ehemann Philip (Laurence Rupp) von seinen Panikattacken erholen kann. Als Kinderpornografie auf Philips Computer gefunden wird, steht die Protagonistin vor der quälenden Frage, ob auch ihr eigener Sohn betroffen sein könnte. Anlässlich der Cannes-Premiere von Gentle Monster traf die ukrainisch-deutsche Filmkritikerin Nataliia Serebriakova Regisseurin Marie Kreutzer (Corsage, Der Boden unter den Füßen) für ein Gespräch über einen der persönlichsten und schwierigsten Filme ihrer Karriere.

critic.de: Glauben Sie, dass Opfer von sexuellem Missbrauch manchmal nicht erkennen, dass sie Opfer sind? Dass sie möglicherweise gar nicht verstehen, dass sie missbraucht wurden?
Marie Kreutzer: Insbesondere Kinder reagieren sehr unterschiedlich auf solche Erfahrungen. Manche sind zutiefst traumatisiert, andere entwickeln Bewältigungsstrategien. Es gibt kein einheitliches Muster. Ohne deutliche Anzeichen lässt sich nicht immer feststellen, ob ein Kind missbraucht wurde. Wenn man ihm zu viele suggestive Fragen stellt, könnte es einfach wiederholen, was man von ihm hören möchte. So können sogar falsche Erinnerungen entstehen. Deshalb ist es in manchen Fällen äußerst schwierig, die Wahrheit herauszufinden.
Besonders tragisch ist es, wenn Kinder in einem so jungen Alter missbraucht werden, dass sie überhaupt nicht verstehen, dass etwas nicht stimmt. Ein Polizeiermittler hat mir einmal von einem Fall erzählt, bei dem ein Mädchen identifiziert wurde, das in zahlreichen Missbrauchsdarstellungen im Internet zu sehen war. Als man sie fand und aus dieser Situation herausholte, war sie nicht erleichtert, sondern verzweifelt. Sie wollte zurück, weil dies die einzigen Menschen waren, die sie kannte und liebte. Es ist nahezu unmöglich, das nachzuvollziehen, aber für sie war dieses Leben normal.
Ich habe auch Berichte von Überlebenden gelesen, die später beschrieben haben, dass sie den Missbrauch als etwas wahrnahmen, das sie ertragen mussten, um anschließend Zuneigung zu bekommen. Sie lösten sich innerlich von dem Geschehen, warteten darauf, dass es vorbei war, und kehrten danach zu dem zurück, was sie als „normal“ empfanden. Das Wichtigste, was wir tun können, ist, Kinder frühzeitig aufzuklären – natürlich immer altersgerecht – und ihnen etwas über persönliche Grenzen beizubringen: Was ist in Ordnung und was nicht? Wer darf sie berühren und wer nicht? Das hilft ihnen, zu erkennen, wenn etwas nicht stimmt, und gibt ihnen die Mittel, um darüber zu sprechen. Denn Kinder sagen oft nicht: „Diese Person hat mich unangemessen berührt“, sondern stattdessen: „Ich möchte dort nicht mehr hingehen“ oder: „Irgendetwas fühlt sich komisch an“, oder: „Ich mag diese Person nicht.“ Erwachsene müssen lernen, solche Signale zu verstehen.
Wie sind Sie mit diesem Wissen an die Arbeit mit dem jungen Darsteller Malo Blanchet – der Johnny spielt – herangegangen? Kannte er das vollständige Drehbuch?
Die Situation war in jeder Hinsicht sensibel. Bevor wir die Rolle besetzten, wurden alle Eltern über das Thema des Films informiert. Aus Videoaufnahmen wählten wir zunächst etwa zehn oder zwölf Kinder aus, die wir persönlich kennenlernen wollten. Dann rief ich ihre Eltern an, um ihnen die Geschichte des Films persönlich zu erklären. Ich sagte ihnen, dass ich vollkommen verstehen würde, wenn sie sich mit einer Teilnahme am Casting nicht wohlfühlen würden, und ermutigte sie, sich Zeit zu nehmen, um darüber nachzudenken.
