Frau Winkler verlässt das Haus – Kritik

Warum wir leben, warum wir leiden: Wenn wir es doch nur wüssten! Tschechows Geist schwebt in Doris Dörries Komödie Frau Winkler verlässt das Haus, in der Angela Winkler als grumpy old lady einen empathischen Pflegedienstroboter bekommt. Es geht ums Alter und ums Sterben. Aber es ist nicht ernst.

Hamburg ist echt schön. Am Anfang von Frau Winkler verlässt das Haus schweben Möwen über dem Hafen mit seinen Kähnen und der Philharmonie, in diesem hellen, klaren Licht – und ich weiß nicht, wie es kommt, dass ich dieses eigentlich bekannte Bild (Kamera: Leah Striker) sofort so feiere. Es ist wie mit den Gedanken in dieser spielerisch schönen, philosophischen Komödie. Man kennt sie eigentlich. Aber mir scheint, sie tanzen, schwingen und spielen hier besonders fein.

Sie kreisen schwerelos ums Leben und ums Sterben. Menschen und Rollen fließen ineinander. Anton Tschechows Stück „Die drei Schwestern“ durchdringt die Geschichte wie ein weiser, lieber Geist.

„Elvis has left the building“, sagte man, damit die Fans den Maestro, der alles gegeben hatte, am Veranstaltungsort nach der Show nicht mehr belästigten. Auch Frau Winklers Haus – ein weißer, übers Eck gebauter Bungalow mit bescheidenem Sixties-Mittelstandsglamour – ist ein Veranstaltungsort, allein dadurch, dass sie dort lebt.

Noch. Der intelligente Kühlschrank sagt vieldeutig: „Das Haltbarkeitsdatum Ihrer Lebensmittel ist gefährlich überschritten“. Wir befinden uns in naher Zukunft. Putzige Roboter überall. Manche setzen sich zu einem ins Café; man hört sie leise sagen: „Ich möchte nur behilflich sein.“ Auch andere KI-Hilfsgeister reden allseits mit: Ein Entchen, das am Autospiegel baumelt, fragt, ob man reden will. Ein Plüschding erzählt der kichernden kleinen Billie Witze. Ein Mann beschwert sich bei seinem Halskettenanhänger über jemanden und das KI-chen gibt ihm recht. Alles ist im intimen, rückversichernden Dialog mit sich, der menschlichen Kultur, dem Nichts, dem Universum.

Lieber tot als Stützstrümpfe

Frau Winkler (erstklassig besetzt mit Angela Winkler, It-Girl des Neuen Deutschen 70s-Films) war Schauspielerin. Nun ist sie eine grumpy old lady mit altersschwacher Coolness, einsam, doch auch wählerisch. Nur mit ihrer Nachbarin wechselt sie regelmäßig ein „Guten Morgen“, wenn sie beide gleichzeitig die Vorhänge auf- und zumachen – „Lebt also auch noch, das arme Schwein!“

Tochter Emi (Laura Tonke), Schauspielerin und gerade aus längerer Babypause zurückgekehrt, hat es beruflich schwer. Umso glücklicher ist sie, als das Theater Lübeck sie als Olga in „Die drei Schwestern“ besetzt. Hochmotivierte Kollegen, surreale Requisiten, schön. Doch dann: der Oldie-Klassiker: Mama allein. Vorhang hängt schief. Mama steigt auf etwas Wackliges, rutscht, zack: Pflegefall. Was sie bisher noch konnte, geht jetzt anscheinend gar nicht mehr. Warum, hört man von einem Arzt: Hämolytische Anämie. Sie kann nicht mehr alleine leben. Emi soll sich um sie kümmern. Die will und muss aber arbeiten.

Alle wollen hilfreich sein, Lösungen finden. Frau Winkler aber will sterben – das ist ihr Mantra und ihre Drohung, wenn ihr alles zu viel ist. „So will ich nicht leben“, sagt sie theatralisch, als die Tochter ihr die Stützstrümpfe anziehen will. Sie hilft nicht mit, argwöhnt, ihr Haus werde an eine Fremde verkauft. Diese „Fremde“ ist aber nur die Pflegerin (sehr schön, besonders, wenn sie sich später so auflöst: Via Jikeli). Die Pflegerin empfiehlt den „End-of-Life-Modus“: Bei schlechter Prognose schalte der sich ein, sobald die Mutter einen Sterbewunsch äußert und händigt ihr eine zierliche Dosis Gift aus.

