Hirnyk – Kritik

Filmfestival Cottbus: 2023 beteiligt sich der TV-Moderator Denys Khrystov an der Evakuierung von Zivilisten aus der ukrainischen Stadt Hirnyk und hält das mit rohen, unmittelbaren GoPro-Aufnahmen fest. Regisseur Mykola But macht daraus eine eindringliche Dokumentation über das widersprüchliche Leben unter extremen Bedingungen.

Ein junger Mann liegt nackt und schwer verbrannt auf einer Straße, nachdem sein Motorrad von einer Drohne getroffen wurde. So findet ihn der freiwillige Helfer Denys Khrystov. Diese verstörende Szene eröffnet Mykola But s Dokumentarfilm Hirnyk, der im Programm des Filmfestivals Cottbus vertreten ist. Er zeigt das Leben in einer Stadt, in der die Grenze zwischen Alltag und unmittelbarer Lebensgefahr längst verschwunden ist. Die Aufnahmen entstanden 2023 in Hirnyk in der Region Donezk. Gemeinsam mit den Polizisten der Einheit „Weiße Engel“ beteiligt sich Khrystov an der Evakuierung von Zivilisten aus Gebieten, die zunehmend unbewohnbar sind.

Khrystov, der früher als Fernsehmoderator gearbeitet hat und heute unter seinem Social-Media-Namen „Holländer“ als ziviler Freiwilliger die ukrainische Armee unterstützt, dokumentiert seine Einsätze mit einer GoPro-Kamera. Seine Aufnahmen bilden das Rohmaterial des Films. Aus ihnen entwickelt But eine Folge miteinander verbundener Episoden, die ein vielschichtiges Porträt einer Gesellschaft im Krieg zeichnen. Die Geschichten kreisen um eine Frage, die sich auch Zuschauerinnen und Zuschauer während der Vorführungen von Buts früherem Kurzfilm One Percent of War immer wieder stellten: Warum verlassen Menschen ihre Häuser nicht, obwohl die Gefahr längst offensichtlich ist?

Erst noch die Birnen ernten, und was wird aus den Tieren?

Die Antwort ist alles andere als eindeutig. In seinem Kommentar beschreibt Khrystov, wie die Städte an der Front allmählich sterben. Zunächst zerstören Fliegerbomben gezielt Gebäude, später folgen Artillerie und Mehrfachraketenwerfer. Mit der Zeit werden ganze Straßenzüge und Wohnviertel verwüstet. Plötzlich gibt es weder Wasser noch Storm, doch viele Bewohnerinnen und Bewohner arrangieren sich mit solchen Bedingungen, die unter normalen Umständen kaum auszuhalten wären. Manche wollen erst noch die Birnen im eigenen Garten ernten, andere können sich nicht von ihren Häusern und Tieren trennen. Wieder andere scheinen die Gefahr zu verdrängen oder hoffen möglicherweise sogar auf die Ankunft russischer Truppen. Es gibt sogar Eltern, die ihre Kinder verstecken, obwohl diese nach den geltenden Kriegsbestimmungen aus den Gebieten evakuiert werden müssen. Hirnyk entwirft durch die Begegnungen mit diesen Menschen ein schmerzhaftes Bild einer ukrainischen Gesellschaft, die an den gefährlichsten Orten des Landes lebt.

Ein widersprüchliches Geflecht von Gründen

Hirnyk versucht nicht, für diese Entscheidungen eine einzige Erklärung zu finden. Die Menschen, denen wir begegnen, dienen nicht bloß als Beispiele für Unvernunft oder mangelnde Einsicht. Ihre Bindung an ihr Zuhause, ihre materielle Sorgen, die Angst vor dem Unbekannten, die Macht der Gewohnheit sowieunterschiedliche politische Einstellungen bilden ein Geflecht an unterschiedlichen Gründen. Die Stärke des Films liegt darin, dass er nicht aus sicherer Entfernung verurteilt, sondern Widersprüche sichtbar werden lässt.

Formal ist Hirnyk kein visuell aufwendig gestalteter Dokumentarfilm. Die GoPro-Aufnahmen wirken bisweilen roh, doch gerade diese Unmittelbarkeit ist entscheidend. Die Kamera befindet sich mitten zwischen den Menschen, die evakuiert werden müssen. Dadurch erinnert der Film an die dokumentarischen Arbeiten von Mstyslav Chernov und Oleh Sentsov, die ebenfalls mit kleinen Kameras und unter extremen Bedingungen entstanden. Ihre visuelle Bescheidenheit ist Ausdruck einer Situation, in der das Filmen mit erheblicher Gefahr verbunden ist.

Eine Form für Fragmente

Regisseur But, der vor seiner Arbeit an Hirnyk wie Khrystov beim Fernsehen tätig war, nutzt seine redaktionelle und dramaturgische Erfahrung, um aus einer großen Menge fragmentarischer Aufnahmen eine dynamische Erzählung zu schaffen. Das Material, das Khrystov während der Einsätze gesammelt hatte, war ursprünglich nicht für einen Film gedacht. Es wurden keine Szenen vorbereitet, keine Einstellungen geplant und viele Aufnahmen hatten weder einen eindeutigen Anfang noch ein klares Ende. Die Kamera wurde eingeschaltet, weil etwas geschah und festgehalten werden musste.

Die eigentliche Regiearbeit bestand deshalb darin, eine Form für diese Fragmente zu finden. But gliedert den Film in thematische Kapitel und führt das Publikum von einer Begegnung zur nächsten. Er beginnt ohne Chronologie und Erklärung mitten in der eingangs beschriebenen dramatischen Situation. Die sorgfältig ausgewählte Musik – ukrainische Bands und Musiker stellten ihre Stücke kostenlos zur Verfügung – schafft überraschende Kontraste zu den Bildern und verleiht der bedrückenden Realität eine unerwartete Energie. Hinzu kommt Khrystovs Präsenz, die durch Humor und Charisma verhindert, dass die Erzählung ausschließlich von Verzweiflung bestimmt wird.

Hirnyk zeigt, wie schwer es ist, von außen über Entscheidungen zu urteilen, die unter extremen Bedingungen getroffen werden. Und er trägt etwas in sich, das in der Berichterstattung über den Krieg leicht verloren geht: die konkrete Erfahrung eines Lebens, das selbst dort weitergeht, wo es kaum noch möglich scheint.

Der Film läuft am 3. und 7. November auf dem Filmfestival Cottbus. 

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