Perfect Sense

David Mackenzies visuell beeindruckendes Arthouse-Drama zeigt, was den Menschen und dem Film bleibt, wenn die Sinneswahrnehmungen erlöschen.

Perfect Sense 01

Im sich langsam verbreitenden 5D-Kino wird vor allem der Geruchssinn des Zuschauers aktiviert, die Berlinale-Sektion „Kulinarisches Kino“ reizt parallel zur Filmvorführung die Geschmacksnerven. Der Tastsinn hingegen ist für die siebente Kunst eher vernachlässigenswert. Umso überraschender ist es, dass ausgerechnet ein Film, ein primär vom Sehen abhängiges Kunstwerk, den Tastsinn zum wichtigsten aller Sinne erklärt. Im Arthouse-Drama Perfect Sense grassiert eine globale Epidemie, in deren Folge die Menschen sukzessiv all ihre Sinneswahrnehmungen verlieren. Hierbei nimmt der Film den Sinnesverlust in seine eigene Form auf, um diese Erfahrung auf den Zuschauer zu übertragen. Dass die Fähigkeit zu tasten am längsten erhalten bleibt, erweist sich dabei als dramaturgisches Wagnis – schließlich muss der Film Strategien entwickeln, um den Verlust des Seh- und Hörsinns zu vermitteln, ohne hierdurch selbst zu desintegrieren. Und tatsächlich läuft Perfect Sense weiter, obwohl der Ton (fast) ausfällt und die Leinwand schon vor den Credits endgültig schwarz wird.

„Da ist die Dunkelheit“, sagt die Epidemiologin Susan (Eva Green) ganz am Anfang. Sie ist Mitglied eines wissenschaftlichen Teams, das die Verbreitung der seltsamen Seuche untersucht, bei der zunächst nur einzelne Menschen ganz plötzlich in tiefe Trauer verfallen und danach nicht mehr riechen können. Beeindruckender als dieser Verlust, der sich filmisch nur schwer darstellen lässt, sind die Bilder der Verzweiflungsanfälle, die der ersten Stufe der Entsinnlichung des Menschen vorausgehen. Mitten im Alltag, im pulsierenden Leben der Stadt, brechen Menschen weinend zusammen. Es sind erschütternde, weil simple, aller Künstlichkeit entkleidete Bilder innerlicher Zerstörung, wenn Polizisten oder Fischhändler urplötzlich in unaufhaltbare Tränen ausbrechen.

Perfect Sense 02

Der Verlust des Geschmackssinns, der von kurz zuvor auftretenden Hungerattacken begleitet wird, trifft insbesondere den Gourmet-Koch Michael (Ewan McGregor) schwer, mit dem Susan eine langsam aufblühende Liebesbeziehung führt. Bemerkenswert ist, dass Perfect Sense trotz der dramatischen Epidemie lange Zeit auf das spektakuläre Einbrechen des gesellschaftlichen Chaos verzichtet, wie es sich in der thematisch verwandten Literatur-Verfilmung Die Stadt der Blinden (Blindness, 2008) zeigte. Erst als Ausbrüche von Wut und Hass das Verschwinden der Hörkraft ankündigen, bricht Panik aus, setzen Verwüstungen und Plünderungen ein. Die Betroffenen spekulieren, ob es eine Öko-Katastrophe, ein terroristischer Angriff oder die von den eschatologischen Weltreligionen vorhergesagte Apokalypse ist, der sie zum Opfer fallen.

