Die kleine Amélie oder der Charakter des Regens – Kritik

Für Erwachsene mag wenig passieren, doch für ein Kind steht ständig alles auf dem Spiel. Der spielerisch feinsinnige Animationsfilm Die kleine Amélie oder der Charakter des Regens blickt mit den staunenden Augen eines Mädchens auf die Welt.

Weiche Pastellfarben und europäische Illustrationskunst verbinden sich mit japanischen Anime-Einflüssen. Bäume, Wolken, Wasser und Licht erscheinen wie in einem impressionistisch bewegten Bilderbuch, durchdrungen von der Vorstellungskraft der Protagonistin, getragen von einem klavierbetonten, orchestral akzentuierten Soundtrack. In Die kleine Amélie oder Dder Charakter des Regens (Amélie et la Métaphysique des tubes, Maïlys Vallade + Liane-Cho Han) vermittelt sich der staunende, lebensbejahende Blick eines kleinen Mädchens auf die Welt.

Der Film basiert auf dem autobiografisch geprägten Roman Métaphysique des tubes der Autorin Amélie Nothomb und versetzt uns nach Japan, ins Jahr 1969. Dort lebt die kleine Amélie als Tochter belgischer Eltern. Zu Beginn beschreibt sie sich selbst als Gott: ein allmächtiges Wesen, gefangen im Körper eines Babys, unfähig zu sprechen oder zu handeln. Diese Prämisse klingt zunächst sonderbar. Doch der Film behandelt sie mit einer solch charmanten Selbstverständlichkeit, dass man sich schnell auf ihre Logik einlässt.

Magische belgische Schokolade

Erst ein Stück weiße belgische Schokolade, mitgebracht von ihrer Großmutter, scheint die Welt für Amélie zu öffnen. Von diesem Moment an erwacht sie zum Leben, und die Erzählstimme des Kindes begleitet diesen Prozess mit neugieriger Offenheit. Besonders eindrucksvoll, als Amélie frühmorgens ihrem geliebten Kindermädchen Nishio durch den Garten folgt. Tau glitzert auf den Blättern, Blüten öffnen sich scheinbar durch Amélies bloße Anwesenheit, die Hügel am Horizont leuchten im ersten Sonnenlicht. Immer wieder lässt der Film offen, ob tatsächlich Übernatürliches geschieht oder ob wir lediglich die Welt so sehen, wie Amélie sie erlebt – diese Ungewissheit verleiht vielen Momenten ihren Reiz.

Überhaupt bewegt sich Die kleine Amélie ständig zwischen Fantasie und Realität. Bücher fliegen aus Regalen, das Meer teilt sich wie in einer biblischen Erzählung. Anders als viele andere Animationsfilme interessiert sich dieser kaum für klassische Abenteuer oder äußere Konflikte; er bleibt konsequent in Amélies Perspektive verankert. Für Erwachsene mag deshalb mitunter wenig passieren, doch für ein kleines Kind steht ständig die ganze Welt auf dem Spiel.

Ein Tag am Meer

Amélie entdeckt nicht nur die Schönheit ihrer Umgebung, sondern – wie in der Beziehung zu ihrer Nanny Nishio – auch die Komplexität menschlicher Gefühle. Mit ihrer Geduld und Zuneigung wird Nishio für Amélie zur wichtigsten Bezugsperson außerhalb der Familie. Mit ihr teilt sie ihre intensivsten Momente.

Besonders berührend geschieht das nach einem beängstigenden Vorfall am Meer – eine der wenigen Szenen, in denen die Realität in Amélies Fantasiewelt mit voller Wucht hereinbricht. Wieder zuhause, schenkt Amélie Nishio ein Einmachglas, das die Erinnerungen dieses Tages bewahren soll, und Nishio fühlt sich plötzlich in ihre eigene Kindheit zurückversetzt. In der anschließenden Umarmung begegnen sich die beiden für einen kurzen Moment als Kinder – eine der schönsten und emotional stärksten Szenen des Films.

Kinder erfassen die vorgefundene Welt zunächst nur intuitiv, ohne sie benennen zu können, und andere Erwachsene bleiben länger rätselhaft. Besonders bei der strengen Vermieterin Kashima deutet sich erst nach und nach an, dass hinter ihrer Härte Erfahrungen aus dem Krieg und persönliche Verletzungen stehen.

Die Welt, wenn man ihr zum ersten Mal begegnet

Was diesen Film so besonders macht, ist die spielerische Leichtigkeit, mit der er die Erkundung großer Themen in scheinbar beiläufige Beobachtungen des Alltags einwebt. Er verhandelt Fragen von Identität, Vergänglichkeit und Erinnerung, ohne dabei jemals analytisch oder prätentiös zu wirken. Auch als die Großmutter stirbt und Amélie versucht, zu begreifen, was das bedeutet, begleitet der Film diese Erfahrung mit kindlicher Ernsthaftigkeit und Verwunderung.

Er bleibt dabei bewusst episodisch. Es gibt keinen klassischen Spannungsbogen, keine großen Wendungen und kaum dramatische Konflikte. Die Konzentration auf Stimmungen und Eindrücke ist seine größte Stärke; er lebt fast ausschließlich von seiner Atmosphäre, seiner Perspektive, seinen Bildern. Das führt dazu, dass gelegentlich Passagen etwas ziellos wirken und sich der Eindruck einstellt, ein poetischer Kurzfilm sei auf Spielfilmlänge ausgedehnt worden. Doch diese Einwände bleiben zweitrangig, gemessen an der visuellen Fantasie und der ansteckenden Neugier, mit der Die kleine Amélie auf alles blickt und daran erinnert, wie aufregend, rätselhaft und schön die Welt erscheinen kann, wenn man ihr zum ersten Mal begegnet.

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