Naza – Kritik

Nachts auf Tel Aviver Dächern stellen Yuval Abraham und Rachel Szor Mitgliedern des israelischen Militärs nüchterne Verständnisfragen über ihre Einsätze in Gaza. Die Diskrepanz der Antworten zu den Alltagsszenen in den Fenstern der umliegenden hochmodernen Stadt ist in NAZA schwer zu ertragen.

Vieles von dem, was man in NAZA, dem neuen Dokumentarfilm von Yuval Abraham und Rachel Szor, über die israelische Kriegsführung in Gaza erfährt, ist nicht unbedingt neu: Die unterschiedslosen Flächenbombardements unmittelbar nach der Terrorattacke der Hamas vom 7. Oktober 2023. Die „gezielte“ Eliminierung von Hamas-Mitgliedern samt Inkaufnahme ziviler Opfer. Die humanitäre Katastrophe infolge der Blockade von Lieferungen mit lebenswichtigen Hilfsgütern. Die Zwangsevakuierung der im Norden lebenden Bevölkerung mit dem offenkundigen Ziel, Gaza unbewohnbar zu machen. Schließlich die Rolle, die Künstliche Intelligenz bei der Arbeit jener „Intelligence“-Abteilung der Israeli Defense Forces (IDF) spielt, die für geheimdienstliche Aufklärung und militärische Zielerfassung zuständig ist.

Man konnte davon wissen, wenn man die Enthüllungen in Medien wie dem britischen Guardian, dem israelischen +972 Magazine und dem hebräischsprachigen Local Call in den vergangenen drei Jahren zur Kenntnis nehmen wollte. Viele wollten nicht, wollen auch jetzt nicht. Die Glaubwürdigkeit von Recherchen, Fakten und Bildern ist in einem ideologisch so verhärteten Konflikt schnell angezweifelt. Dass Ende Oktober in Israel gewählt wird, hat das Debattenklima nicht verbessert. Es ist deswegen nicht verwunderlich, dass NAZA erheblichen Gegenwind aus der erwartbaren Richtung erfährt, seit (und sogar schon bevor) er bei den Filmfestspielen in Venedig Premiere hatte.

Tiefgründiger als investigativer Journalismus

Etwas seltsam waren hingegen einige Stimmen aus Venedig, für die NAZA aus dem Hauptwettbewerb herausstach, weil er mehr eine aktivistische Investigativrecherche mit politischem Anliegen als ein festivaltauglicher Film sei. Es stimmt zwar: NAZA beruht unter anderem auf den oben erwähnten Recherchen, der Guardian hat den Film produziert (und wird ihn ab November als Open-Access-Stream anbieten), und die zentrale Frage, die der Film verhandelt („Wie hat Israel massenhaft palästinensische Zivilist*innen getötet?“), ist zweifelsohne politisch brisant. Aber NAZA ist tatsächlich auch ein Film: ein Dokumentarfilm, der das zusammenträgt, verdichtet und in eine Form mit ästhetischem Eigensinn bringt, was Journalist*innen (darunter viele palästinensische, die für ihre Arbeit oft mit dem Leben bezahlten) bereits anderswo dokumentiert haben,

„Der Film ermöglicht es uns, etwas Tieferes zu ergründen, als wir es allein mit unserem investigativen Journalismus könnten“, heißt es im Regiestatement. Szor und Abraham wurden einer Weltöffentlichkeit bekannt durch ihre Mitwirkung an dem Oscar-Preisträger No Other Land. Den Film über die brutale israelische Besatzungspolitik im Westjordanland realisierten sie gemeinsam mit den Palästinensern Basel Adra und Hamdan Ballal. Dass dieser palästinensische Part des Kollektivs an NAZA diesmal nicht beteiligt ist, liegt daran, dass der Film allein die israelische Seite des Kriegs beleuchtet – das sollte man bedenken, wenn dem Film nun (propalästinensische) Einseitigkeit vorgeworfen wird.

