Carrie – Kritik
Viel Empathie für viele, neue Resonanzräume und jede Menge Zen-Blau: Mike Flannagans Serienremake des Horrorklassikers Carrie verpasst dem katholischen Inferno des Originals ein protestantisch-gewissenhaftes Update.

"They're all gonna laugh at you!" - einer dieser ikonischen Horrorfilmsätze, der das Lebensgefühl ganzer Generationen gedemütigter Teenager im neunten Kreis der Hölle, auch bekannt als Schulklassenzimmer, zusammenfasst. Geäußert von Piper Laurie alias Margaret White in Brian de Palmas Carrie - des Satans jüngste Tochter (1976), hallt er auch 50 Jahre später unvermindert nach. Die Folterinstrumente mögen sich weiterentwickelt und verfeinert haben (neben Schulhofhänseln: Onlinemobbing), Absicht und Strategie bleiben gleich: Erniedrigung, Auslese, survival of the fittest. Daher das erneute Remake des Stoffs unter der Ägide Mike Flanagans, dieses Mal in Serienform. A classic - wie auch Schweineblut - never goes out of style.
Die Vorlage hat in den 1970ern ihren Autor, Stephen King, vor dem finanziellen Ruin gerettet. De Palmas Verfilmung, von King bei Start ausdrücklich als besser als das Buch gelobt, hat den Regisseur in den Hollywood-Mainstream gehievt, Sissy Spacek und Piper Laurie Oscar-Nominierungen beschert, die Karrieren von Nancy Allen und John Travolta gestartet und mit der in letzter Sekunde aus dem Grab aufsteigenden Hand beinahe im Alleingang die Tradition des final scare im Horrorfilm begründet. Carol J. Clover eröffnete 1992 mit der Analyse über das genderübergreifende Identifikationspotenzial des Films ihre Kulturkritik und Verteidigungsschrift des modernen Slasherfilms, Men, Women, and Chain Saws: Gender in the Modern Horror Film. Es folgten ein etwas unmotiviertes Sequel von Katt Shea, The Rage - Carrie 2 (1999), ein Fernsehfilm mit Angela Bettis und Patricia Clarkson (2002) sowie ein inzwischen fast schon wieder vergessenes Remake (2013) von Kimberly Pierce mit Chloë Grace Moretz und Julianne Moore.
Acht Folgen wollen gefüllt werden

Mike Flanagan, der profilierteste zeitgenössische Stephen-King-Adept, schien nach seiner Netflix-Scheidung leicht verbittert und will nun beim neuen Arbeitgeber Amazon reüssieren. King, nie der zuverlässigste Kritiker der Verfilmungen seiner Stoffe, findet De Palmas Film immer noch gut, aber "veraltet" und ist als ausführender Produzent dabei. Es kommt beim Neuaufguss also scheinbar zusammen, was zusammengehört. Flanagan wählt einige neue Ansätze, zum Beispiel was die Konfiguration der Charaktere betrifft und erweitert die Erzählung sichtlich, was seinem Entwurf, so viel vorab, eine eigenständige Note verleiht. Andererseits: Die acht Serienfolgen wollen gefüllt werden.
In den vorhergehenden Verfilmungen kaum mehr als eine vakuumversiegelte Geisterpräsenz, rückt Flanagan anfangs den Tod des Familienvaters Ralph White (Tahmoh Penikett) auf einer Baustelle in den Fokus, lässt daraufhin in einer Buch-Reminiszenz Steine auf das Familienhaus niederregnen. Erst im Anschluss blickt der Film durch die Augen der Polizei und Sozialarbeiter auf Carrie (Summer H. Howell) und ihre Mutter Margaret (Samantha Sloyan), beide verschüchtert, verängstigt und engelsgleich-blass im Dunkel des kargen Gebets- und Strafraums des Familienhauses, beinahe wie in einem Chiaroscuro-Bild von Rembrandt. Ralph war ein Doomsday-Prepper und Verschwörungstheoretiker, hat Frau und Tochter scheinbar liebevoll umsorgt, aber tatsächlich knallhart und streng von der Außenwelt abgeschnitten. Beide müssen nun in einer Art education sentimentale behutsam an die neue Welt herangeführt werden. Ein schönes Bild, schlägt doch die Serie damit auch eine Brücke von 1976 nach heute.
Temperierter Wahn

