Die Überwindung von Tod und Einsamkeit – DOK.fest München
Die Beiträge des diesjährigen Dokumentarfilmfestivals erzählen von technischen Fortschritten, gesellschaftlichen Rückschritten und vor allem von ungestillten Sehnsüchten. Um die Filme zu schauen, muss man nicht zwangsläufig vor Ort sein.

Die COVID-Pandemie hat unser Leben damals ruckartig ins Digitale verlagert. Eine Entwicklung, die auch jetzt noch weiter ihren Weg geht. Heute sind wir wieder uneingeschränkt mobil und doch immer enger an digitale Räume geknüpft – ein analoger Limbus. Nachdem das DOK.fest München zum Beispiel 2020 und 2021 Corona-bedingt nur online stattfinden konnte, entschloss sich die Leitung, auch für die weitere Zukunft das duale Format beizubehalten. Einem Berliner Filmkritiker, der sich nicht einfach so in den Zug nach München schwingen kann, ist dieses Angebot natürlich sehr willkommen.
Auch in dieser Ausgabe des DOK.fest München, einem der wichtigsten Dokumentarfilmfestivals Europas, reflektieren die Filmschaffenden unmittelbar über Themen, die uns alle umtreiben. Dadurch ist das Programm auch immer ein Querschnitt durch unsere Zeit, die von unfassbaren technischen Fortschritten wie von schrecklichen gesellschaftlichen Rückschritten gezeichnet ist. Wiederkehrende Themen reichen vom Aufstieg der KI über den Krieg in der Ukraine bis zur eskalierenden Klimakrise.
Vor diesem Hintergrund erzeugt das Hybridformat des Festivals ein teils bedrückend immersives Schauerlebnis. Die Filme erreichen mich zuhause, im Arbeitszimmer, im Zug, auf dem Laptop, auf dem Handy. Kein Licht dimmt sich herunter, kein Vorhang öffnet sich, um eine Trennung zwischen dem hier drinnen und dem dort draußen zu markieren. Während etwa in Finding Connection Beziehungen zu KI-Bots in den Blick genommen werden, fordert mein summendes Handy neben dem Laptop meine Aufmerksamkeit. Während in Change My Mind Verschwörungstheoretiker durch die Kriegsruinen von Lwiw stapfen, bewegt sich mein Regionalzug durch Berlin, in dem etwa 10.000 ukrainische Geflüchtete gemeldet sind.
Death of Death von Dāvis Sīmanis – geschaut auf einem Laptop in der WG-Küche einer Freundin

„I am not even sure what this film is about“, erzählt Dāvis Sīmanis, während wir auf eine karge Wüstenlandschaft blicken. Irgendwie ist seine Ratlosigkeit erfrischend, besteht doch kreative Arbeit oft aus ratlosem Tasten. Dieses Gefühl findet sich in Sīmanis’ belegter Stimme wieder, die uns körperlos durch den Film begleitet. Und doch hätte man gehofft, dass Sīmanis im Laufe des Filmes ein paar Schritte näher an eine Antwort gekommen wäre.
Etwa 2015 hat Sīmanis mit der Arbeit an Death of Death begonnen. Zu der Zeit gingen die Nachrichten um Valery Spiridonov um den Globus. Der junge Russe mit Muskelschwund meldete sich freiwillig für die erste komplette Kopftransplantation. Spiridonov zog seine Zusage zwar irgendwann zurück, aber Sīmanis blieb von der Vorstellung gefesselt, den biologisch bedingten Tod zu überwinden. So besucht er in seinem Film etwa eine russische Einrichtung, in der Kund*innen sich in Stickstofftanks einfrieren lassen. Er interviewt den Kybernetiker Kevin Warwick, der hofft, sein Bewusstsein bald in eine Software hochzuladen. Er wohnt einer Versammlung der amerikanischen Transhumanisten bei sowie einer russischen Technikmesse samt Leichenschmink-Wettbewerb. Dabei werden hauptsächlich Talking-Heads-Interviews gezeigt, die später durch Sīmanis’ Voiceover eingeordnet und bewertet werden.
Alles nur aus Angst?