Als wir Malo für die Rolle ausgewählt hatten, sprach ich nochmal mit seinen Eltern darüber, wie wir ihm gegenüber auf angemessen Art mit der Situation umgehen sollten. Nach sorgfältiger Überlegung schlugen sie vor, ihm die Geschichte in Begriffen zu erklären, die er verstand. Sie erzählten ihm, dass der Film von Eltern handelt, die eine schwierige Krise durchmachen und sich möglicherweise trennen. Weil er andere Kinder kannte, deren Eltern geschieden waren, konnte er damit etwas anfangen. Über den Missbrauch wollten sie ihn nicht informieren. Er war zu diesem Zeitpunkt sieben oder acht Jahre alt und hatte noch keine Berührung mit dem Thema. Seine Eltern befürchteten, es könnte ihn überfordern und auch bei den Interaktionen mit Laurence Rupp, der seinen Vater spielt, beeinflussen. Es war sehr wichtig, dass er natürlich und unbefangen blieb.
Wir arbeiteten außerdem mit einer hervorragenden Kindercoachin [Kasia Szustow] zusammen, die zu jeder Zeit anwesend war. Sie achtete darauf, dass wir ihn nicht zu sehr belasteten und weder bei der Arbeitszeit noch bei den emotionalen Anforderungen Grenzen überschritten.

War die Überlegung, den jungen Darsteller zu schützen, auch ein Grund dafür, dass die Geschichte nicht aus seiner Perspektive erzählt wird, sondern aus der seiner Mutter (Léa Seydoux)? Sie entdeckt, dass ihr Mann pädophil ist, kann ihre Gefühle für ihn aber nicht einfach abschalten.
Ich glaube, das ist etwas, womit sich viele Menschen identifizieren können, wenn auch nicht unbedingt in einem solch extremen Ausmaß. Wir alle wurden schon einmal von Leuten enttäuscht, die uns wichtig waren. Selbst wenn jemand etwas Schreckliches tut, ist er immer noch derselbe Mensch wie zuvor. So ein emotionaler Konflikt verschwindet nicht über Nacht. Das braucht Zeit.
Wenn man beginnt, sich mit solchen Fällen auseinanderzusetzen, erkennt man Muster. Zum Beispiel bleiben viele Frauen bei ihren Partnern oder kehren zu ihnen zurück, selbst nachdem diese wegen solcher Verbrechen im Gefängnis waren. Ich urteile nicht darüber, es ist schwer zu verstehen, aber es sind sehr menschliche Reaktionen. Manchmal ist es leichter, eine andere Erklärung zu suchen, als sich einer Sache zu stellen, die derart schmerzhaft ist. Vielleicht möchte die Ehefrau in meinem Film gar nichts wissen. Vielleicht möchte sie einfach, dass alles verschwindet. Ich wollte die Geschichte aus ihrer Perspektive erzählen, damit das Publikum gemeinsam mit ihr die Wahrheit entdeckt und versucht, sie zu begreifen. Auch wenn sich am Ende herausstellt, dass das nicht geht.
Einige stilistische Elemente Ihres Films erinnern mich an Michael Haneke. Hat er ihre Arbeit beeinflusst?
Ich denke, jeder Film, den man sieht, beeinflusst einen auf irgendeine Weise. Und natürlich habe ich alle Filme von Michael Haneke gesehen. Also gibt es vielleicht einen indirekten Einfluss. Ich schätze die Komplexität und Tiefe, die Haneke seinen Figuren verleiht.
War die Idee, die Hauptfigur zu einer Pianistin und Sängerin zu machen, von Anfang an geplant?
