Für immer 16 – Kritik
Brezel Görings Für immer 16 ist ein schräger Bravo-Fotoroman in Super 8 über halb gelingende Versuche, Freundschaften am Leben zu halten und mit der Beschissenheit der Dinge klarzukommen. Mit Lilith Stangenberg und Songs von Stereo Total.

„Wie wäre es, wenn wir einen kleinen Undergroundstreifen drehen? Wie früher!“ Das klingt vertraut. Doch leider – auch nichts Unbekanntes – sind die drei alten FreundInnen, die in Für immer 16 mit dem Gedanken an Kreativität spielen, eher faule und verpeilte Boy/Girls und zu 2/3 chronisch pleite.
Brezel Göring, der Regisseur, ist Autor und Musiker und war unter vielem anderen die eine Hälfte des kultigen Indie-Trashpop-Duos Stereo Total. Dessen deutschfranzösische Sängerin/Songwriterin Françoise Cactus (Ex-Lolitas) war auch seine Lebensgefährtin. Als sie 2021 starb, hinterließ sie den Roman „Oh Oh Mythomanie“. Auf dessen Basis hat Brezel nun diesen schluffigen Musikfilm gedreht. Stereo Totals liebliche, genial-dilettantische, verzweifelt amüsante Songs umrahmen und umarmen in Für immer 16 alles. Freche, dichte, bunte Dinger mit persönlichem Tiefgang übers Leben. Dreckig süße, an das Universum gerichtete Klagelieder, mit Françoises charakteristischem Akzent: „Ich drehe einfach ne Runde. Manchmal stoße ich mit andrem Weltraumschrott zusammen.“ Der luftig ephemere Film wurde auf nostalgischem Kodak Super 8 gedreht, ohne Originalton. Die DarstellerInnen haben ihn dann gezielt lässig nachsynchronisiert mit Texten wie aus den Sprechblasen eines merkwürdigen Bravo-Fotoromans.
Gegen das Leben treten, mal gucken, ob es hält.

Es fläzen sich im Urlaub in Palermo auf Sofas und am Strand: 1. Die motzig-punkige Helena (Mücke) – Sadomaso, Nieten, Piercing, schwarzes Leder, anonymer Alkohol („Helena sieht noch gut aus, sie hat ja auch immer viel geschlafen.“). 2. Girlboy Oskar (Chang Wang) – zierlich-robust, versöhnlich-resolut, rosa Langhaar, Blumenkleid und angemaltes Schnurrbärtchen. 3. Die schwebend sich bewegende und sogar radschlagende Charlotte (Lilith Stangenberg) – Fernsehschauspielerin und Einzige, die „was geworden“ ist. Sie hat diese mild kaputte, langmähnige und -beinige Lässigkeit, wie Jane Birkin (oder Uschi Obermeier, findet ein Freund), als würde sie gleich beim Gehen in der Taille abbrechen. Auch diese kleine, belegte Stimme, mit der sie Sachen wie „Ich verstehe nichts vom Leben, für mich ist alles ein Traum“ haucht. Mich persönlich erinnert sie an gleich zwei von Jungs umschwärmte Hingucker-Schulfreundinnen von mir damals – die eine slackermäßig cool, die andere ätherisch versponnen. Jede(r) der drei in dem Film ist eine Femme Fatale, auf eigene Weise.
Der Stil von Für immer 16 ist trashig und verspielt, bewusst amateurhaft und wie improvisiert, mit wenig Action. Wie in Klaus-Lemke-Filmen verbringen die Leute – auch wenn sie, ich schätze, mindestens 25+ sind – ihre Zeit wie Teenies. Halb kaputt rumgurken mit beinah platten Reifen, Freundschaften wertschätzen und vermasseln, Comics lesen, peinliche Tagebücher schreiben, chillen, billig feiern, Erwachsenenkultur nicht in Erwägung ziehen. Gegen das Leben treten, mal gucken, ob es hält. Das ist ansteckend. Nach Film-Ende macht man das unwillkürlich eine Zeitlang nach.
„Ich habe zwei Freunde eingeladen. Aber wir streiten uns immer.“

Charlotte finanziert den Urlaub; Helena und Oskar müssen sie um Taschengeld anbetteln, und Charlotte muss dafür mit dem Neid und Vorwurf leben, sie dränge sich immer in den Vordergrund. Die drei zanken und nerven sich und fliehen in den Airbnb-Kleiderschrank, wenn sie die anderen nicht mehr sehen wollen. Vor seiner Mitte steckt der Film kurz fest, aber dann wird es wieder lustig.
Oskar tadelt Charlotte, weil sie auf die Straße spuckt. Helena, für immer auf Krawall gebürstet: „Was gibt es da zu meckern? Soll sie den Dreck vielleicht essen!?“ Da kommt Rudolph (Twiggy Glouglou) um die Ecke. Es funkt sofort mit diesem dünnen, windigen Herumtreiber. Bald sieht man ihn vor Oskar knien, sein Kleidchen hochheben und ihm einen blasen. Alle verlieben sich in Rudolph; er kriegt alle männlichen Rollen in dem Film, den sie nun endlich drehen.
Wie letztens bei DM

In ihm geht es um die Serien-Männerkillerin „Demenzia“. Die FreundInnen sehen sich in den großen Fußstapfen kalifornischer oder auch sommerlich europäischer B-Movies von Russ Meyer, Jess Franco & Co. Sie debattieren hart, ob sie splattern/schocken oder psychologisch faszinierend/glaubwürdig sein wollen – „Undergroundfilmen ist eine ernste Sache!“. Das epigonische Drehbuch wird immer wieder umgeworfen. Rudolph spricht lustig unengagiert seine geklauten Krimi-Dialoge („Nein, bitte nicht“, als man ihn von einer Klippe stürzen will). Charlotte und Helena teilen sich die Hauptrolle. Mal sticht Demenzia – Augenmaske, schwarzer Lack – auf das am Boden zappelnde Opfer ein. Mal erscheint sie im Strandgewand, den Giftdrink in der Hand, als elegische „weiße Frau“. Einmal trägt sie die gelben Haushaltshandschuhe mit dem langen Schaft, die ich mir letztens auch bei DM gekauft hab.
„Das ist das Alter: Zu müde, um sich zu amüsieren!“. Oskars resigniertes Fazit will man so nicht teilen. Man ist am Ende froh, dass sich die FreundInnen versöhnen, wenn auch durch ein Unglück, und für wer weiß wie lange. Und man dankt dem Film für dieses kleine, verschwommene, bekiffte oder sanft besoffene Provisorium.
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