Das Glück der Tüchtigen – Kritik
Die Kölner Familie, die man schon aus Die Liebe der Kinder kennt, steht auch im Zentrum von Das Glück der Tüchtigen. Doch Franz Müllers Film funktioniert auch ohne Kenntnis des Vorgängers. Gesellschaftliche Zwänge treffen hier auf unverhoffte Momente der Freiheit und jede Begegnung bietet die Chance auf einen Neuanfang.

„Mercimek! Mercimek!“: Papa Tariks (Leonidas Emre Pakkan) Linsensuppe ist die beste, das wissen Laila und Estelle genau. Bei Opa Robert (Alex Brendemühl) wiederum gibt es unter Umständen ganze drei Big Macs auf einmal – auch nicht schlecht. Mama Mira (Katharina Derr) hat bei solcher Konkurrenz schlechte Karten: Bei ihr gibt es nur Fischstäbchen. Die sie auch noch geklaut hat. Aus ihrem eigenen Supermarkt.
Das Leben ist nicht fair, vor allem nicht zu Mira. Der Supermarkt, dessen Leitung sie vor Kurzem übernommen hat, läuft eher mittelprächtig. Auch die Rolle als Chefin ist ungewohnt und fordernd. Früh im Film bekommt sie gute Gründe, Tarik und seiner Linsensuppe nicht mehr allzu gewogen zu sein. Mit Robert versteht sie sich hingegen gut, er hat fast etwas Fels-in-der-Brandung-Haftes. Dass er gar nicht der echte Opa ihrer Kinder ist, wissen wir aus dem Film, dessen (gleichwohl wunderbar für sich selbst funktionierende) Fortsetzung Das Glück der Tüchtigen ist. In Die Liebe der Kinder (2009) verliebte sich Miras Mutter Maren (Marie Lou Sellem) in Robert; und Mira in Roberts Sohn Daniel. Beide Beziehungen waren, auf unterschiedliche Weise, auf Sand gebaut.
Liebe ist ein endliches Gut

Im neuen Film ist Daniel vom Winde verweht (er treibt sich wohl noch gelegentlich auf Instagram herum), Mira lebt ein stressiges Kleinfamilienleben mit Tarik, Laila und Estelle, Robert hat seine Schäfchen ins Trockene gebracht und eine neue Liebe gefunden; und Maren? Wohnt zwar noch in der Gegend, aber hat selten Zeit, wenn Mira mal etwas von ihr will. Die Mutter-Oma-Beziehung ist die vielleicht vergiftetste, belastetste Beziehung im ganzen Film. In jedem Blickwechsel schwingen tausend ausgefochtene Streitereien mit. Womöglich ist es schlicht zu spät für die beiden.
Die Liebe der Kinder ist, wie die der Eltern, ein endliches Gut. Irgendwann ist sie erschöpft, man weiß nicht einmal wirklich warum und muss sich gleichwohl nach anderen Ressourcen umschauen. Kaum besser schaut es mit dem Glück der Tüchtigen aus. Eine Tüchtige ist Mira zweifellos, aber das Glück scheint sich, in beiden Wortbedeutungen, von ihr abzuwenden. Das hat systemische Gründe – die Glücksversprechen des Kapitalismus (und noch einmal verschärft: von Krypto) entpuppen sich mit unschöner Regelmäßigkeit als Glücksverhinderungsmechanismen. Aber der Titel ist keineswegs nur ironisch gemeint. Es geht in Franz Müllers Film nicht nur um eine (scheiternde) Ökonomie des Glücks, sondern auch um eine chaotische Empirie des Glücks; um das Glück, das sich im Alltag der Tüchtigen manchmal trotzdem einstellt. Die Tüchtigen: Das sind wir alle.
Fugendicht umschlossen von der westdeutschen Vorstadt

Die Liebe der Kinder hatte einen sanften, aber entschiedenen Zug ins Naturhafte. Franz Müller erzählte von Stadtmenschen, die sich, wenn sie sich verlieben, plötzlich dem Rauschen der Wellen am Meer, dem Wind in den Bäumen, dem Schweigen im grünen Wald ausgesetzt sehen. In einer Szene verglich die damals noch verträumt-romantische, ein wenig versponnene Mira zwischenmenschliche Dynamiken mit den veränderten Energieniveaus, die Elementarteilchen annehmen, sobald sie mit anderen ihresgleichen eine Verbindung eingehen. Liebe ist, so scheint es, etwas für die Naturforscher unter den Filmemachern.
Das Glück der Tüchtigen, ein Film, der nicht von der Liebe handelt, sondern davon, was von ihr (nicht) übrig bleibt, kultiviert einen stärker soziologischen Blick. Klassendifferenzen, aber auch die „feinen Unterschiede“ Pierre Bourdieus kommen ins Spiel, Migrationshintergründe, sexualisierter Machtmissbrauch. Vor allem jedoch bleiben die Figuren lange fugendicht umschlossen von einer westdeutschen Vorstadtwelt: Einkaufszeilen, verkehrsberuhigte Wohnstraßen und Arbeitscontainer zwischen Köln-Mehrheim, Leverkusen und Wuppertal. Bevor kurz vor Schluss doch noch momenthaft der Blick auf den Ozean frei wird, ist der Freizeitpark Fantasialand das einzige Außen eines von Zwängen und Verpflichtungen bestimmten Alltags. Die zentrale Metapher ist diesmal die Dampfmaschine – Robert schenkt eine solche, ein Spielzeug-Miniaturmodell, Miras Töchtern. Die Dampfmaschine brachte damals den Kapitalismus in Schwung, heißt es einmal im Film. Aber in der modernen Welt, in der traditionelle, „natürliche“ Familienstrukturen und Hierarchien sich lösen, wird jede zwischenmenschliche Beziehung zu einer kleinen Dampfmaschine: Sie funktioniert solange, wie ihr regelmäßig Energie und Arbeit zugeführt wird.
Freilich folgt daraus auch, dass Menschen in der modernen Welt die Wahl haben, bestimmte Beziehungen einzugehen oder auch nicht. Nicht nur das: Eben weil es im gesellschaftlichen Raum keine Ewigkeitsgarantien mehr gibt, fängt jede soziale Beziehung in gewisser Weise immer wieder bei Null an. Franz Müller hat einmal davon gesprochen, dass er gerne „softe Experimentalfilme“ drehen würde. In gewisser Weise tut er das schon. Tatsächlich weiß man in Müller-Filmen am Beginn einer Szene nie so ganz, wie sie enden wird. Vor allem Mira und ihre Angestellte Zusanna (Lana Cooper) tarieren ihr Verhältnis zueinander laufend neu aus, fast schon von Sekunde zu Sekunde. Von taktischem Flirt über zugewandter Solidarität bis aggressiver Ironie ist alles dabei. Eine letzte Wahrheit gibt es nicht, nicht in dieser Beziehung und auch sonst nirgendwo in diesem Film, in dem sich Freiheit und Zwang auf faszinierende Weise gegenseitig bedingen.
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