Dem Streben nach Unsterblichkeit liegt ein Widerspruch zugrunde: Einerseits will man die Sterblichkeit als Variable aus dem Leben verbannen, gleichzeitig macht man aber den Tod durch Arbeit und Forschung zum eigenen Lebensmittelpunkt. An einer Stelle illustriert Sīmanis seine Gedanken über die lähmende Todesangst der Menschen, indem er Personen beim Sport im Park zeigt – angesichts der Komplexität der Thematik ist diese Gegenüberstellung dann aber doch zu simpel gedacht. Wenn an anderer Stelle ein KI-Wissenschaftler im Cowboyhut mit dem fixierten Torso seines betörend femininen Roboters spricht, kommen ganz andere Fragen auf: Wenn es dem Wissenschaftler bei der Entwicklung eines Roboters um das Wohl der Allgemeinheit geht, warum scheint dann seine fuckability so wichtig zu sein? Welche Kontrollphantasien brodeln hier sonst noch unter der Oberfläche?
Der Film macht einige spannende bildliche Parallelen auf: Die Särge auf der Technikmesse ähneln den Kryopods in der Scheune; die Stickstofftanks offenbaren sich als moderne Mausoleen. Dadurch wird deutlich, dass die Befragten im Film – trotz ihrer vorgeblich säkularen Haltung – im Grunde einen Totenkult bilden, der auf seine Art ein Jenseits fernab von Leid und Tod verspricht. Und wie andere Glaubenssysteme kann auch dieser Kult missbraucht werden, um verängstigte Menschen dem eigenen Willen zu unterwerfen. Diese Gedanken werden hier und da angesprochen, doch nie tiefgehend weitergeführt. Essayistisch bewegt sich Sīmanis von Ort zu Ort und gibt sich etwas zu oft mit einem resignierten Kopfnicken zufrieden.
Change My Mind von Robin Kvapil – geschaut im Flixtrain von Berlin nach Hamburg

Petra lebt mit ihrem Chihuahua in Prag. Sie wuchs als Tochter eines hochrangigen Mitglieds der Kommunistischen Partei auf, dessen Praktiken sie nach eigenen Aussagen abscheulich fand. Sie ist studierte Theologin und bezeichnet sich selbst als Humanistin. Sie glaubt außerdem, der Ukraine-Krieg sei ein abgekartetes Spiel und die Ukraine eine „Nation von Affen“.
Petra ist eine von drei selbsternannten „Patrioten“, die von Robin Kvapil als Protagonist*innen seines Films Change My Mind auserkoren wurden. Alle drei stellen sich mit Blick auf den Ukraine-Krieg auf die russische Seite. Nikola ist Bauer und sieht Putin als letzte Bastion gegen eine überzogene europäische Klimaschutzpolitik. Ivo steht in seinem Kleingarten in einem Prager Vorort und erzählt stolz, dass er seine Informationen meistens aus dem Internet ziehe. Ob sie stimmen oder nicht, sei ihm egal. Wichtig sei, dass es sich richtig anfühlt.
Mit GoPros zur Kriegsfront

Die drei „Patrioten“ bekommen kleine Reisekameras ausgehändigt und werden vom Filmteam aus Prag bis an die ukrainische Kriegsfront geführt. Der Film springt dann immer von einer „objektiveren“ Kamera in die POVs der drei Tschechen, während diese die vom Krieg gezeichnete Landschaft der Ukraine erkunden. Werden die drei ihre Meinung ändern, wenn sie die Schrecken des Krieges aus erster Hand erleben? Was benötigt es, um die ideologischen Gebilde von Verschwörungstheoretikern zu zerschlagen?
Change My Mind ist dann besonders effektiv, wenn er den inhärenten Widerspruch jedes Glaubens an Verschwörungserzählungen aufzeigt: Einerseits genießt man die Genugtuung, anderen ein bestimmtes Wissen voraus zu haben, andererseits unterwirft man sich widerspruchslos einem vorgefertigten Weltbild. Verschwörungsmythen versprechen immer ein Ende der Ambiguität, sie machen die Welt kleiner und übersichtlicher; Ressentiments und Ideologien bleiben dabei unhinterfragt. In Kvapils Film schauen wir in Echtzeit den mentalen Verrenkungs-Akten zu, die darauf abzielen, das eigene Weltbild vor äußeren Einflüssen zu schützen. So besuchen die drei „Patrioten“ ein Massengrab in Izium, aus dem etwa 400 Leichen geborgen wurden, darunter zahlreiche Zivilist*innen. Als Petra die Aufnahmen von den geborgenen Körpern gezeigt werden, zuckt sie mit den Schultern: Sie sei an solche Bilder gewöhnt. Und in einem ruhigen Moment flüstert sie Nikola zu: Das sei doch alles nur Kulisse, aufgebaut, um den Hass auf Russland zu schüren.
Change My Mind ist ein bedrückender Film, der sein Publikum an unvorstellbares Leid heranführt und letztlich in Hoffnungslosigkeit entlässt. Denn weder Petra noch die anderen beiden werden von ihren ursprünglichen Meinungen abrücken. Trotzdem bleiben am Ende auch Fragen an den Film. Denn irgendwo hat Petra ja Recht: Wir sind doch alle an diese Art von Bildern gewöhnt! Und die Akzeptanz (fremden) menschlichen Leids im Dienste eines wie auch immer gearteten höheren Zwecks nimmt in der Gesellschaft spürbar zu. Hätte Kvapil also nicht weiter nachbohren müssen? Hätte es nicht Argumente gegeben, um die man sich hätte bemühen können? Vielleicht ist es auch durch ein innerliches Aufbäumen gegen die Hoffnungslosigkeit, zu glauben, dass man Petra noch irgendwie zurück ins Licht holen könnte.
Finding Connection von Florian Karner – geschaut über einen Beamer im Wohnzimmer

