The Social Reckoning – Kritik

Knallhart präsentiert sich in Aaron Sorkins Facebook-Abrechnung The Social Reckoning die postfaktische Gesellschaft. Der Film möchte Mark Zuckerberg und dem Meta-Konzern weh tun, fühlt sich aber vor allem ziemlich irrelevant an. Vielleicht liegt eben darin seine Stärke.

Im Jahr 2010 zeichneten Regisseur David Fincher und Drehbuchautor Aaron Sorkin in The Social Network die Gründung von Facebook nach. Im Mittelpunkt stand eine doppelbödige Heldengeschichte, in der Mark Zuckerberg ein milliardenschweres Unternehmen aus dem Nichts hochzieht, trotz seines unbestreitbaren Verstandes über keinerlei soziale Intelligenz verfügt. Aus diesem (Anti-)Helden ist 16 Jahre später der Antagonist geworden. In The Social Reckoning hat sich Zuckerberg (jetzt gespielt von Jeremy Strong anstatt Jesse Eisenberg) in einen roboterartigen Menschen verwandelt, der gecoacht wird, um menschlicher zu wirken, und der katastrophale gesellschaftliche Verwerfungen in Kauf nimmt bei seinen Bemühungen, ja nicht auch nur ein Prozent seiner Facebooknutzer und seines Gewinns zu verlieren. Auf die Party folgt also der Kater, auf das Zeitgeistpsychogramm die Abrechnung mit den gerufenen Geistern, auf das doppelbödige Meisterwerk der hölzerne Nachklapp.

Die Facebookangestellte und Whistleblowerin Frances Haugen (Mikey Madison) fragt den Enthüllungsjournalisten Jeff Horvitz (Jeremy Allen White), wie man jemanden – sprich Mark Zuckerberg – dazu bringt, sein Verhalten zu ändern. Horvitz meint, dass das schon schwer genug wäre, wenn es nur ums Geld ginge, da es aber auch den Glauben betreffe, helfe nur Schmerz. Eben darauf bezieht Aaron Sorkin, der diesmal nicht nur für das Drehbuch, sondern auch für die Regie verantwortlich ist, das „Reckoning“ des Titels: Die Erzählung läuft darauf hinaus, dass Facebook und Zuckerberg ernten, was sie säen, und überhaupt möchte der Film der Firma und ihrem Gründer Schmerz zufügen.

Wie teflonbeschichtet

Zweigleisig erzählt Sorkin die wahren Begebenheiten auf dem Weg zum 6. Januar 2021 nach, jenem Tag, an dem das Kapitol von Anhängern Donald Trumps gestürmt wurde. Auf der einen Seitegeht es im Stil eines Verschwörungsthrillers darum, wie Frances Haugen dem Wall Street Journal Informationen zuspielt. Die rasante Radikalisierung einer Freundin zu Alt-Right-Fanatikerin lässt sie erkennen, dass die Plattform Facebook, an die sie innig glaubt, Leute gezielt in die Arme radikaler Gruppen treibt. Nicht um Facebook zu zerstören, sondern um es zum Einlenken zu bringen, tritt sie an Horvitz heran. Alle Register des Genres werden dabei gezogen: geheime Treffen, das heimliche Abfotografieren vertraulicher Dokumente, der Nervenkitzel, bloß nicht entdeckt zu werden, die Zweifel, der schlussendliche Sieg über einen übermächtigen Feind.

Auf der anderen Seite sehen wir Zuckerberg, der für eine Anhörung vor dem Kongress vorbereitet wird, der in einem Elfenbeinturm mit schusssicheren Glasfronten und schusssicheren Sofas von bewaffneten Bodyguards beschützt sitzt, der sich ungeduldig briefen lässt, der moralische Einwände wie teflonbeschichtet an sich abgleiten lässt. Die moralischen Einwände, die im Film alles andere als zu kurz kommen, formuliert vor allem sein ehemaliger Vertrauter Charlie, der so etwas wie das Gewissen und Engelchen auf der Schulter des Facebook-CEOs ist, der unermüdlich gegen dessen Nihilismus anredet – wodurch der uneinsichtige Zuckerberg nur umso teuflischer erscheint.

