Mitten im Sturm

Im stalinistischen Gulag-System wurden Millionen unschuldiger Menschen gefangen gehalten, gefoltert und ermordet. Marleen Gorris’ Drama ist einer der ersten Filme, der sich dieses Themas annimmt.

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„Soweit mir bekannt ist, war die Geschichte der russischen Arbeitslager bisher noch nie Gegenstand eines Films, zumindest keines Spielfilms.“ Stimmt diese Behauptung der Regisseurin Marleen Gorris? Wurden in den 55 Jahren seit dem 20. Parteitag der KPdSU, auf dem Chruschtschow die stalinistischen Säuberungen verurteilte, tatsächlich keine oder kaum Filme über dieses Thema gedreht? Und sollte diese Aufgabe einer nicht-russischen Regisseurin zufallen – zumal einer, die sowjetische Arbeitslager rhetorisch nicht von russischen unterscheiden kann? Leider muss man beide Fragen mit „Ja“ beantworten: Ja, es stimmt, dass bisher kaum ein Film das Gulag-System des Stalinismus untersucht hat – und ja, anscheinend bedarf es einer von außen kommenden Regisseurin, um dieses Defizit auszugleichen, da der in Russland blühende Nationalismus offenbar keine Diskussion der eigenen dunklen Vergangenheit gestattet.

Um nicht in den Verdacht zu geraten, die Gräuel der Arbeitslager aus ideologischen Gründen übertrieben darzustellen, hat Gorris für ihren Film Mitten im Sturm (Within the Whirlwind, 2009) eine reale Geschichte gewählt und diese nur an einzelnen Stellen fiktional erweitert. Jewgenija Ginsburg, Literaturprofessorin aus dem sowjetischen Kasan, wurde 1937 staatsfeindlicher Verbrechen zum Umsturz des Stalin-Regimes bezichtigt und in einem der vielen Schauprozesse zu langjähriger Lagerhaft in Sibirien und damit auch zur Trennung von ihren zwei Kindern verurteilt, von denen nur eines den Zweiten Weltkrieg überleben sollte. Im Gulag lernte sie den ebenfalls inhaftierten Deutschen Anton Walter kennen und – trotz der Kriegsverbrechen Nazi-Deutschlands – lieben. In seiner Funktion als Lagerarzt gelang es ihm, Jewgenija vor einem schlimmeren Schicksal zu bewahren, bevor sie 1947 entlassen und 1954 rehabilitiert wurde.

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Mitten im Sturm ist räumlich und stilistisch in zwei Hälften geteilt: Im städtischen Leben vor der Verhaftung dominieren leicht entsättigte Farben, viele Einstellungen durchflutende Lichtschleier und herrschaftliche Gebäude, in denen die Protagonistin verloren erscheint. Der in Sibirien spielende zweite Teil ist hingegen geprägt von dunklen Bildern aus den überfüllten Häftlingsbaracken und weiß strahlenden Aufnahmen der majestätischen Landschaften, aus deren Weiten keine Flucht möglich ist.

Dem Film gelingt es, die Mechanismen der stalinistischen Willkür-Justiz nachzuzeichnen, in der erfundene Vorwürfe dazu führten, dass Millionen von Menschen inhaftiert, gefoltert und exekutiert wurden. Jewgenija (Emily Watson) weigert sich, das in kommunistischen Staaten übliche Ritual der Selbstbezichtigung zu vollführen und damit einer faktisch nicht begründeten Schuld zuzustimmen. Auch lässt sie sich nicht auf die gängige, oftmals Freundschaften und selbst Familien zerreißende Praxis ein, andere, ebenso unschuldige Bürger anzuprangern, um sich selbst zu retten. Der Preis, den sie für ihren Stolz und ihre moralische Integrität zahlt, ist hoch: Nach einer nur sechsminütigen Verhandlung wird sie zu zehn Jahren Haft verurteilt und schätzt sich dabei noch glücklich, der Todesstrafe entkommen zu sein.

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Mitten im Sturm verzichtet auf allzu explizite Gewaltdarstellungen aus dem Lager und setzt stattdessen auf die psychische Zermürbung der dortigen Situation, in der die Frauen bei -40 Grad arbeiten müssen und ständig von den sexuellen Übergriffen der Wachsoldaten bedroht sind. Indem er eine verstörende Bildsprache vermeidet, öffnet sich der Film einer breiteren Rezeption – andererseits mag die mediale Vermittlung dessen, was hinter den Stacheldrahtzäunen passierte, mit schonungsloser Direktheit am effektivsten gelingen. Auch wäre eine Geschichte ohne Happy End in dramatischer Zeitlupe wohl repräsentativer und zugleich kraftvoller gewesen. Doch Gorris’ Werk ist so oder so ein zutiefst notwendiger Film: Spätere Filme mögen andere Ansätze wählen, aber Mitten im Sturm kommt das Verdienst zu, den Gulag als bisher sträflich vernachlässigtes Thema aufgenommen zu haben.