Wer spricht, und warum?

Abraham und Szor sprachen mit 24 Mitgliedern des israelischen Militärs, die direkt an den Angriffen in Gaza beteiligt waren (zumindest so „direkt“ wie es in hochtechnisierten Kriegen möglich ist). Ihre Dienstgrade und ihre Stimmen sind anonymisiert – beste journalistische Praxis im Sinne des Quellenschutzes und eigentlich alles andere als ein Beweis gegen Glaubwürdigkeit. Ihre digital veränderten Gesichter sind im Dunkeln kaum sichtbar. Besser zu erkennen ist Abraham, der ihnen gegenübersitzt. Szor führt die Kamera, die Schauplätze sind wechselnde Tel Aviver Dächer bei Nacht.

Keine talking heads im klassischen Sinn, sondern barely visible profiles, was die Aufmerksamkeit umso mehr auf das gesprochene Wort lenkt. Der Charakter der Gespräche ist schwer zu fassen: Wird hier Zeugnis abgelegt oder Schuld eingestanden? Sprechen hier Schreibtischtäter*innen, engagierte Whistleblower*innen, naive Befehlsempfänger*innen, ehrliche Patriot*innen? Zumindest einer bezichtigt sich selbst, an einem Genozid teilgenommen und dabei Spaß gehabt zu haben. Ansonsten erzählen hier einfach Menschen von ihrem Job, nur dass der eben darin besteht, die systematische Tötung anderer Menschen zu veranlassen. Das passiert erstaunlich nüchtern, ohne Polemik und schockierende Bilder; Abraham stellt Verständnisfragen, anstatt sein Gegenüber moralisch zu konfrontieren. Denn es geht nur am Rande um persönliche Motivationen – was durch die Anonymisierung einerseits alternativlos ist; aber andererseits fragt man sich schon, was diese Menschen überhaupt dazu bringt, die Risiken auf sich zu nehmen und mit dem Filmteam zu sprechen.

Arithmetik der „Kollateralschäden“

„NAZA“ ist eine abgekürzte Schwundform von „Nezek Agavi“, dem hebräischen Ausdruck für „Kollateralschaden“. In der Arithmetik der IDF bezeichnet NAZA eine Maßeinheit, die besagt, wie viele zivile Opfer erwartet werden bei einem Luftangriff, der ein Hamas-Mitglied, ein target, ausschalten soll. Die Entmenschlichung palästinensischen Lebens findet bereits auf dieser operativ-sprachlichen Ebene statt: Ein NAZA-Wert von 17 bedeutet, dass für die Bombardierung eines targets die Ermordung von 17 Unschuldigen in Kauf genommen wird (jedes Leben, egal ob Frau, Kind oder Säugling, entspricht 1 NAZA). Die Befragten können alle nur grob schätzen, wie viele Menschen sie in Summe getötet haben, auch weil der zulässige NAZA-Wert je nach Rang des Hamas-Kämpfers abweicht, oft geht er in die Dutzende.

Verschleierung und Abstrahierung sind Bestandteile der Systematik des Tötens. Zivile Opfer sind buchstäblich einkalkuliert. Die Behauptung, die Hamas würde Zivilist*innen als „menschliche Schutzschilde“ missbrauchen, ist laut den Aussagen der Soldat*innen im Film schlicht nicht korrekt. Bei der Fahndung der Hamas-Mitglieder, die es zur Autorisierung eines Angriffs braucht, greift die Armee auf die über Jahrzehnte perfektionierte Totalüberwachung mit abgehörten Telefonen, Standortdaten und Kameradrohnen zurück. Jedem einzelnen Gebäude in Gaza ist eine Seriennummer zugewiesen, die es erlaubt, Wohneinheiten ins Visier zu nehmen. Die Wohnungen sind der perfideste Weg für die Durchführung eines Angriffs, weil sich etwa über das abgehörte Telefon eines kleinen Mädchens aus einem Satz wie „Papa ist zuhause!“ schließen lässt, dass eine Rakete ihr gerade zur Tür hereingekommenes target mit todsicherer Wahrscheinlichkeit treffen wird – das kleine Mädchen (1 NAZA) allerdings auch.

