Red Rocks – Kritik
Nowe Horyzonty Festival Wrocław: In Red Rocks tauscht Bruno Dumont die drögen Felder Nordfrankreichs gegen die dramatische Landschaft der Côte d'Azur und inszeniert dort eine Gangster-Romanze mit Erstklässlern.

Die Fluchtfahrzeuge stehen bereit: Géo (Kaylon Lancel) und seine zwei Komplizen öffnen Kofferräume und Türen von unverschlossen geparkten Autos, packen die Beute schnell in Rucksäcke und düsen dann mit ihren Quads davon. Später wird das Diebesgut gemeinsam am Strand begutachtet und aufgeteilt. Géo und seine Freunde sind Kleinkriminelle, mit Betonung auf „Klein“, denn die Drei sind so um die fünf bis sieben Jahre alt. Gemeinsam verbringen sie die Sommerferien in ihrem Heimatort, dem beschaulichen Küstendörfchen Saint-Raphaël, das ein paar Kilometer von Cannes entfernt liegt und von imposanten roten Felsen umgeben ist. Wenn sie nicht gerade knallbunte Tauchbrillen und Gummiboote klauen, klettern sie an den glitschigen Felswänden empor, springen aus mitunter schwindelerregenden Höhen hinab und strampeln dann, da sie noch nicht so recht schwimmen können, gegen den durchaus beachtlichen Wellengang des Mittelmeers an, um erneut zum Felsen zu gelangen. Von aufsichtspflichtigen Eltern ist weit und breit keine Spur.
Eines Tages begegnen sie drei Gleichaltrigen, die mit ihren (ebenfalls ziemlich abwesenden) Eltern an der Côte d'Azur Urlaub machen. Zunächst springen die beiden Gruppen vergnügt gemeinsam von den Felsen. Dann aber hält Géo plötzlich Händchen mit Eve (Kelsie Verdeilles) aus der anderen Gruppe, obwohl diese bereits einen „Liebhaber“ hat, nämlich B (Alessandro Piquera) aus ihrer Clique. Der will diese Demütigung nicht auf sich sitzen lassen – und so drohen die beiden um Eve konkurrierenden Knirpse einander bald mit Mord.
Taktile Kameraführung

Bruno Dumont, der einst mit gewalttätigen, pessimistischen Filmen über die Conditio humana bekannt wurde, hat schon seit einiger Zeit Herz und Humor für sich entdeckt. Vor zwei Jahren macht er sich in Das Imperium (L’Empire, 2024) einen Spaß daraus, Star Wars in die nordfranzösische Provinz zu verpflanzen. In Red Rocks (Les roches rouges) verfilmt er nun eine Gangster-Romanze mit Erstklässlern. Das Ergebnis dieses Verfremdungseffekts ist erneut urkomisch. Mit Kaylon Lancel hat Dumont zudem einen Hauptdarsteller gefunden, dem man jeden Lausbubenstreich abnimmt. Der Junge mit den schlohweißen Haaren hampelt herrlich ungelenk herum, ist fast immer in Bewegung und wirkt in Géos rotzfrechen Aktionen äußerst glaubwürdig.
Einmal starrt er sekundenlang direkt in die Kamera. Dumont schneidet das nicht raus, im Gegenteil: Er lässt die Kamera laufen und gibt viel Raum für Improvisation, echte Reaktionen der Kinder. Das ist besonders amüsant, wenn sie Posen und Gesichtsausdrücke Erwachsener imitieren – oder wenn Kaylon mal sichtlich nicht so recht weiß, was er tun soll und in Verlegenheitsgesten oder Übersprungshandlungen verfällt. Mal niest er, mal rutscht er von seinem motorisierten Gefährt (das er in seinem Alter mit ziemlicher Sicherheit nicht legal fahren darf) und landet auf dem Hosenboden. Kameramann Carlos Alfonso Corral filmt die Kinder oft aus einer leichten Untersicht und ist mit extremen Close-ups ganz nah dran. Diese taktile Kameraführung hat den schönen Effekt, dass die Köpfe der Kinder mitunter überdimensional, ja Alien-artig wirken.
Das dräuende Ende der Unbeschwertheit

Doch Red Rocks ist mehr als eine Komödie mit stilistischen Ideen und malerischen Totalen einer ebenso schönen wie gewaltigen Landschaft. Der Film zeigt eine Welt der Kinder, in der kaum Erwachsene vorkommen und in der viele soziale Regeln nicht gelten. Wenn man sich mag, läuft man hier schon nach ein, zwei Stündchen Hand in Hand. Wenn man Wärme spüren will, drückt man sich einfach an den anderen. Und wenn Eifersucht ins Spiel kommt, muss man sie nicht mit passiv-aggressiven Bemerkungen sublimieren, sondern sagt einfach „Hört auf, euch zu umarmen.“
Es ist eine wunderbar einfache, naive Welt, in der allerlei erwachsene Bedenken entfallen: Géo ist ein Draufgänger aus dem Trailer-Park, Eve eine Tochter aus gutem Hause. Na und? Dass sie größer ist als er, dass sie bald wieder abreisen wird – all das spielt keine Rolle. Hier muss kein Kinderwunsch abgeglichen werden, kein Date über Tage hinweg per Whatsapp geplant werden. Hier wendet auch niemand ein, dass ein Sturz beim Felsklettern im Krankenhaus enden könnte oder man vielleicht vor dem Sprung mal schauen sollte, ob das Wasser tief genug und frei von Steinen ist. Es ist eine Welt ohne Konsequenzen, ohne Einschränkungen – eine Welt der Freiheit, in der noch nicht zu spüren ist, dass bald schon Grenzen auftauchen werden.
Aus dieser Welt verpasst Dumont (mit voller Absicht) so nach 80 Minuten, in einer sehr schönen Szene mit Pool und Wasserrutsche, den Absprung. Eine liebevolle, augenzwinkernde Ode an die Unbeschwertheit der Kindheit reicht ihm hier offenbar nicht: Mit einer späten, betont undramatisch inszenierten Wende läutet er das Ende der Unschuld ein. Dieses Finale passt durchaus ins Genre des Gangsterfilms, das Red Rocks persifliert. Gleichzeitig steht es jedoch etwas quer zu den leichtfüßigen 80 Minuten davor – und scheint eher dem frühen Bruno Dumont zu entspringen als seiner derzeitigen Schaffensphase.
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