Schmerzen für Zuckerberg

Bill Burr ist wunderbar als schimpfender Rohrspatz Charlie. Jeremy Strong wiederum spielt Zuckerberg als Stock, dessen Kopf unbewegt auf einem unbewegten Oberkörper sitzt. Dieser Zuckerberg sagt an einer Stelle, dass er es gewohnt sei, dass sich Leute über sein Auftreten lustig machen. Das Internet ist in der Tat voll von Zuckerberg-Ridikülisierungen. Strongs Performance freilich wirkt wie die Karikatur einer Karikatur – und ist offensichtlich Teil der Strategie Sorkings, Zuckerberg Schmerzen zu bereiten, um ihm die Augen zu öffnen.

Alles in allem bleiben solche Attacken in The Social Reckoning allerdings schematisch, überraschungsarm, unterkomplex. Kein Vergleich zum Vorgänger. Schmerz wird der Film nur bedingt bereiten, Augen wird er kaum öffnen können. Tatsächlich fühlt sich Sorkins Film völlig irrelevant an. Sollte er nach wenigen Monaten wieder vergessen sein, wäre das kaum überraschend. Auf bizarre Weise ist allerdings genau die Irrelevanz die größte Stärke des Films. Denn sie verleiht ihm eine niederschmetternde Hoffnungslosigkeit.

Frances schwitzt den ganzen Film über

Finale Texttafeln fassen die Folgen des historischen Geschehens für Facebook desillusioniert zusammen. Die Firma nannte sich in Meta um, und anstatt stärker Fakten in politischen Kontexten zu checken und zu monitoren, wurde jegliches Monitoring weitestgehend aufgehoben. Nichts blieb hängen, die Gründe dafür zeigt der Film zwar nur am Rande, aber doch nachdrücklich.

Facebook wird als faschistische und sektenartige Organisation gezeichnet: Auf die Angestellten wirkt ein dauerhafter Leistungsdruck, sie werden gezwungen, sich gemäß der von Zuckerberg vorgegebenen Richtlinien zu verhalten. Widerspruch wird nicht geduldet, die Mitarbeiter mit Predigten gegen den Feind von außen eingeschworen. Selbst Frances, die sich aufgrund einer Durchblutungskrankheit warmhalten muss, schwitzt den ganzen Film über sichtlich, als wäre sie ganz fiebrig vor lauter innerem Tumult und angesichts des Zwanges, mit ihrem Glaube brechen zu müssen.

Die Gespenster gesellschaftlicher Zusammenhänge

Ein hohes Facebooktier sagt Horvitz einmal, dass das Unternehmen „post-government“ sei, übernational, an keine Gesetze gebunden. Diese erschreckende Selbstoffenbarung präsentiert The Social Reckoning als eine faktische Gegebenheit. Zuckerbergs Kongressanhörung ist im Film nicht zu sehen. Warum auch, Einfluss hatte sie eh keinen.

Gleich der Prolog setzt den Ton für alles Folgende. Die radikalisierte Freundin von Frances Haugen tickt bei einer einfachen Polizeikontrolle aus und reagiert nicht auf die Gegebenheiten vor sich, sondern auf die Gespenster gesellschaftlicher Zusammenhänge in ihrem Kopf – von Facebook eintrichtert. Immer wieder geht es um Menschen, die die Sache mit der Relativität von Wahrheit so verstehen, dass sie einfach das für Fakten halten können, was ihnen gerade passt. Knallhart präsentiert sich eine postfaktische, postmoralische Gesellschaft, für die die Aufdeckungen des Films folgenlos geblieben sind und bleiben werden.

The Social Reckoning stellt sich als Kämpfer für die Wahrheit dar, als Film in der Tradition der populistisch-rechtschaffenen Filme Frank Capras und des Watergate-Thrillers Die Unbestechlichen (All the President’s Men, 1976). Wider das Postfaktische beschwört er die Rückbesinnung auf alte Werte, die Zusammenarbeit zwischen dem Digitalen (Haugen, Computermensch durch und durch) mit dem Analogen (Horvitz, der nicht einmal sein Navi zu benutzen weiß). Wie diese kraftlos anmutende Beschwörung aber wirkmächtig werden könnte, dafür findet sich im Film nicht der leiseste Anhaltspunkt.

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