Von Scham und Geld – Kritik

Leere, Stillstand, vielleicht auch Sehnsucht: In Visar Morinas Sozialdrama Von Scham und Geld über eine Familie im Kosovo treffen dörfliche Traditionen und Werte auf die kapitalistische Moderne. Plötzlich muss der Protagonist feststellen, dass  es in der Stadt etwas ganz anderes bedeutet, „ein guter Mann" zu sein.

Shaban lebt mit seiner Frau Hatixhe, seinen drei Töchtern und seiner Mutter Nana in einem Dorf im Kosovo. Gleich in der ersten Szene gibt uns Visar Morinas Film Von Scham und Geld zu verstehen, dass das Leben dort keine von der modernen Welt unberührte Idylle ist. Erst sehen wir Kühe im Stall, und Menschen, die die Milch weiterverarbeiten. Hatixhe ist gerade mit dem Melken beschäftigt, als Liridon, der jüngste Bruder ihres Ehemanns, sie bittet, Shaban nach Geld zu fragen. 2000 Euro brauche er. Nach Deutschland wolle er, um dort als Altenpfleger zu arbeiten. Es ist nicht das erste Mal, dass Liridon um Geld bittet; die knappe, hart umkämpfte Ressource und deren Einfluss auf das Miteinander sind bestimmende Themen des Films.

Nach einer folgenreichen Eskalation familiärer Spannungen sieht sich die Familie gezwungen, nach Priština zu ziehen. Hier schaut sich Shaban mit anderen Tagelöhnern auf der Straße nach Arbeit um. Er schleppt Möbel, macht Entrümpelungen und arbeitet auf Baustellen. Dabei herrscht unter den Männern, die hier ihre Arbeitskraft anbieten, eine größere, authentischere Solidarität als anderenorts. Einmal teilt einer von ihnen sein gebratenes Huhn unter den vielleicht zwanzig Kollegen auf.

Der Straßenstrich der Tagelöhner

Schwager Alban gibt Shaban schließlich einen kleinen Aushilfsjob in seiner Bar. Es gefällt ihm nicht, dass dieser sich “auf der Straße anbietet”; ein Nachbar habe ihn gesehen. Der Neuankömmling solle bitte nicht den guten Ruf der Familie ruinieren. Hatixhe ergeht es nicht besser. Vergebens fragt sie in Lokalen nach einer Stelle als Putzfrau. Ihre Schwester Lina, die bald wieder nach Istanbul zu ihrem schwer kranken Vater muss, gibt ihr etwas Geld.

Stichwort Istanbul: Straßenbild und Architektur des Kosovo erinnern sehr an türkische Städte vor 20 Jahren. Damals hatte auch in der Türkei die jahrzehntelange Binnenmigration die Großstädte stark anwachsen lassen. Istanbul befand sich in einem gewaltigen baulichen Wandel, aus dem heraus sich eine neue Ordnung von Aufsteigenden und sozial Zurückbleibenden etablierte. In Priština scheinen diese Verhältnisse gerade erst ausgehandelt zu werden.

Für Shaban und Hatixhe wird es nicht ersichtlich, ob Lina und andere ihre Hilfe wirklich benötigen oder ihre prekäre Lage ausnutzen. Sie leben nun samt Nana und den Kindern, um die sie sich kümmert, in einer Scheune, die in eine Wohnung umfunktioniert wurde. Auch auf dem Land besaß Shaban wenig, doch er kannte die Regeln seiner Wel und hatte eine, wenn auch fragile, Form von Selbstständigkeit.

Du bist ein guter Mann“

Einem Satz begegnet Shaban in Von Scham und Geld immer wieder: Er sei ein guter Mann. Erst mit der Zeit merkt er, wie ambivalent dieses Lob ist. Ein guter Mann zu sein bedeutet für ihn, anständig zu arbeiten, Verantwortung für die Familie zu übernehmen und anderen nicht zu schaden; in diesem Geist hat ihn seine Mutter erzogen. Doch was im Dorf als moralisch galt und Anerkennung versprach, verliert in der Stadt seine Wertschätzung. In Priština, wo zunehmend Geld und Besitz über Erfolg oder Abhängigkeit entscheiden, kann die Zuschreibung “guter Mann” auch bedeuten, harmlos, fügsam und leicht ausnutzbar zu sein.

Hatixhes Schwester Lina hat die neuen Maßstäbe längst verinnerlicht. Nur wenn sie ihren Nichten einmal ein Buch bringt und sie innig umarmt, scheint sie sich wieder an die alten Werte zu erinnern. Bald aber richtet sie sich wieder anders aus.

Stillstand und Sehnsucht

Der gesellschaftliche Zustand des Umbruchs – Regisseur Morina spricht von einer “ultrakapitalistischen Blase” – verdichtet sich in einer symbolischen Kamerabewegung: Am Bill-Clinton-Boulevard in Priština steht eine Statue des früheren Präsidenten; von einem nahen Gebäude hängt eine große US-Flagge. Für viele Kosovaren bedeutet Clinton die Befreiung von Serbien, den Weg in die Unabhängigkeit und den Aufbruch in eine neue Zeit. Die Kamera schwenkt weiter auf einen nahen Platz. Dort tanzen und musizieren gerade die Gäste einer Hochzeit nach regionalen Bräuchen. Morina lässt das unverbunden nebeneinander stehen, ohne es zu kommentieren.

Von Scham und Geld ist ein stilistisch realistischer, beobachtender, manchmal fast dokumentarisch anmutender Film. Es gibt nicht viele Nahaufnahmen, Musik oder expressive Perspektiven. Die Kamera drängt sich kaum auf, gibt uns nicht vor, was wir fühlen sollen. Sie beobachtet Shaban und Hatixhe fast simultan dabei, wie sie ihre Umgebung beobachten.

Jedes Mal wenn Shaban vor wichtigen Entscheidungen steht, verharrt er wie entrückt vor dem geöffneten Kühlschrank. In diesem Bild liegen Leere, Stillstand und vielleicht auch Sehnsucht. Der Mann, der seine Familie ernähren will, befindet sich vor einem Symbol für Versorgung und scheint doch nicht zu wissen, wonach er sucht. Obwohl er ständig etwas tut, kommt er kaum voran. Je länger er der neuen Welt ausgesetzt ist, desto deutlicher erkennt er ihre Regeln und damit auch die Grenzen, die sie Menschen wie ihm setzt. Was zunächst wie Orientierungslosigkeit erscheint, mündet in einer Erkenntnis, die alles andere als befreiend ist.

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