Chiko – Kritik
Neue deutsche Gangsterfilme (3): Özgür Yıldırıms Chiko (2008), der große Intensivling. Klein, ausdrucksvoll und radikal. Alles eng zusammen. „Gewaltspirale“ passt selten so gut wie hier auf eine Filmhandlung.

Tibets Mama will, dass Tibet (Volkan Özcan) und sein Kumpel Chiko (Denis Moschitto) nicht fluchen. Aber das ist praktisch unmöglich, weil: „Jeder Satz ein Fluch“, das ist einfach ihre Rhetorik. Auch „Vernünftig anziehen für ein Foto“ müssen sie ablehnen, obwohl ihnen das chice Outfit verblüffend gutsteht. Doch das, was Mama will, kommt von zu weit her. Tibet und Chiko stecken längst so tief wie keine Mutter es wissen will in einer anderen Welt.

Sie handeln mit Drogen, wollen mitmischen und aufsteigen. Am Anfang hat ihre übertriebene Ungezogenheit, trotz der krassen, ungeschönt gefilmten Gewalttaten, noch etwas Lustiges und Bengelhaftes. Aber die radikale, schrankenlose Tobsucht ist bei beiden schon stark ausgeprägt. Besonders Tibet ist bei Stress nicht mehr bei sich, total gereizt und dusselig vom inneren Durcheinander.
Produzent, Dozent, Polen, Mongolen

Chiko hört oft nebenan eine junge Prostituierte mit ihren Kunden stöhnen. Eines Tages klingelt er bei ihr. Da ist es schön. Auf einem Sims sitzt ein barbiehaftes, aber knubbeliges Püppchen in Unterwäsche. Unter ihr Strickzeug und anderer gemütlicher Schnickschnack. Chiko versucht spielerisch, sie zu überreden, ihn zu küssen – von ihm aus auch mit Kondom, weil Prostituierte ja nichts ohne machen wollen. Sie ist sweet, cool, glänzend, frisch – eine junge Linda Ronstadt, selbstbewusst mit freudiger Selbstverständlichkeit. Ihre melodische Stimme hat die Darstellerin auch als Musikerin berühmt gemacht: Lady Bitch Ray ist das, lese ich später.

Dann treffen sie auf Brownie (Moritz Bleibtreu). Musikproduzent, Dozent, Polen, Mongolen Tibet macht sich einen Spaß damit, das alles gleichzusetzen. Viel mehr als so was fasziniert ihn das fernsteuerbare Automodellchen, das sie einem Haschdealer bei ihrem ultrabrutalen Überfall aus dessen Wohnung mitgenommen haben. Brownie ist nicht nur Produzent, sondern auch ein arrivierter, unbarmherzig gewaltbereiter Großdealer. Chiko steigt bei ihm rasant auf und sieht Tibet immer seltener. Tibets Mama muss zur Dialyse. Der Sohn will ihr eine Niere kaufen, wird aber selber suchtkrank.
Tragödie im Schuhkarton

Alles entwickelt sich unfassbar schlimm. Das ist von Regisseur Özgür Yıldırım sehr dicht und packend gefilmt: Was für eine Hölle die beiden aus ihrem rätselhaften Leben machen. Wie sie es vergeigen, weil sie mit dieser brodelnden Tiefe, dieser drängenden inneren Maßlosigkeit nicht klarkommen. Wie Chiko in seiner Bedrängnis außer sich gerät. Wie bis ins Mark entsetzt er davon ist. Großer Respekt vor Darsteller Denis Moschitto.

Auch vor den Ausstattern (Iris Drescher, Lars Brockmann), der Bildgestaltung (Matthias Bolliger, Sebastian Thümler) und davor, wie der Film mit den Begrenzungen eines kleinen Budgets umgeht: Das sitzt alles wie aus einem Guss. Die ausgesucht dreckigen und engen Drehorte sind ausdrucksvoll eingerichtet, mit feinem Sinn fürs Kuriose. Der weiche, schmuddelige, werkstatthafte Old-School-Schuhkarton-Look passt gut. Ich zieh den Hut.
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