Kurz und schmerzlos – Kritik
Neue deutsche Gangsterfilme (2): Fatih Akins Kurz und schmerzlos (1998) ist die vibrierende Keimzelle des Genres. Ein eindrucksvolles Debüt von hemdsärmeliger, hochinspirierter Einfachheit. Die Figuren in der tragischen Räuberballade fühlen sich selbst wie in einem Film und singen wie schmutzige Tenöre ihre Lieder, jeder seins.

Es fängt so lustig an. Vergnügt feiern die kleinkriminellen Freunde Costa, Bobby und Gabriel (Adam Bousdoukos, Aleksandar Jovanovic, Mehmet Kurtuluş) auf der Hochzeit eines Freundes die Haftentlassung Gabriels und ihre Liebe zueinander. Doch die ist gefährdet. Teils durch Eifersüchteleien. Aber Gabriel teilt auch nicht mehr den Enthusiasmus der anderen für Straftaten. „Was ist los mit dir?“, fragt Bobby. „Er will erwachsen werden“, antwortet Costa klarsichtig, „und wir hindern ihn daran.“ Gabriel hat den Schmelz des jungen Elvis Presley. Der Knast hat ihm zu denken gegeben – und er ist verliebt. Wie Bobby auch: „Keine blonde Scheiße, sie ist eine Traumfrau.“ Das inspiriert Bobbys Aufstiegseifer. Er hat den angeberischen Businessman und Zuhälter Muhamer (beeindruckend auf dem Punkt: Ralph Herforth) kennen gelernt und will bei ihm mitmachen.
Wir bauen immer Scheiße

Costa geht das Auseinanderdriften seiner Freunde nahe. Alle finden, dass er wie Jesus aussieht mit seinen langen, prächtigen Haaren, und auch in der Seele quälen ihn Glaube und Aberglaube. „Diese Sünde geht auf mich“, muss Bobby ihn beruhigen, weil Costa Gott geschworen hat, nie mehr zu klauen, und es nun doch wieder tut. Als er Gabriel gesteht, dass er schon wieder Scheiße gebaut hat, tröstet ihn dieser einsichtig und resigniert: „Wir bauen immer Scheiße.“ Costas Freundin aber will sich trennen. „Ich hör auf, zu klauen, ich hör auf, zu kiffen, ich fang’ an, zu arbeiten – bitte!“, fleht Costa herzerweichend. Er wird mehr und mehr zum emotionalen Schwerpunkt des Films. Jedes Reden, jede Aktion ein glühendes Statement, eine tragische Arie. Hyperaktiv lustig und verzweifelt steigert er sich in alles rein, was sein Leben ist. Die seelische Finsternis, das Durchdrehen, die Besessenheit: Darsteller Adam Bousdoukos macht das unglaublich packend, tief in seiner Rolle. Die Ereignisse verdichten sich. Der Tod geht um und macht keine Gefangenen, bis zum zappendüsteren Finale. Vom Spirit des ikonisch strahlenden Anfangsfotos der Freunde auf der Hochzeit bleibt nichts übrig.
„Willst du mit mir beten, Sohn?“

Fatih Akin (Drehbuch und Regie) war damals 25. Für die – sehr überzeugende − Choreographie der Gewaltszenen und Kämpfe arbeitete er mit dem Kampfsportler Emanuel Bettencourt zusammen. Kurz und schmerzlos wurde in Locarno mit dem Spezialpreis für das beste Darstellerensemble ausgezeichnet. Dann auch Grimme und Bayerischer Filmpreis/Panther. Akin hat später Özgür Yıldırıms Debütfilm Chiko und dessen Nachfolger Blutzbrüdaz (mit)produziert, die in dieser Reihe noch besprochen werden.
„Willst du mit mir beten, Sohn?“, fragt Gabriels Vater, „wie ein Film, so geht auch das Leben zu Ende.“ Trotz der ausgezeichnet pointierten und oft witzigen Dialoge, wirkt Kurz und schmerzlos mit seiner fast expressionistisch gesetzten Beleuchtung, der lebendigen Körpersprache und der ergreifenden Mimik der drei Hauptdarsteller manchmal wie ein Stummfilm. Immer wieder bravouröse Schauspielkunststücke (auch Fatih Akin kommt sehr gut als Dealer), immer mit Soul. Die Figuren in dieser tragischen Räuberballade singen wie schmutzige Tenöre ihre Lieder, jeder seins.
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