Highway to Hofburg – Kritik
2022 kandidierte der Musiker Dominik Wlazny für das Amt des Bundespräsidenten von Österreich. Mit Witz und Sympathie folgt der Dokumentarfilm Highway to Hofburg ihm bei seinem Wahlkampf und hinterfragt dabei auch die Rolle des Außenseiters als politischem Hoffnungsträger.

Mitten im Wahlkampf steht Kandidat Dominik Wlazny im Kaufhaus und sucht nach Hemden. Er besitzt zu diesem Zeitpunkt offenbar nur eines und auch das ist nicht mehr ganz frisch. „Drei Hemden und ein Sakko hattest du noch nie nebeneinander auf der Kleiderstange hängen“, stellt sein Vater fest. Wlazny antwortet: „Das war sicher das letzte Mal.“ Widerwillig kauft er nur so viele Hemden wie unbedingt notwendig.
Diese Szene gibt früh die Richtung von Highway to Hofburg vor. Regisseure David Moser und Philipp Moosbrugger begleiten Wlazny während seiner Kandidatur bei der österreichischen Bundespräsidentenwahl 2022. In hohem Tempo erzählt der Dokumentarfilm, wie aus der von Wlazny geschaffenen Kunstfigur „Marco Pogo“ und aus der ursprünglich als Satireaktion gegründeten „Bierpartei“ ein reales politisches Projekt wird. Archivmaterial, Fernsehauftritte und Songs von Wlaznys Punkband Turbobier wechseln sich mit Beobachtungen aus dem Wahlkampf ab.
Wlazny gibt sich dabei als nahbarer, jovialer Gegenentwurf zum professionellen Politikbetrieb, als einer, dem Hemden und Sakkos fremd sind und der sich möglichst wenig verstellen möchte. Der Film lässt Wlaznys Selbstverständnis als Außenseiter viel Raum und folgt ihm mit durchaus nachvollziehbarer Sympathie: Dass ein Musiker und erklärter Nicht-Berufspolitiker bis zur Kandidatur für das höchste Amt des Landes gelangen kann, hat zumindest etwas Erfrischendes.
Im Schatten einer Kunstfigur

Immer wieder begegnet Wlazny im Wahlkampf dieselbe Frage: Ist das alles wirklich ernst gemeint? Will er tatsächlich Bundespräsident werden oder nicht eher vor allem seine Band, sein Bier und die Marke „Marco Pogo“ bewerben? In dem Ringen um Legitimität findet Highway to Hofburg seinen stärksten Gegenstand: Wlazny möchte sich von seiner Vergangenheit als Marco Pogo lösen, ohne diese Vergangenheit zu verleugnen. Er möchte unkonventionell bleiben und gleichzeitig kompetent erscheinen, gegen die Routinen des politischen Betriebs rebellieren und dennoch das höchste Amt im Staat übernehmen.
Schon äußerlich entspricht Wlazny mit seinen langen Haaren kaum dem gewohnten Politikerbild. Er spricht unverblümt, reagiert schlagfertig, gibt Unsicherheiten offen zu und begegnet den eingeübten Ritualen des Politikbetriebs mit Skepsis und Humor. Selbst das Unernste, das ihm vorgehalten wird, arbeitet für ihn: Es lässt sein Auftreten weniger kalkuliert erscheinen als das herkömmlicher Berufspolitiker. Darin bedient er eine Sehnsucht, die weit über Österreich hinausreicht: die Hoffnung auf einen Außenseiter, der noch nicht vollständig in den Regeln eines als erstarrt oder unglaubwürdig empfundenen Systems aufgegangen ist. Dass er allein durch sein Erscheinungsbild so wirkungsvoll an diese Sehnsucht anschließen kann, sagt mindestens ebenso viel über die politische Kultur aus wie über Wlazny selbst.
Dabei setzt Wlazny durchaus auch inhaltliche Akzente und der Film macht verständlich, weshalb gerade jüngere Menschen in ihm eine Identifikationsfigur entdecken: Er spricht über soziale Ungleichheit, Umwelt- und Tierschutz, Frauenrechte und politische Transparenz. Je länger der Wahlkampf dauert, desto sichtbarer werden allerdings die Grenzen seines Ansatzes. Als Person wirkt er in Interviews authentisch, bei konkreten Nachfragen wirken seine Ideen dann aber nur wenig tragfähig. Dabei benennt Wlazny selbst seine Defizite: Große Thesen könne er formulieren, doch für deren fachliche Ausarbeitung fehle ihm oft die Expertise. Die Frage, die über seiner Kandidatur und dem Film schwebt: Reicht es schon aus, die richtigen Fragen zu stellen, wenn man um das höchste politische Amt eines Landes kandidiert?
Niederlage und Achtungserfolg zugleich

Das unaufdringliche Fly-on-the-wall-Prinzip von Highway to Hofburg schafft immer wieder aufschlussreiche Momente. Zugleich stellt sich die Frage, wie weit der Film über ein Porträt seines Protagonisten hinausreicht. Moser und Moosbrugger verknüpfen Wlaznys Wahlkampf durchaus mit größeren Fragen zum Zustand der Demokratie: Wie durchlässig ist ein politisches System für jemanden, der nicht aus dessen etablierten Strukturen stammt? Wann gilt ein politischer Akteur als legitim? Allerdings arbeitet der Film nie klar heraus, ob sich die Schwierigkeiten von Wlaznys Wahlkampf aus diesen Strukturen ergeben oder seine persönlichen Schwächen als Kandidat eine mindestens ebenso große Rolle spielen. Als Charakterstudie ist der Film präzise; in seiner Analyse des politischen Systems bleibt er unvollständig.
Am Wahltag erreicht Wlazny mit 8,3 Prozent den dritten Platz, es ist Niederlage und Achtungserfolg zugleich. Ein kurzes persönliches Gespräch mit Wahlsieger Alexander van der Bellen wirkt immerhin wie jene offizielle Anerkennung, um die Wlazny während des Films stetig ringt. Durch die weiteren Entwicklungen bekommt dieser Moment aber noch einen anderen Resonanzraum: 2024 scheitert Wlazny mit seiner Bierpartei am Einzug in den Nationalrat, Anfang 2025 zieht er sich schließlich ganz aus der Politik zurück. Was 2022 noch als Stärke erscheint – die Fähigkeit des Quereinsteigers, Missstände glaubwürdig zu benennen –, offenbart in den Folgejahren seine Kehrseite: Die Energie der Außenseiterrolle lässt sich nur schwer in ein dauerhaftes politisches Projekt überführen. All das macht Highway to Hofburg zwar nicht zur Geschichte eines Scheiterns, aber doch zur Erkundung eines tragischen Widerspruchs: In Wlaznys politischer Karriere kollidiert der aufrichtige Wunsch nach Veränderung mit der Erkenntnis, dass Aufrichtigkeit allein noch kein politisches Programm ergibt.
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