The Shards – Kritik
Mit der Disney+-Serie The Shards jagt Ryan Murphy die Romanvorlage von Bret Easton Ellis durch den Reißwolf seiner Produktionsmaschinerie: Statt kontrolliertem Exzess und präziser Satire herrscht nur mehr campige Beliebigkeit. Übrig bleiben immerhin ein paar grandiose 80er-Jahre-Songs.

Als kaum noch jemand literarisch etwas von ihm erwartet hatte, meldete sich Bret Easton Ellis 2023 mit dem Roman zurück, den man locker als die Apotheose seines Schaffens bezeichnen kann: „The Shards“. Fieberträumerisch und wuchernd, liest sich das Buch wie die Mischung eines satirischen Gesellschaftspanoramas aus dem 19. Jahrhundert, eines kühl distanzierten Serienkillerthrillers, der Analyse einer Identitätsstörung sowie der melancholischen Beschwörung einer vergangenen Idylle, die es so vielleicht nie gegeben hat. Ein Alterswerk im besten Sinne, das die Themen seiner anderen Romane aufgreift und sie konzentriert, immersiv und reflektiert in eine neue Form gießt. Darüber hinaus ist es der Roman mit dem besten Soundtrack aller Zeiten. Seite für Seite listet Ellis zahllose Songs und Alben auf, die die Ära der 80er geprägt haben: Von Synthpop über New Wave zum Stadionrock hin zu Singer-Songwritern oder Disco-Klassikern ist alles dabei. Wer reinhören möchte, kann das unter anderem hier tun.
Sex, Drogen, Parties und ein brutaler Serienkiller

Beim Lesen des Romans entstehen unweigerlich wahnsinnig filmische Bilder im Kopf und so freute ich mich bereits auf das naheliegende HBO-Quality-TV-Treatment (für einen Kinofilm schien mir das von Ellis gesponnene Netz dann doch zu dicht und kolossal). Schon bald wurde berichtet, HBO hätte tatsächlich die Rechte an dem Buch erworben, mit Ellis als ausführendem Produzenten sowie Luca Guadagnino und Kristoffer Borgli als möglichen Regisseuren. Leider stieß man nachfolgend auf unüberbrückbare „kreative Differenzen“ – mit dem Ergebnis, dass der Stoff schließlich in der Ramschverwertungsmaschinerie von Ryan Murphy (American Horror Story, Monster) landete.
Das Buch und die Serie zeichnen das letzte High-School-Jahr einer Freundesgruppe an der Buckley Prep Los Angeles nach. Die Teenager sind mehr oder weniger sich selbst überlassen und trösten sich mit Sex, Drogen, Parties und Popkultur über elterliche Vernachlässigung hinweg. Die zentrale Figur Bret (Igby Rigney) ist mit der blonden Sexbombe Debbie (Hayes Warner) zusammen, schläft aber lieber heimlich mit männlichen Freunden als die Gelüste der angeblich Angebeteten zu befriedigen. Der Zirkel wird von dem Homecoming-Traumpaar Susan (Kaia Gerber) und Thom (Graham Campbell) ergänzt. Die Ankunft des äußerst attraktiven Robert Mallory (Homer Gere) stört die oberflächliche Harmonie allerdings alsbald. Während die anderen Robert mit offenen Armen empfangen, weckt seine Ankunft bei Bret Neid, Missgunst und Paranoia. Zugleich geistert ein The Trawler genannter Serienkiller durch Los Angeles und dezimiert die Teenie-Population.
Mit dem Cabrio über sonnendurchflutete Highways