Sachte den Bach hinunter

Die kleine Enkelin Billie (sehr gut: Zoe Baier) singt für die Oma: „Row, row, row your boat, gently down the stream. Merrily, merrily, merrily, merrily, life is but a dream.“

Billie versucht süß, die Mama als Gespenst zu erschrecken. „Zu plump“, moniert Emi belustigt, „noch mal bitte“. Das zweite Mal ist schon gekonnt. Die süße Zärtlichkeit zwischen den beiden wirkt natürlich und selbsterfunden. Wie wenn man vertraut ist und einander anhänglich liebhat.

Auch sonst wird in diesem Film frei, beseelt und freudig geschauspielert. Besonders bei Laura Tonke fällt mir die lustige, groovende Leichtigkeit auf, aber auch bei den anderen. Es gibt eine Lieblingsszene mit einer unerwarteten Auflösung, die ich nicht spoilern möchte. Tonke lacht darin, obwohl es heißt „Frau Winkler, es ist ernst“, ein herzliches, irrationales, aber nicht zu unterdrückendes Lachen, das ich göttlich finde und mir für später merken will.

Ein „Mann“ im Haus

Dann kommt Pawlowitsch (Josef Ellers), der Pflegedienstroboter. Er soll Frau Winkler unterstützen, wenn Emi in Lübeck ist. Anders als der Androide in z. B. Maria Schraders Ich bin dein Mensch, sieht dieser wirklich robotermäßig aus. Er weiß alles, was Frau Winkler je geliket, geteilt oder gegoogelt hat. Allerdings ist er von der Werkseinstellung her ein Sensibelchen, das erst lernen muss, Frau Winklers senile Unfreundlichkeit wegzustecken. Als sie mal was auf ihn wirft, geht er erschrocken aus. Doch das Wort „Entschuldigung“ schaltet ihn wieder ein.

Pawlowitsch ist zu doof, um ein Spiegelei zu braten, gibt sich aber Mühe. Füttert mit klobigen Pfoten die Vögel draußen, rührend wie ein ungeschickter Mann. Stützstrümpfe patientinnenfreundlich anziehen: kein Problem. Auch Hecke schneiden. Lieferungen von Lieferrobotern annehmen. Während die Waschmaschine läuft, lädt er seinen Akku auf und installiert Updates. Nur die Zusammenarbeit mit dem Saugroboter aus dem 20. Jahrhundert lehnt er überheblich ab.

Frau Winkler tanzt mit Pawlowitsch zu „Blaue Augen“; auch ihr ist jetzt alles total egal Sie erzählt ihm von den Eigenarten ihrer verstorbenen Liebhaber; bald kann er sie alle nachsprechen, erfüllt von dem, was sie und andere ihn wissen ließen.

Auch Tschechow schüttelt er aus dem Ärmel: „Ich liebe Sie, ich liebe Sie, ich träume von Ihnen Tag und Nacht, Sie herrliche Frau“; nicht zufällig steckt unter seiner Verkleidung derselbe Schauspieler, der auch in Rückblenden Frau Winklers verstorbenen Mann spielt. Sie spielt und flirtet mit dem Roboter als wäre er ein Mensch. Sie wird ja selber bald keiner mehr sein. Alles ist wahr und nicht (mehr) wahr; der Unterschied ist da, doch fließend. Menschen spielen, bevor sie ernst mit dem Leben machen. Und jetzt: nachdem.

Die Mama weint

„Das Leben war für mich noch nie schön“, zitiert sie eine der „Drei Schwestern“, „es hat mich zu ersticken versucht wie Unkraut.“ Frau Winkler weint. Roboter will sie trösten. Sie sagt: Du kannst doch gar nicht wissen, was ich empfinde.

„Ich habe Schmerzsensoren. Ich lerne, Muster zu erkennen und handele danach. So stelle ich das Leiden ab. Keine Emotion hält länger als 10 Sekunden, wenn man sie nicht füttert. So lässt sich Negativität ausschalten,“ antwortet ihr letzter Lebensbegleiter, Schutzgeist, Charon, Engel. „Das Leben ist sehr schön. Auf Wiedersehen, Berge, Himmel, Wolken.“

Am Ende klingeln sie doch bei der Nachbarin. Die Tür geht auf – und es ist Doris Kunstmann. So mollig weich, plüschig hübsch und sonnenartig. Sie erinnert mich an zwei alte Frauen aus dem Hallenbad und dem Café von OBI bei mir zuhause. Sie alle waren einmal Stars in ihren Leben und jetzt sind sie (sind wir) alte Leute am Ende dieses Theaters aus unendlich vielen, feinen, leuchtenden Dingelchen. Das strahlt sie aus in dem Moment. Ich kriegte Gänsehaut und musste weinen.

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