Sacrifice – Kritik

Romain Gavras Reichen-Satire Sacrifice macht sich mit großem Material- und Staraufgebot über liberale Eliten lustig. Für die Reichen, die aktuell tatsächlich am Drücker sind, interessiert sie sich leider nicht.

„Make Earth Cool Again“, kalauert es auf den slicken LED-Installationen, die in Romain Gavras’ neuem Film Sacrifice herumstehen. Der milliardenschwere Tech-Mogul Ben Brackon (Vincent Cassel) hat zu einem Klima-Wohltätigkeitsball eingeladen. Die Location ist ein gigantischer Marmorsteinbruch auf einer Insel in der Ägäis – die perfekte Kulisse für ein Schaulaufen der Schönen und Superreichen. Zu den Gästen gehört auch Mike (Chris Evans), der seit dem Tod seines Vaters in einer veritablen Sinnkrise steckt. Nur zwei Dinge plagen den Schauspieler noch mehr als das ökologische Schein-Engagement der Tech-Branche: sein schütter werdendes Haar und seine Angst vor der künstlerischen Bedeutungslosigkeit. Komplettiert wird das Ensemble durch ein paar schrullige Sidekicks (u. a. Salma Hayek als quirlige trophy wife an der Seite Cassels), die dramaturgisch aber nicht weiter ins Gewicht fallen.

Gavras kommt gleich zur Sache: Die Gala ist kaum eröffnet, als plötzlich Terrorist*innen den Steinbruch stürmen. Joan (Anya Taylor-Joy), die Anführerin der Gruppe, erklärt den Anwesenden, was ihnen blüht: Drei Personen – „a villain, a lover and a hero“ – müssen in den kommenden Stunden sterben, andernfalls drohe alles Leben auf dem Planeten in einem infernalischen Ascheregen unterzugehen. Die Haupt- und Heldenrolle in dieser Prophezeiung soll ausgerechnet Mike spielen.

Scheinwelten, wohin man blickt

Ein Filmstar mit daddy issues, der nicht weiß, ob er lieber die Menschheit oder seine Karriere retten soll, und eine apokalyptische Öko-Terrorsekte, die den Reichen die Quittung für ihren Raubbau an Umwelt und Klima präsentiert – das klingt nicht nur nach einem mäßig komischen Aufguss bekannter Eat-the-Rich-Topoi, sondern sieht auch genauso aus. Gavras malt das Bild einer dekadent-narzisstischen Luxuswelt, in der die Show so sehr Teil des sozialen Mit- und Gegeneinanders ist, dass seine Figuren schon mal die Orientierung verlieren. Wir sehen die Scheinheiligkeit der Besitzenden, die sich selbst als Umweltavantgarde feiern, und wir sehen den Zynismus der Kulturindustrie, die das Ganze mit Glam, schlechter Kunst und Wohlfühlaktivismus veredelt.

Mehr als einmal fühlt man sich dabei an Szenen aus Ruben Östlunds Kunstbetriebs-Satire The Square erinnert – etwa, wenn sich Mike, gleich zu Beginn des Films, breit grinsend in die Hände der Terrorbande begibt in der festen Überzeugung, an einem Stück Performance Art teilzunehmen. Erst als ihn Brackon schroff mit den Tatsachen – und dem abgetrennten Unterarm eines Gala-Gasts – konfrontiert, vergeht Mike das Lachen. Aus diesem Motiv – den fließenden Grenzen zwischen Kunst und Wirklichkeit – hätte sich durchaus ein interessanter Subtext zimmern lassen, vereinzelt lässt der Film diese Ambition auch erkennen. Gavras nutzt die vielfältigen Verwechslungen jedoch vor allem, um sich über den Narzissmus seines Helden lustig zu machen – ein Gag, der sich leider sehr schnell erschöpft.

Völlig frei von Narzissmus sind natürlich auch die Terrorist*innen um Joan nicht. Wie ihre Geiseln wähnen auch sie sich auf einer heiligen Mission zur Rettung des Planeten. Nur die Mittel – und Mythen – sind andere: Während Brackon auf Markt und Technik setzt und Mike weiter an die befreiende Kraft der Kunst glaubt, sucht die Terrorgruppe ihr Heil in einem obskuren Todeskult. „Nothing is real, until you face death“, raunt Joan in einer Szene. Erst ganz zum Schluss beginnt sie ein paar ihrer Prämissen zu überdenken, während Mike zusehends Gefallen an seiner Rolle als Öko-Messias findet.

Protziger Anachronismus

Schwerreiche Möchtegern-Weltenretter, die ihrem eigenen Moralismus in die Falle gehen – dass diese „Reichen-Kritik“ nicht zündet, hat einen einfachen Grund: Sie kommt um Jahre zu spät. Die Ära der progressiv-neoliberalen Eliten, denen man noch genüsslich ihre Bigotterie und Doppelmoral vorhalten konnte, ist zu Ende. (Zu einem ähnlichen Schluss kommt auch Matthias Merkur in seiner Besprechung der letzten Staffel von White Lotus.) Mit Tech-Oligarchen wie Elon Musk oder Peter Thiel ist eine Klasse von Superreichen an ihre Stelle getreten, die Staat und Gesellschaft offen als Beute beanspruchen. Vorwerfen kann man diesen Leuten vieles, aber gewiss keine Scheinheiligkeit. Ein grüner Kapitalist wie Brackon mutet dagegen auf fast rührende Art altmodisch an.

Das alles wäre noch zu verschmerzen, würde Sacrifice nicht auch formal enttäuschen. Ästhetisch folgt der Film derselben plumpen Spektakellogik wie die Welt, über die er sich lustig macht. Mit viel Wohlwollen könnte man das Gavras als smarte (Post-)Ironie auslegen à la: „Seht her, ich bin selbst Teil der Farce, die ich kritisiere!“ Besser wird sein Film dadurch aber nicht. Das protzige Set-Design, die überdrehte Musikclip-Ästhetik, das Staraufgebot (zu dem auch ein leider viel zu kurzer Auftritt von John Malkovich gehört) – all das kommt so kalkuliert, bemüht, angeberisch und peinlich augenzwinkernd daher, dass man sich am Ende nur noch eines wünscht: “Make Satire Cool Again!”

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