Mit dem Ende des Hörens beginnt die Beantwortung der Frage, wie sich Perfect Sense als Film erhalten kann, während die zwei für das Kino zentralen Sinnesformen langsam erlöschen. Regisseur David Mackenzie arbeitet hier etwas inkonsequent, wenn die Tonspur nicht gänzlich in Schweigen erstarrt, sondern von einem diffusen Rauschen belegt wird, zu dem sich nach einigen Minuten auch wieder Musik und der Voice-over-Kommentar Susans gesellen. Dass der vollständige Verzicht auf Ton oder Bild wohl nur in Experimentalfilmen, nicht aber in kommerziellen Kinoproduktionen umsetzbar ist, mag dies entschuldigen – hier muss der Plot eben auf irgendeine Art fortgeführt werden. Als dann, nach einer Welle heftigen Bedürfnisses nach Nähe und Liebe, auch noch der Sehsinn versagt, stellt sich die noch spannendere Frage, wie der Film ohne Bild verfahren wird. Wenn Susan und Michael sich kurz vor dem Erlöschen der Sehkraft wiederfinden und angesichts der schwarz werdenden Leinwand nur noch die Worte Susans das Geschehen abschließen, wird endlich klar, warum der Tastsinn für Perfect Sense das Allerwichtigste ist.

Perfect Sense 03

Denn was den Menschen in ihrer dunklen, stummen Welt noch bleibt, ist das Zusammensein – die Liebe, die ja ohnehin blind machen soll. Mit dem Verlust des Überflüssigen stellt sich im Film eine Refokussierung auf das Wesentliche, das Zwischenmenschliche, das Taktile ein. Eine Wertschätzung des einzigen verbliebenen der fünf Sinne, die man allgemein als gegeben hinnimmt. Erst in ihrer Abwesenheit wird uns bewusst, wie sehr unser Leben, unser Genießen, unser Erinnern an Sinneserfahrungen gebunden ist. Das klingt etwas didaktisch und ist es wohl auch: ein filmischer Aufruf zur Besinnung. Besinnung auf die Kleinheit des Menschen, der nichts gegen die Epidemie auszurichten vermag, und auf die notwendige Ventilation unterdrückter Emotionen, wie sie sich im Vorfeld der diversen Sinnesverluste zeigen. Die Darstellung dieser Gefühlsentäußerungen ist – neben einigen allzu melodramatischen Szenen mit entsprechender musikalischer Untermalung – einer der wenigen Makel des Films. Hier agiert Perfect Sense mitunter zu drastisch, fast plump, anstatt auf die Subtilität zu vertrauen, die das Werk sonst auszeichnet.

Zu den Stärken des Films zählt eindeutig seine visuelle Fantasie. In einer grandiosen Szene stehen sich ein Affe und zwei Hasen gegenüber – drei Labortiere, die sich inmitten des Chaos aus ihren Käfigen und der Instrumentalisierung durch den Menschen befreit haben und nun aneinander ihre von der Epidemie nicht betroffenen Sinne testen. Wir sehen Mikroskopbilder von sich ausbreitenden Eiskristallen, die Kamera bedeckende Lawinen als Metapher der Erblindung und Holzstelen am Strand, die an die toten Baumstümpfe expliziterer Apokalypsefilme erinnern. Die vielleicht genialste Einstellung zeigt Susan und Michael gemeinsam im Bett liegend, sie im Profil, er frontal zur Kamera schauend. Das Bild ist so komponiert, dass ihre beiden Gesichter zu einem einzigen verschmelzen, einem Gesicht mit nur zwei Augen und einer Nase für zwei Personen. Die Sinne mögen verschwinden, doch auch dann haben die Menschen immer noch das Wichtigste: einander.

Trailer zu „Perfect Sense“


Trailer ansehen (2)

Kommentare


projekt2501

Aber wenn alles zu einer Einheit verschmolzen ist, gibt es kein "einander" mehr. Und des Verschmelzen impliziert auch das Verschwinden des Taktilen als Bedingung allen materiellen Seins. Perfect Sense hört nicht auf, wenn die Leinwand verstummt. Dort hört nur unser Verständnis auf, unser Menschsein und unsere Trauer.






Kommentare der Nutzer geben nur deren Meinung wieder. Durch das Schreiben eines Kommentars stimmen sie unseren Regeln zu.