Geister, Gore und Grindhouse – Tipps fürs Slash Filmfestival

Ab Mittwoch sucht das Wiener Slash Filmfestival wieder nach dem Schönen im Schiachen: Blutige Leichenberge treffen auf den Horror moderner Arbeitswelten, ein queerer Animationsfilm überschlägt sich vor anarchischen Gags. Und die Retrospektive begibt sich in die abgeranzten Gefilde des Grindhouse-Kinos.

Wenn in Wien die Blätter fallen und das Kunstblut spritzt, ist Slash-Zeit. Zum 17. Mal ruft der Verein zur Förderung des Fantastischen Films von 23. September bis 4. Oktober 2026 zur herbstlichen Zusammenkunft aller, die das Schöne im (auf gut österreichisch) Schiachen suchen. Das Slash Festival setzt bewusst auf Verstörung als produktive Kraft und versammelt eine Community aus selbstbezeichneten Nerds, Freaks und Genre-Verliebten, die Entertainment als Grenzerfahrung zu schätzen wissen. Im diesjährigen Festivalprogramm lassen sich unter anderem folgende Filme entdecken:


AnyMart
– Ein geregelter Betriebsablauf kippt ins Blutige

Wer je in einem japanischen Konbini die einstudierte Höflichkeitsformel „Irasshaimase!“ („Herzlich willkommen!“) gehört hat, ahnt schnell, welche Unheimlichkeit Regisseur Yusuke Iwasaki im Blick hat: Sein Langfilmdebüt AnyMart lässt den Horror aus der Neonröhren-Tristesse eines Supermarkts entstehen und wird so zum Sittenbild der japanischen Gegenwart. Der abgestumpfte Angestellte Sakai (Shota Sometani) schrubbt seine Stunden im Akkord ab, rezitiert die vorgegebenen Verkaufsformeln, räumt Regale ein. Er fühlt nichts, bis die aufmüpfige Aushilfe Ogawa (Erika Karata) den standardisierten Betriebsablauf ins Wanken bringt – und schließlich ins Blutige kippen lässt. Iwasaki, selbst Sohn eines Ladenbesitzers, verschränkt den lapidaren Humor eines Aki Kaurismäki mit der Slow-Burn-Unheimlichkeit eines Kiyoshi Kurosawa; ein grinsendes Firmenmaskottchen wacht wie ein billiger Konzerngott über den Gängen. Der Film spielt mit dem Horror der Alltäglichkeit und mit der unerträglichen Zumutung der Routine und Gleichmäßigkeit. Umso unvermittelter lässt er dann die Gewalt hereinbrechen, wobei der Splatter-Exzess des Finales die feine Beobachtung sozialer Wirklichkeit bisweilen zu überlagern droht. Dennoch bewahrt sich AnyMart seinen grundlegenden Schauer, weil er eine simple Wahrheit freilegt: Die fluoreszierenden Gänge waren schon tödlich, noch ehe der erste Tropfen Blut den Boden berührte. [Unsere Kritik zum Film gibt es hier.]


Species
– Body-Horror unter weißen Kitteln

Zur Klarstellung vorweg: Beim Species des Slash 2026 handelt es sich nicht um Roger Donaldsons Alien-Reißer von 1995, sondern um das Langfilmdebüt der Französin Marion Le Corroller, das im Original Sanguine heißt. Margot (Mara Taquin) tritt ihre Assistenzzeit in der Notaufnahme des härtesten Krankenhauses Frankreichs an und kommt im mörderischen Arbeitstempo kaum mit. Dann werden auch noch reihenweise junge Patienten mit rätselhaften Symptomen eingeliefert, und schließlich beginnt sich auch ihr eigener Körper auf beunruhigende Weise zu verwandeln. Le Corroller stellt ihren Body-Horror erkennbar in die Tradition von Julia Ducournau und Coralie Fargeat. So stammen etwa die Maskeneffekte von Pierre-Olivier Persin, der 2025 gemeinsam mit Stéphanie Guillon und Marilyne Scarselli für The Substance den Oscar für das beste Make-up gewann. Species verquickt nun das Motiv der körperlichen Mutationen mit dem Blick auf den gnadenlosen Dauerdruck moderner Arbeitswelten. Getragen wird der Film von Taquins expressiver, sehr physischer Darstellung sowie dem Ensemble um Karin Viard, Kim Higelin und Sami Outalbali. Die Erzählung einer queeren Sehnsucht zwischen Margot und ihrer Rivalin im Ärzteteam hingegen ist in ihren Ansätzen zwar reizvoll, bleibt letztendlich aber unterentwickelt.