Ich wollte, dass beide Hauptfiguren Künstler sind. Ursprünglich nur, um ein Paar zu erschaffen, das mir vertraut vorkommt – also Menschen, die Teil meines eigenen Umfelds sein könnten. Es hatte aber noch einen anderen, persönlichen Grund. Ich habe immer Leute bewundert, die Klavier spielen und singen können. Durch die Figur konnte ich diese Fähigkeiten erforschen.

Sie haben erwähnt, wie Sie erkannt haben, dass Sie in Ihrem eigenen Leben zwangsläufig auch Tätern begegnet sein müssen. Nach dem Start Ihres Films Corsage wurde 2022 bekannt, dass Hauptdarsteller Florian Teichtmeister Kinderpornografie auf seinem Computer gespeichert hatte und heimlich Bilder von Minderjährigen gemacht hatte.
Es war schrecklich und sehr erschütternd für alle Beteiligten. Gleichzeitig ähnelten die Reaktionen denen, die im Film dargestellt werden. Einige Menschen wollten es nicht glauben, weil er so freundlich wirkte. Der Unterschied für mich war aber, dass ich keine persönliche Beziehung zu ihm hatte und es deshalb nicht emotional schmerzhaft für mich war. Zutiefst verstörend war es trotzdem, auch weil er in einem sehr intimen und verletzlichen Rahmen Macht missbraucht hat.
Wie ist es dazu gekommen, dass Léa Seydoux die Hauptrolle spielt?
Nach meinem vorherigen Film haben sich viele Schauspielerinnen und Schauspieler bei mir gemeldet, wodurch mir bewusst wurde, dass ich auch direkt auf sie zugehen könnte. Ursprünglich war für die Hauptfigur eine US-Schauspielerin vorgesehen. Als sie ausstieg, wurde mir Léa vorgeschlagen. Ich hatte sie ursprünglich nicht in Betracht gezogen, aber als ich mehr darüber nachdachte, erschien sie mir plötzlich perfekt für die Rolle. Während eines Videoanrufs wusste ich sofort, dass sie die Richtige war. Casting ist oft eine emotionale Entscheidung, man muss eine Verbindung zur Person spüren, insbesondere weil man über einen längeren Zeitraum sehr eng mit ihr zusammenarbeiten wird. Auch bei der Besetzung von Catherine Deneuve ergab sich alles ziemlich natürlich. Léa hatte zuvor den Wunsch geäußert, einmal mit ihr zu arbeiten, deshalb beschlossen wir, Kontakt zu ihr aufzunehmen. Sie mochte das Drehbuch und sagte zu.
War Catherine Deneuve während der Dreharbeiten anspruchsvoll?
Sie hat klare Grenzen, was ihren Zeitplan betrifft, und das ist vollkommen verständlich. Abgesehen davon war sie am Set offen, freundlich und engagiert. Und sie hat sich häufig Zeit genommen, um sich mit Team-Mitgliedern zu unterhalten.
Sie meinten, dass Bildung und Aufklärung beim Thema Kindesmissbrauch wichtig sind. Wer sollte Ihrer Meinung nach dafür verantwortlich sein?
Ich glaube, dass dies auf mehreren Ebenen geschehen muss. Ich bin weder Politikerin noch Expertin, habe aber über mögliche Initiativen nachgedacht. Zum Beispiel wollte ich mit Jella Haase, die in Gentle Monster die Rolle der Polizistin spielt, ein kurzes Aufklärungsvideo für eine Kinderschutzorganisation produzieren. Das könnte dann in Kindergärten und Schulen gezeigt werden und auf altersgerechte Weise erklären, welche Grenzen nicht überschritten werden dürfen. Da Jella in Deutschland und Österreich bekannt ist, könnte ihre Beteiligung eine große Wirkung haben. Viele Menschen vermeiden es, sich mit diesem Thema auseinanderzusetzen, weil es unangenehm und schwierig ist. Das ist mir im Laufe meiner Arbeit deutlich geworden.










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