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Indes bedeutet die bloße Tatsache, dass ein bestimmter Film historisch bedeutsam ist, nicht, dass man seine Schwächen verschweigen darf. Denn obwohl Gorris in der fiktionalen Erweiterung ihres auf Tatsachen beruhenden Plots Zurückhaltung übt, erweist sich Mitten im Sturm durch stilistische Eingriffe letztlich doch als mit viel Pathos beladenes Werk. Neben dem häufigen Einsatz laut klagender Streichermusik und der mitunter etwas überbetonten Gestik der Darsteller ist insbesondere das Motiv der Rettung durch die Liebe zur Literatur von Sentimentalität durchdrungen. Film und Presseheft legen immer wieder nahe, Jewgenija habe den Gulag vor allem durch russische Lyrik überlebt. So deklamieren Gefangene in mehreren Szenen emphatisch Gedichte und entwickeln allein dadurch tiefe Bindungen zueinander. Äußerst problematisch ist hierbei, dass der Film auf Englisch gedreht wurde – dies wirkt angesichts des spezifisch russischen Hintergrunds der Erzählung nicht nur befremdlich, sondern es verhindert durch die Notwendigkeit einer Übersetzung eben auch ein mögliches Verständnis der Tiefe der literarischen Originale. Wenn Poesie in diesem Film ausreicht, um Menschen überleben zu lassen, ist das eine Feier der Kunst durch die Kunst, die ihre eigene Rolle maßlos überschätzt und Adornos Frage, was Kunst angesichts von Auschwitz überhaupt noch bedeuten könne, geflissentlich ignoriert.

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Auch die stereotype Figurenzeichnung verstärkt die intensive Emotionalität des Films gezielt. Wenn der deutsche Arzt Anton (Ulrich Tukur) als sanfter und aufopferungsvoller Wohltäter dargestellt wird, setzt er sich deutlich von der trostlosen Welt des Gulags ab. Bei Jewgenija sind es wiederum ihr aufrechter Stolz und ihre selbst im Lager fortwährende Großzügigkeit, die sie unzweideutig auf der Seite der „Guten“ verorten. Die „Bösen“, führende KP-Funktionäre und Militärs, bleiben zumeist gesichtslos und frönen sadistisch ihren niederen Gelüsten. Mit dieser allzu dichotomen Sichtweise der stalinistischen Zerstörungsmaschinerie, in der gerade die kleinen Zahnräder oft ebenso Opfer wie Täter waren und aus Selbstschutz oder Zwang handelten, dringt Gorris kaum einmal zu einer differenzierten Betrachtung der Geschichte vor.

Trailer zu „Mitten im Sturm“


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Kommentare


Martin Zopick

Der Film verdeutlicht überaus beeindruckend die Ohnmacht des Einzelnen gegenüber der Willkür des stalinistischen Systems (“Meister Schnurrbart“) und ebenso die hier gezeigten Auswüchse menschlicher Demütigungen. Besonders erstaunlich, da hier eine Professorin (Emily Watson), die eigentlich voll hinter der Ideologie von Väterchen Stalin steht, zur Haft im Gulag verurteilt wird. Da werden aus Freunden Feinde und aus Richtern Mithäftlinge. Schmerzlich auch die Trennung von Mann und Kindern. Emily Watson trägt das Geschehen. In ihrem Gesichtsausdruck versammelt sich die ganze Skala menschlicher Emotionen von laut schreiend bis stumm leidend, von Empörung und Wut, aber auch von Wärme und Mitgefühl. Das prägt den Film, in dem eine gesamteuropäische Crew (u.a. Ulrich Tukur, Ian Hart, Lena Stolze) ganz toll agiert. Der Schwerpunkt liegt auf der individuellen Problematik des Lagerlebens. Und da überzeugen die genau beobachteten zwischenmenschlichen Aspekte. Hier helfen Lyrik und die Liebe der gequälten Seele mancher Lagerinsassen. “Süß ist es zu schlafen, süßer noch ein Stein zu sein.“ Das Ende kommt dann kurz und bündig, aber wohltuend erwärmend bei der Eiseskälte dieses Wirbelwindes.






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