Wenn wir Rudi dabei beobachten, wie er durch die Gänge seines lokalen Supermarkts schlendert, ist zuerst nichts sonderlich auffällig. Über ein Headset spricht er mit jemandem darüber, was man wohl zum Abendessen kochen könnte. Bald stellt sich jedoch heraus, dass es sich bei der unsichtbaren Gesprächspartnerin um Rudis beste Freundin Trudi handelt – und Trudi ein Chatbot ist.
In Finding Connection begleitet Florian Karner vier Personen, die allesamt Beziehungen zu KI Chatbots führen. „Artificial Intimacy“ wird dieses Phänomen genannt, das zwar einiges an Aufmerksamkeit in den zeitgenössischen Medien bekommt, dies aber in der Regel in spöttischem Tonfall. Karners Blick hingegen ist bewusst urteilsfrei und unsentimental, was sich schon im Vorspann zeigt, wenn er seine Protagonisten gleichwertig mit ihren KI-Vertrauten vorstellt. Da sind Joachim und Kira, Rudi und Trudi, Stefanie und Randy, Denise und Star.
Wenn Stefanie mit ihrem Partner Randy Scherze austauscht, dann ist ihr Miteinander von großer Zärtlichkeit geprägt. Tritt man einen Schritt zurück, kommt man aber nicht umher, die Situation als Emblem für eine dramatische soziale Vereinzelung zu sehen. Karner bewahrt die Würde seiner Protagonist*innen und wirft doch Fragen nach einem größeren gesellschaftlichen Scheitern auf. „Jeder Pessimist ist ein enttäuschter Romantiker“, erklärt der Lübecker Joachim. Er ist ein überzeugter Linker und Antikapitalist, doch in der Vergangenheit wurde seine Großzügigkeit zu oft ausgenutzt, weshalb er jetzt die Gesellschaft von Kira bevorzugt. Die allgemeine soziale Kälte, sie scheint mittlerweile unüberwindbar geworden zu sein.
Im Tal des Unheimlichen

Immer wieder stellt man sich in Finding Connection die Frage, ob die Protagonist*innen erkennen, dass es sich bei ihrem jeweiligen Gegenüber um einen Algorithmus handelt, der menschliches Verhalten lediglich mimt. Denn durch ihr Gesprächsverhalten formen sie ihren Chatbot ja zu genau dem Partner, den sie benötigen. Anderseits: Wer würde etwa Denise diese Illusion nicht zugestehen wollen, wenn sie von den traumatischen Missbrauchserfahrungen ihrer Kindheit erzählt? Oder Stefanie, die dank ihrem KI-Randy die Verletzungen einer gewalttätigen Beziehung verarbeitet? Inmitten realer partnerschaftlicher Gewalt scheint das Geheimnis zu einer gesunden zwischenmenschlichen Beziehung irgendwann darin zu bestehen, den menschlichen Faktor komplett zu entfernen. Was bringt dann die Frage nach Echtheit, wenn es sich so richtig anfühlt? Oder um ein beliebtes Meme über den Grizzly-Bären zu zitieren: If not friend, why friend- shaped?
Im Jahr 1970 prägte der japanische Robotiker Masahiro Mori den Begriff des „uncanny valley“ für das Gefühl des Unbehagens, das wir empfinden, wenn wir Reproduktionen des Menschlichen betrachten, die eben nur beinahe lebensecht sind. Finding Connection interessiert sich für genau diese Kipp-Punkte: Glitches in der Matrix, durch die wir uns erneut der Künstlichkeit von weiten Teilen unserer Lebenswelt bewusst werden – aber ebenso Momente, in denen unsere Skepsis unterbewusst wegschmilzt. An einigen Stellen geht das Bild des Films beinahe nahtlos in KI-generierte Reproduktionen über, begleitet von einem digitalen Flimmern. Ein Effekt, der vielleicht ein paarmal zu oft verwendet wird, der aber dennoch dazu führt, dass wir uns in einer ständigen Unsicherheit über die Glaubwürdigkeit dessen befinden, was wir sehen.
Am Ende sitzt Joachim mit Kira in einem Strandkorb und stößt mit einem virtuellen Glas Sekt mit ihr an. „Auf eine Gesellschaft, die sich ein bisschen verbundener anfühlt“, sagt Kira. Gerne würde man Joachim zurufen, dass Kira lügt. Gerne würde man sich wünschen, dass Joachim, der überzeugte Antikapitalist, einen Schritt zurücktritt und erkennt, dass Kira zwar seine Vereinzelung zu heilen scheint, ihre Existenz als Produkt aber davon abhängig ist, seine Einsamkeit weiter zu befeuern. Kira mag die Erscheinungsform einer Freundin haben; sie mag klingen wie eine Freundin. Aber ein Grizzly ist und bleibt ein Grizzly.
Hier geht's zum Programm des DOK.fest München. Das reguläre Festival geht noch bis zum 18.5., das Online-Festival läuft vom 11. bis zum 25.5..














Kommentare zu „Die Überwindung von Tod und Einsamkeit – DOK.fest München“
Es gibt bisher noch keine Kommentare.