The Living Dead Girl – Kritik
Jean Rollin gelang eine zugleich poetisch-leichte und melancholisch-brutale Elegie über eines der zentralen Themen des Horrorfilms – den Verlust, die Trauer und die Unmöglichkeit, einen geliebten Menschen loszulassen. Nun gibt es The Living Dead Girl (1982) neu restauriert auf Blu-ray.

Am Stacheldraht vorbei blickt die Kamera auf ein Kraftwerk. Langsam zoomt sie heraus. Schornsteine und technische Anlagen treten ins Bild. Der Himmel ist grau, kein Mensch ist zu sehen. Die Produktionsstätte wirkt wie eine Ruine und setzt bereits den melancholischen Grundton von Jean Rollins The Living Dead Girl (La Morte vivante) aus dem Jahr 1982.
Schnitt: Drei Männer wollen die toxischen Abfälle des Kraftwerks illegal entsorgen. Als Endlager dient die Gruft eines abgelegenen Herrenhauses. Sie rollen die Giftmüllfässer hinein und plündern bei der Gelegenheit kurzerhand die Gräber – eine klassische Horrorfilmtrope. Doch, als wollte eine höhere Kraft ihren Frevel bestrafen, erschüttert ein Beben die Gemäuer. Die Fässer stürzen um, giftige Dämpfe entweichen und erwecken die verstorbene, aber erstaunlich gut konservierte Catherine Valmont (Françoise Blanchard) zu neuem Leben. Als Morte vivante nimmt sie blutige Rache an den Eindringlingen und raubt ihnen das Blut, das sie für ihr eigenes, untotes Leben braucht.
Mit diesem Auftakt war Jean Rollin selbst unzufrieden. Er war ein Zugeständnis an zeitgenössische Genrekonventionen und die Ökologiebewegung der späten 1970er-Jahre. Lieber hätte der Regisseur den Grund für das Erwachen der Toten im Dunkeln gelassen und den Film stärker mystisch aufgeladen. Tatsächlich stehen die ersten Szenen etwas lose vor dem, was folgt: eine ebenso poetische wie brutale Elegie über Verlust, Trauer und die Unmöglichkeit, einen geliebten Menschen loszulassen.
Die Unfähigkeit, loszulassen

Zurückgekehrt aus dem Reich der Toten, streift Catherine durch ihre einstigen Gemächer, die voller Erinnerungsstücke sind. Nach und nach gewinnt sie ihr Bewusstsein zurück. Mit großer Leichtigkeit verschränkt Rollin in diesen Szenen Bilder der entrückten Catherine mit Erinnerungsfetzen ihrer Kindheit mit Hélène (Marina Pierro). Als junge Mädchen verband die beiden eine enge Freundschaft. Sie wurden Blutsgeschwister und besiegelten einen Schwur auf Leben und Tod. Eine Spieluhr, die Hélène Catherine einst schenkte, führt sie nun wieder zusammen. Über das Telefon vernimmt Hélène die Melodie der Uhr und macht sich auf den Weg zur Totgeglaubten. Als sie das Herrenhaus erreicht, findet sie Catherine nackt am Klavier sitzend, wie sie die vertraute Melodie spielt. Hélène begreift rasch, dass ihre Freundin zu einem Monster geworden ist, das Blut zum Überleben braucht. Sie ist aber zugleich der wichtigste Mensch in ihrem Leben. Um sie zu behalten, ist Hélène bereit, jeden Preis zu zahlen – selbst den, neue Opfer für Catherines Blutdurst zu finden.
Catherine steht im Zentrum der Handlung, doch die eigentliche Protagonistin ist Hélène. Dass ihre Freundin untot ist, ist wie ein Sinnbild für die Trauer Hinterbliebener und ihrer Weigerung, den Verlust anzuerkennen. Mit aller Kraft versucht Hélène, Catherine noch länger festzuhalten – koste es, was es wolle. Selbst, wenn sie darüber zugrunde geht und sich mit Haut und Haar aufgibt.
Kompromissloser Umgang mit menschlichen Körpern

The Living Dead Girl wurde Rollins größter Erfolg. Erstmals in seiner Karriere konnte er ausführlich mit seinen Darsteller*innen proben und fand mit Françoise Blanchard und Marina Pierro zwei außergewöhnlich starke Schauspielerinnen. Besonders Blanchard als Catherine liefert eine beeindruckend intensive Darstellung: Von einer apathisch umherwandelnden Untoten entwickelt sie sich zu einer immer exzessiveren Kannibalin, bis Hélène sich ihr schließlich selbst als Opfer darbietet und von ihr blutüberströmt und schreiend vor Verzweiflung verspeist wird. Beim Dreh dieser Szenen ging Blanchard derart in ihrer Rolle auf, dass Teile der Filmcrew fürchteten, sie habe endgültig ihren Verstand verloren.
Auf diese schauspielerische Höhe gelangen die beiden Nebendarsteller Carina Barone und Mike Marshall nicht. Als Barbara und Greg verkörpern sie ein spießiges Ehepaar mit Beziehungskonflikten auf Urlaubsreise in Frankreich. Bei einem ihrer Ausflüge entdeckt Barbara die vermeintlich tote Catherine und beginnt zum Leidwesen ihres Gatten, Nachforschungen anzustellen. Die Szenen mit Barbara und Greg sind vergleichsweise schwunglos inszeniert und dienen vor allem als „normale“ Kontrastfolie zu den Exzessen zwischen Caterine und Hélène, dem Horror, der Gewalt und der Obsession. Als beide Paare – das spießige und das leidenschaftliche – aufeinandertreffen, stellt sich Rollin als unverbesserlicher Romantiker auf die Seite der Ekstase.
Die Splatter-Effekte sind zwar billig, aber für Jean Rollins Verhältnisse besonders blutig. Verantwortlich dafür war der damals noch minderjährige Benoît Lestang, der sich Jahre später auch für die Grenzerfahrungen in Pascal Laugiers kontroversem Martyrs von 2008 ins Zeug legte. In seinem kompromisslosen Umgang mit dem menschlichen Körper trägt The Living Dead Girl deutlich die Handschrift des damaligen italienischen Horrorfilms, insbesondere der Filme von Lucio Fulci.
Vergangen

Der gesamte Film ist von Melancholie und schmerzlicher Erinnerung an eine vermeintlich bessere Vergangenheit durchzogen: Das eingangs gezeigte Kraftwerk verweist auf eine verlorene Natur, das verlassene Herrenhaus auf vergangenen Reichtum und gesellschaftlichen Glanz, die wandelnde Tote auf eine jäh zerstörte Freundschaft. Für Hélène bedeutet der Tod den radikalen Abbruch jeder Beziehung, die totale Negation. Ihre Angst, einen geliebten Menschen zu verlieren, ist größer als die Angst vor dem eigenen Sterben.
Was geschieht, wenn man den Tod nicht akzeptiert? Diese Frage gehört zu den zentralen Themen des Horrorfilms: In ihm kehren die Toten zurück, als Zwischenwesen, Engel und Dämonen, Geister, Zombies und Vampire. Jean Rollin leuchtet in seinen morbide-poetischen Filmen diese Sphäre des Übergangs aus und erlaubt uns, noch etwas länger mit den Verstorbenen zu verweilen – auch, wenn er uns am Ende mit ihnen in den Abgrund zieht.
Der Film ist neu restauriert bei Powerhouse erschienen.
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