Das System „Lavender“

Die Wahrscheinlichkeit, dass es sich bei dem target tatsächlich um ein Hamas-Mitglied handelt, ist schwerer zu bestimmen, denn sie ist an das KI-System „Lavender“ ausgelagert, das auf Grundlage aller in Gaza registrierter Mobilfunknummern und deren Vernetzung ein Punktesystem erstellt. Es ermittelt probabilistisch die Nähe zu einem der bewaffneten Flügel der Hamas und qualifiziert den Inhaber der Nummer ab einem bestimmten Wert als target. Die Fehlerquote liegt bei ca. 10-15% – wie hoch sie maximal sein soll, damit das System zum Einsatz kommen darf, liegt im menschlichen Ermessen. Manche der Befragten zeichnen handschriftliche Skizzen der Operationen. Ein Offizier veranschaulicht anhand eines Strichmännchens, wie es aussieht, wenn rennende Menschen fallen, die von Scharfschützen niedergestreckt wurden.

Die Gespräche finden vor dem Hintergrund Tel Avivs statt, einer hochmodernen Stadt mit Hochhäusern und beachtlich vielspurigem Autoverkehr. Sie gilt als liberale Hochburg Israels – Szor und Abraham betonen, dass die Soldat*innen aus demselben progressiven Milieu stammen wie sie selbst – und scheint vom Krieg nahezu unberührt, obwohl Gaza nur 60 km entfernt an derselben Küste liegt. Zu Beginn muss ein Interview wegen eines Raketenalarms abgebrochen werden. Aber abgesehen davon zeigen die Bilder eine Stadt in vermeintlicher Normalität.

Das Wissen um begrenzte Perspektiven

Ein strukturgebendes Motiv sind insistierende Kamerafahrten entlang von Häuserfassaden, die einen (ebenfalls anonymisierten) Blick in Wohnungen erlauben, in denen Yoga gemacht oder Kinder ins Bett gebracht werden. Vor allem aber werden viele Nachrichtensendungen geschaut, in denen Regierungsmitglieder die Vernichtung von Gaza legitimieren. Als Gegenüberstellung ist das ein filmisch durchaus avancierter Zug und gerade deswegen – nämlich wegen der Diskrepanz zwischen den Bildern des Films und denen, die das Gesagte im Kopf evoziert – schwer zu ertragen.

Laut Aussage des Regieduos war der Regisseur Jonathan Glazer, der bei NAZA ausführender Produzent war, eine Inspiration für diesen Film, nicht zuletzt durch seine Rede bei den Oscars, in der er nach den moralischen Lehren aus der Shoah für die heute vor aller Augen stattfindenden Verbrechen fragte. Einer der Whistleblower in NAZA erzählt, dass er durch die Ignoranz der israelischen Gesellschaft angesichts des Gaza-Kriegs verstanden habe, wie Auschwitz möglich war. In dem Zusammenhang kann man sich bei den oben beschriebenen Bildern an Glazers Zone of Interest erinnert fühlen.

Szor und Abraham wissen um die Begrenzung ihrer Perspektive als Israelis. Indem sie das Unrecht auf israelischer Seite anprangern, setzen sie sich für die Rechte der Menschen in Gaza ein. Die letzten Bilder des Films verlassen die nächtlichen Panoramaansichten der Tel Aviver Hochhäuser für ein plattgewalztes Gaza am helllichten Tag im Hochformat. Damit man noch einmal auf andere Weise sieht und hört, was diese Kriegsführung anrichtet. Deren schreckliche „Logik“ man – durch die genuin filmische Präsentation journalistischer Arbeit – nun etwas besser begriffen hat.

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