Die ersten Momente der Serie treffen zunächst den richtigen Ton. Bret in einem roten Cabrio auf den sonnendurchfluteten Highways von Los Angeles, die in weitschweifigen Panorama-Aufnahmen perfekt eingefangen werden, dazu Ultravox’ „Vienna“ auf der Tonspur. Alleine dieser Moment überschwänglicher Lebenslust auf der Bildebene und eher melancholischer Musikuntermalung fasst die Stimmung der Vorlage hervorragend zusammen: Verführerische Oberfläche, hinter der drohend und düster die Schatten lauern.
Doch bereits beim Einsetzen des Voiceovers trübt sich die Freude. Der Ich-Erzähler im Buch schildert die Ereignisse aus einer reflektierten, abgeklärten Perspektive. In der Serie legt man die Worte dem 23-jährigen Igby Rigney in den Mund, der sich zwar mit den aus dem Buch übertragenen Passagen redlich abmüht, dem man aber den wehmütig-abgeklärten, sinnierenden Tonfall zu keinem Zeitpunkt abnimmt. Das ist nicht zuletzt deshalb ein Problem, weil in den ersten beiden, noch von Ellis geschriebenen Folgen der Redeschwall nie aufhört. Die Serie hört sich hier beinahe wie ein Audiobook des Romans an, punktiert mit zahllosen Needledrops und einer recht überzeugenden 80er-Ästhetik. Visuell wird das dem filmischen Medium zwar selten gerecht, aber immerhin ist der Versuch da, den Themen und dem Geist der Vorlage Rechnung zu tragen.

Nachdem sich ab Folge drei Ellis als Drehbuchautor verabschiedet, fliegt allerdings auch das aus dem Fenster. Produzent Ryan Murphy setzt die Camp-Kreissäge an, fügt beliebige neue Figuren hinzu, die kaum etwas zu der Handlung oder Stimmung beitragen, definiert die Beziehungen der Charaktere untereinander neu, bietet peinliche Tanzwettbewerbe auf, macht aus dem chimärenhaften Mörder des Buchs eine Variante des folternden Jigsaw-Killers und lässt zwischenzeitlich die Charaktere alle zwei Minuten Kokslinien ziehen. Von Ellis’ Vorlage bleiben, bittere Ironie angesichts des Titels, nur Scherben (engl. shards).
Die Psychedelie und der Exzess bleiben bloße Makulatur
Nun ja, mag mancher sagen, das liest sich doch ganz erstmal launig. Weiterhin ist der Satz „Das Buch ist aber besser“ natürlich die langweiligst-mögliche Reaktion auf eine Stoffbearbeitung. Aber wenn eine Serie angesichts des thematischen und strukturellen Reichtums der Vorlage nicht nur nicht in der Lage ist, deren ursprünglichen Geist einzufangen, sondern es dann noch nicht einmal versteht, dem Ganzen einen eigenen interessanten Spin zu geben, muss man leider von einem Totalschaden sprechen.
Natürlich hätte The Shards einfach auch eine spannende Teenie-Serie voller Sex, Gewalt, Drogen und guter Laune sein können. Aber dazu ist dennoch etwas dramaturgische, tonale Sorgfalt nötig. Murphy fügt wie bei einem Frankenstein-Monster beliebige Teile zusammen, ohne zu merken, dass sein Monster nie Leben eingehaucht bekommt. Die Folge ist, dass sich der Zuschauer trotz des Exzesses zunehmend langweilt.

Die Psychedelie, der Exzess und die unscharfe Trennung von Realität und Wirklichkeit sind in dem Buch sorgfältig angelegt, kontrolliert ausgestaltet und verweisen stets auf unter der Oberfläche ablaufende Bewusstseinsprozesse. Bei Murphy sind diese Elemente rein kosmetisch eingesetzte Makulatur. So bleibt uns nichts anderes übrig als dem Protagonisten von Ellis’ Buch zu folgen und von besseren Zeiten – und einer besseren Adaption – zu träumen. Am besten mit dem zentralen Song des Buchs im Ohr: Blondies „Dreaming“.
Der Text bezieht sich auf die ersten 5 Folgen der neunteiligen Serie.
Zum unserem Text über Filmadaptionen von Bret Easton Ellis' Romanen geht es hier.
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