Jim Queen
– Sturz aus dem Pride-Adel

Ein Virus namens „Heterosis“ grassiert in der Pariser Schwulenszene und verwandelt homosexuelle Männer in Heteros: Muskeln schwinden, man versteht die Abseitsregel im Fußball und verspürt plötzlich die unheimliche Sehnsucht nach einem Vorstadt-Reihenhaus. Jim Perfect (Ramirès), der durchtrainierte Influencer-König der Gym-Queens, stürzt aus dem Pride-Adel und wird zum Hetero-Außenseiter. Flankiert vom frisch geouteten Twink Lucien (Jérémy Gillet) versucht er verzweifelt, ein Gegenmittel für diese Infektion finden. Das im grellbunten Rick and Morty-Stil animierte Langfilmdebüt von Nicolas Athané und Marco Nguyen erzählt eine recht konventionelle Geschichte – im Kern eine Heldenreise mit Coming-out-Finale –, zündet aber ein Dauerfeuer an Gags über Fitnessstudio-Narzissmus, die Fetischszene und queeren Tribalismus. Nicht jeder Witz sitzt und manche Pointe kennt man aus den letzten Jahrzehnten schwuler Comedy zur Genüge, doch in der Regel sind seine satirischen Spitzen ungemein treffsicher. Angesiedelt zwischen anarchischem Spaß und AIDS-Allegorie, ist Jim Queen ein vergnüglicher, wenn auch nicht revolutionärer Beitrag zum queeren Kino.


Ghost in the Cell – Soziale Wut unter der Tarnkappe des Splatters

Der idealistische Journalist Dimas (Endy Arfian) recherchiert zu einer illegalen Nickelabbau-Operation auf Borneo, bei der Arbeiter auf grausige Weise ums Leben kommen; kaum hat er seinem Chefredakteur den Artikel vorgelegt, findet man diesen mit dem eigenen Gedärm am Deckenventilator aufgeknüpft. Dimas wird die Tat angelastet und er wird in eines der übelsten Gefängnisse des Landes verfrachtet, wo eine unsichtbare Macht beginnt, Insassen und Wärter in blutige Leichenkunstwerke zu verwandeln. Verfeindete Gangs müssen nun kooperieren, um dem Grauen beizukommen, dazwischen gibt es spontane Tanzeinlagen, plötzliche Gebete, Faustkämpfe und Kierkegaard-Zitate. Ghost in the Cell hat den Mut zur Albernheit – und ist gerade deshalb eine bissige sozialpolitische Satire: Das Gefängnis wird zum Mikrokosmos einer von Korruption, Gier und Straflosigkeit zerfressenen Gesellschaft, in der die Schwachen bestraft und die Mächtigen geschützt werden. Anwar schmuggelt seine Wut über die Verhältnisse unter der Tarnkappe des Splatters in den Film; mit kräftigen Primärfarben und einem quirligen Ensemble balanciert er zwischen Leichtigkeit und Brutalität. Subtil ist das nie, aber das will es auch nicht sein. [Unsere Kritik zum Film gibt es hier.]


Die Retrospektive: „Unsafe Spaces – The History of Grindhouse Cinema“

Das kuratorische Wagnis der Ausgabe steckt im Rückspiegel. Unter dem Titel „Unsafe Spaces“ spürt das Slash 2026 der nordamerikanischen Grindhouse-Kultur nach, die ab den frühen 1960er-Jahren vor allem rund um die New Yorker 42nd Street florierte: In heruntergekommenen Kinos liefen dort billigst produzierte Exploitationfilme im Dauerbetrieb, „gegrindet“ bis sich Bild und Ton sicht- und hörbar zerschlissen hatten. Diese Filme waren Projektionsflächen für unterdrückte Lüste und verbotene Gefühle jenseits aller Geschmacksgrenzen.

Das Spektrum der in der Retrospektive versammelten Titel reicht von Tod Brownings Klassiker Freaks (1932) über Herschell Gordon Lewis’ Two Thousand Maniacs! (1964), Abel Ferraras The Driller Killer (1979), William Lustigs Maniac (1980) und Lucio Fulcis The New York Ripper (1982) bis zu berüchtigten Grenzfällen wie Roger Watkins’ The Last House on Dead End Street (1977), Don Edmonds’ Nazisploitation-Streifen Ilsa, She-Wolf of the SS (1975) und Pier Paolo Pasolinis Salò oder die 120 Tage von Sodom (1975). Der kuratorische Ansatz ist dabei bewusst reflexiv: Statt nur die Nostalgie zu bedienen, soll das historische Material mit den heutigen Ansprüchen an Sensibilität in Dialog treten, was unter anderem in den zahlreichen filmwissenschaftlichen Einführungen geschieht. Es soll keine bloße Nabelschau des schlechten Geschmacks stattfinden, sondern eine Verhandlung darüber, was Kino zeigen darf – und warum uns manches heute wieder gefährlicher erscheint als bei seiner Entstehung, wenn auch vielleicht aus anderen Gründen.

Hier geht's zum Programm des Festivals. 

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