Salvation – Kritik
Nowe Horyzonty Festival Wrocław: Emin Alper erzählt in Salvation von einer Clan-Fehde im türkischen Hinterland. Aus dem scheinbar geradlinigen Thriller-Plot entwickelt sich nach und nach eine politische Parabel von universeller Tragweite.

Villariba und Villabajo: So heißen die beiden ostanatolischen Dörfer in Emin Alpers Salvation (Kurtuluş) natürlich nicht. Es würde aber an sich passen, denn Ober-Pingan liegt auf einem Berg, Unter-Pingan im Tal. Beide befinden sich weit im Osten der Türkei, ganz in der Nähe einer Stadt mit dem schönen Namen Batman. Sie sind eingebettet in eine abweisende Landschaft aus schroffen Bergen und kargen Feldern, die von den Kameramännern Barış Aygen und Ahmet Sesigürgil in gelb-bräunlichen Cinemascope-Bildern eingefangen wird, wie man sie auch aus anderen Filmen Emin Alpers kennt.
Im oberen Pingan lebt der Hazeran-Clan, im unteren zieht gerade der verwandte Bezari-Clan wieder ein, nachdem er vor einigen Jahren in eine benachbarte Stadt geflüchtet war, um den regelmäßigen Anschlägen der PKK zu entkommen. Die Hazerans haben derweil die Stellung gehalten, bewaffnet vom türkischen Militär. Die einstige Flucht der Bezaris legen sie den Nachbarn als Feigheit aus – vor allem aber fürchten sie um ihren Zugriff auf jene Felder, die früher den Bezaris gehörten, in deren Abwesenheit aber von den Hazerans übernommen wurden.
Hypermaskuline Zeigefinger

Von altem Groll und Verlustangst getrieben, gärt es unter den Bewohnern von Ober-Pingan. Zwei Brüder, Ferit (Feyyaz Duman) und Mesut (Caner Cindoruk), konkurrieren zunehmend um die Vorherrschaft im Dorf – der eine predigt Zurückhaltung im Umgang mit den Bezaris, der andere raunt ominös von „Erlösung“ und „Befreiung“. Eine allgemeine Paranoia macht sich breit: Die Frauen beginnen zu tratschen, verbreiten Gerüchte und offensichtliche Unwahrheiten, säen Zwietracht. Die Männer sehen ihre Kinder in Gefahr – und fürchten, dass ihre Frauen verführt, vergewaltigt oder geraubt werden könnten. Von all dem aufgestachelt, wird viel geschrien und kräftig mit dem drohenden Zeigefinger gewackelt, um die eigene Männlichkeit unter Beweis zu stellen.
Wenn die Hazerans täglich mit dem Fernglas auf Unter-Pingan richtenherabblicken, um die Bezaris misstrauisch zu beobachten, inszeniert Regisseur Emin Alper ein klassisches Gefangenendilemma: Da die beiden Clans kaum miteinander reden, müssen sie mangelnde Informationen durch Vermutungen ausgleichen und zur eigenen Sicherheit davon ausgehen, dass die Gegenseite die allerschlechtesten Intentionen hegt.
Die Welt als türkisches Dorf

Alper agiert dabei sehr geschickt: Er zeigt das gesamte Geschehen aus der Perspektive der Hazerans und nimmt das Publikum so für diese Seite ein. Über die Bezaris hingegen erfährt man als Zuschauer genauso wenig wie die Hazerans. Die Bewohner von Unter-Pingan bleiben die Anderen, die fremden Eindringline – eine Projektionsfläche. Das Misstrauen und die Aggression der Hazerans erscheinen im Kinosaal durchaus gerechtfertigt. Und plötzlich ertappt man sich als Zuschauer dabei, wie man einen brutalen Präventivangriff, wie er von der Dorfgemeinschaft bald erwogen wird, durchaus befürwortet. Dabei haben die Bezaris bis zu diesem Punkt eigentlich nichts belegbar Aggressives unternommen, was sich von der eigenen Seite – den Hazerans – nicht sagen lässt.
Salvation ist ein Film, der stetig wächst. Was als Thriller über einen scheinbar banalen Hinterwäldler-Konflikt beginnt, entwickelt sich immer mehr zu einer politischen Parabel, die in ihrer Universalität weit über Ostanatolien hinausreicht. Alpers Darstellung rückständiger Clan-Strukturen und die Einbettung in den PKK-Konflikt mögen sich primär auf seine Heimat beziehen. Doch die archaischen Denkmuster (insbesondere das Motiv des Frauenraubs), der daraus erwachsende Fanatismus und blinde, entmenschlichende Hass lassen sich hingegen auch in vielen anderen Teilen der Welt wiederfinden.
All das geht nicht zufällig mit einem durch Religion und Aberglaube bestimmten Weltbild einher: Wenn eine schwangere Frau Zwillinge in sich trägt, ist das für die Dorfbewohner ganz zweifellos ein Zeichen des Teufels. Und wenn der mental instabile Mesut wieder einmal eine göttliche Vision erlebt haben will, dann wird das keineswegs hinterfragt, sondern für bare Münze genommen – solange es den eigenen Interessen nützt. Was in in dieser Gemeinschaft als Wahrheit gilt, muss nicht mehr belegt, sondern einfach nur behauptet werden.
Reales Massaker als Vorlage

Den Silbernen Bären (und damit quasi den zweiten Platz) der Berlinale 2026 hat Alper aber sicher nicht nur wegen dieser scharfzüngigen politischen Analyse erhalten, sondern auch weil Salvation trotz all des Subtexts stets ein packender Thriller bleibt, der die unausweichlich erscheinende Konfrontation immer weiter hinauszögert, um sie dann knapp, eindringlich und ohne Effekthascherei abzuhandeln. Auch wenn der gesamte Film auf diese Entladung von Gewalt zusteuert, ist es die richtige Wahl, das Ganze nicht als Spektakel auszuschlachten – der Plot beruht schließlich auf einem realen Fall.
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