Für Carrie bedeutet das: High School, Social Media, neue Freunde, Hänseleien, Eifersüchteleien. Für Margaret: ein Neudenken der Beziehung zu ihrer Tochter zwischen dem Wunsch, sie vor der Außenwelt zu beschützen, ihr ein möglichst schmerzfreies Überleben in derselbigen zu ermöglichen und dem Bedürfnis, als die Verlängerung des Arms des Vatergesetzes zu agieren und die vermeintlich schädlichen externen Einflüsse zu begrenzen. Der religiöse Eifer und Wahn der Figur werden temperiert und um vielschichtige Charakterzüge ergänzt. Margaret hat zwar keine Hemmungen, den Kopf der Tochter mit schwurblerischen Geschichten zu füllen, tritt aber äußerst selbstbewusst und mit Nachdruck bei der Schulleitung auf, wenn es darum geht, ihren Spross vor psychologischer Misshandlung zu schützen oder für Elternrechte zu kämpfen.
Der Hauptantagonistin Chris Hargensen (Alison Thornton), die eine Bullying-App ins Leben ruft und so den Startschuss zum tragischen Verlauf der Ereignisse gibt, spendiert Flanagan eine Backstory über mangelnde elterliche Fürsorge und drohenden wirtschaftlichen Niedergang. Sue Snell (Siena Agudong) wird statt einer widerwilligen zu einer echten Freundin Carries, die Beziehung zu Tommy Ross (Joel Oulette) wird vertieft über den Status des pity fuck hinaus vertieft, Matthew Lillard als überlasteter, überwältigter und dennoch schalkhafter Rektor kämpft an allen Fronten um seine Schule. Die Art, wie alle mit sich selbst und anderen kämpfen, in eigenen Bubbles gefangen sind, gegen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Bedeutungsverlust aufbegehren, ihr Bestes versuchen, aber es nicht schaffen, auf die better angels in their nature zu hören, rückt die Serie in die Nähe einer Parabel über das Trump'sche Amerika.
Bruchstellen

Dann wäre da noch der Star der Show, Carrie, zwar verletzlich und rehäugig wie gewohnt, aber von Flanagan überraschend weltoffen, neugierig und robust angelegt: Ein Teenager, der bestrebt ist, seinen Platz in der Welt zu finden, trotz aller Rückschläge. Summer H. Howell zieht sich in der Hauptrolle sehr achtbar aus der Affäre, ihre Performance wird einzig von einer furios aufspielenden Samantha Sloyan in der Rolle der Mutter überschattet, die allen inneren und äußeren Widersprüchen der Figur in jedem Moment elegant Ausdruck verleiht. Flanagan hält drehbuchtechnisch die Zügel sicher in der Hand, balanciert Storylines geschickt aus, weiß Tempo anzuziehen und herunterzufahren, zeigt sich zudem äußerst differenziert in der Figurenzeichnung.
Doch im letzten Drittel zeigen sich langsam, aber merklich die Bruchstellen. Die Differenzierung in der Handlungs- und Figurenführung eröffnet zwar neue Resonanzräume; durch die Streckung, Erweiterung und die allzu ausführlich begründete Empathie vielen Charakteren gegenüber geht irgendwann die für den Stoff essenzielle tragische Fallhöhe und Dringlichkeit verloren. Die Einschläge, wenn sie kommen, treffen nicht mehr so hart.
Einst Messdiener, jetzt Psychotherapeut
Das gemäßigte narrative Klima spiegelt sich auch formal wider. Wo De Palma mit split diopter, katholisch barocker Bildgestaltung und Schuld- und Sühne-Orgien etwas beinahe Ursprüngliches, direkt ins Herz und in die Magengrube Zielendes heraufbeschwor, taucht Flanagan alles ins leicht unterkühltes Zen-Blau einer psychotherapeutischen Sprechstunde. Seine Interpretation wirkt wie ein protestantisch-gewissenhafter Gegenentwurf zu De Palmas katholischem Inferno – trotz Flanagans Vergangenheit als Messdiener. Aus Sissy Spaceks verletzlicher Repräsentantin einer monströsen femme castratrice macht die Serie fast eine Art Superheldin Marvel'scher Provenienz.

Ohne spoilertechnisch ins Detail zu gehen: Eben letztere Wendung sorgt dafür, zugegeben relativ spät in dieser ersten Staffel, dass die sonst durchaus sehenswerte Serie den Boden unter den Füßen verliert und eine allzu beliebige, zudem schwach motivierte erzählerische Richtung einschlägt. Flanagan schweben oder schwebten wohl drei Staffeln vor; daher wäre abzuwarten, ob die Wette, die er in der ersten halbherzig eingeht, aufgeht. Dem ersten Teil des ambitionierten Projektes nimmt die finale Biegung dennoch einiges an Kraft.
Neue Kritiken
Koxa
Der perfekte Urlaub
The Tree With Pink Leaves
Wadd: The Life & Times of John C. Holmes
Trailer zu „Carrie“

Trailer ansehen (1)
Bilder




zur Galerie (8 Bilder)
Neue Trailer
Kommentare
Es gibt bisher noch keine Kommentare.













