Colony – Kritik
Slash-Filmfestival: Der südkoreanische Regisseur Yeon Sang-ho hat sich mit Train to Busan als feste Größe des Zombiefilms etabliert. In Colony experimentiert nun ein wahnsinniger Wissenschaftler mit überzeugend bedrohlichen, wild beweglichen und KI-haft lernfähigen Untoten.

Kaum ein Genre ist so alt wie der Horrorfilm und sein Publikum hat dementsprechend viele ikonische Bilder im Kopf. Umso schwerer ist es, noch zu überraschen. Das Rad lässt sich sicherlich nicht mehr neu erfinden. Bietet das Genre noch Raum für Innovation und Kreativität, oder ist es dazu verdammt, ein Dasein im Teufelskreis aus Pastiche und Metareferenz zu fristen?
Der südkoreanische Regisseur Yeon Sang-ho hat sich mit seinem Überraschungserfolg Train to Busan (2016) als feste Größe des Zombiefilms etabliert. Obwohl der Film seinen Figuren echte emotionale Bögen gönnte, blieben vor allem die Infizierten im Gedächtnis: schnell, unmenschlich, unkontrollierbar und angsteinflößend. Zehn Jahre später, nach dem Animationsprequel Seoul Station (2016) und dem Sequel Peninsula (2020), kehrt Yeon mit Colony zu den Untoten zurück.
Die Biologin Kwon Se-jeong (Gianna Jun) nimmt darin auf Drängen ihres Ex-Mannes Han Gyu-seong (Go Soo) an einer Konferenz teil, bei der ein Biotech-Konzern in einem Hochhaus seine neuesten Entdeckungen präsentiert. Lange braucht es nicht, bis der Antagonist die Bühne betritt: Dr. Suh Young-chul (Koo Kyo-hwan), ein wahnsinniger Wissenschaftler, der ebenso gut in die amerikanischen Horrorfilme der 50er Jahre gepasst hätte. Zugleich erinnert sein wirres Gefasel von neuen Höhen der menschlichen Evolution an die post- und transhumanistischen Ideologien des Silicon Valley. Dr. Suh hat ein Virus entwickelt, das Menschen in blutrünstige Zombies verwandelt, und nur er ist dagegen immun.
Kein Interesse für gemobbte Schülerinnen und alte Leichtathleten

Der Plot, der sich daraus entspinnt, ist aus altbekannten Versatzstücken zusammengesetzt und nie mehr als die Summe seiner Teile. Das Publikum folgt einer kleinen, bunt zusammengewürfelten Gruppe, die sich durch das zombieverseuchte Hochhaus nach oben kämpfen und dabei Dr. Suh fassen will. Die Assoziationen zu Gareth Evans The Raid und natürlich zu Romeros Dawn of the Dead – im Erdgeschoss befindet sich ein Einkaufszentrum – sind gewollt, gehen aber nicht über die kurze Referenz hinaus. Während Yeons Train to Busan noch mit interessanten, wenn auch überzeichneten Figuren aufwarten konnte, handeln jene in Colony nicht einmal ärgerlich unvernünftig; sie bleiben schlicht blass. Der Film interessiert sich weder für die gemobbte Schülerin noch für den alten Leichtathleten. Neben der Protagonistin erhält einzig der Wachmann Choi Hyun-seok (Ji Chang-wook) eine überraschende Entwicklung, die jedoch erst so spät einsetzt, dass sie zu kurz kommt.
Überzeugen kann Yeon wieder einmal dort, wo es um die Inszenierung der Infizierten geht. Sie wirken wie eine tatsächliche Bedrohung: keine trägen Gestalten, die den Menschen langsam hinterherkriechen, sondern eine wild gewordene, schleimige Masse. Für die unnatürlichen Verrenkungen wurden Tänzer:innen engagiert, die die aufwendigen Choreografien beeindruckend umsetzen. Das Unkontrollierte und Unvorhersehbare ihrer Bewegungen lässt die Untoten unmenschlich erscheinen und löst beim Publikum Unbehagen aus.
Fantastische Inszenierung mit einfallslosem Ende

Die eigentliche Neuerung in Colony liegt darin, dass die Zombies ein kollektives Bewusstsein besitzen. Durch das Virus sind sie miteinander verbunden und kommunizieren über eine Art Telepathie. So können sie einander nicht nur alarmieren, sondern lernen auch kontinuierlich dazu und passen sich an. Der Schwarm, den sie bilden, lässt sich damit als KI-Metapher lesen; Dr. Suhs Silicon-Valley-Rhetorik legt diese Lesart ohnehin nahe. Im Grunde eine interessante Idee, aus der jedoch zu wenig entsteht. Das gleichgeschaltete Kollektiv der Infizierten und die heterogene Gemeinschaft der Heldengruppe hätten ein reizvolles Spannungsfeld eröffnen können.
Stattdessen zeigt sich bald, dass Dr. Suh den Schwarm steuert; das Kollektiv erhält einen Herrscher. Sobald er die Kontrolle übernommen hat, verwandelt sich Suh in einen Anime-Bösewicht, der die Horde mit purer Gedankenkraft befehligt und sie als Waffe oder Schutzschild einsetzt. Eine völlige Übertreibung wagt der Film allerdings nicht. Suh gewinnt als Gegenspieler kein Profil und wird in einem einfallslos erzählten finalen Kampf besiegt. So reichen die fantastisch inszenierten Zombies am Ende nicht aus, um Colony zu retten. Die Eingangsfrage nach dem Teufelskreis der Referenzen beantwortet der Film eher unfreiwillig: Seine einige neue Idee führt unweigerlich ins altbekannte Schema zurück.
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