Der Babadook – Kritik

Sein Kind zu töten. Den schmalen Grat zwischen Mutterliebe und Mutterhass beschreitet Regiedebütantin Jennifer Kent mit Der Babadook sicheren Schrittes.

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Dass Kinder nicht nur als niedliche Beziehungskatalysatoren in RomComs funktionieren, sondern am anderen Ende des filmischen Spektrums, im Horrorfilm, als von dunklen Mächten besessene Satansbraten, als Verbindung in rätselhafte Geisterwelten oder schlicht als vormoralische Mordbestien hervorragende Arbeit dabei leisten, dem geneigten Zuschauer die Nackenhaare zu Berge stehen zu lassen, haben Genre-Filmemacher bereits vor Jahrzehnten (und Schriftsteller schon Jahrhunderte vor ihnen) festgestellt. Die vergangenen Jahre haben eine ganze Flut von Horror- und Mysteryfilmen hervorgebracht, in denen dysfunktionale Eltern-Kind-Beziehungen im Zentrum des Interesses standen; man denke nur an Titel wie Orphan Das Waisenkind (Jaume Collet-Serra, 2009), die Insidious-Trilogie (James Wan & Leigh Whannell, 2010–15), Mama (Andrés Muschietti, 2013), Sinister (Scott Derrickson, 2012) oder The Children (Tom Shankland, 2008). Mit Der Babadook (The Babadook), dem Spielfilmdebüt der Australierin Jennifer Kent, schickt sich der nächste Kandidat an, unser Verhältnis zu Kindern einem genauen Blick zu unterziehen, und kommt dabei zu beunruhigenden Erkenntnissen.

Kindsmord als Trauerarbeit

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Amelia (Essie Davis) lebt mit ihrem siebenjährigen Sohn Samuel (Noah Wiseman) in einem Zustand unüberwindlicher Trauer: Ihr Ehemann verstarb auf der Fahrt zur Entbindung des Kindes bei einem Verkehrsunfall. Amelia kann die Erinnerungen an den Unfall einfach nicht abschütteln, lebt wie frisch verwitwet in einem vollkommen schwarz gehaltenen Haus und macht dem kleinen, blassen Samuel insgeheim Vorwürfe. Der Junge dankt es ihr mit irritierenden Verhaltenauffälligkeiten, Einsiedlertum, Schrei- und Panikattacken. Als Amelia ihm aus einem geheimnisvollen Kinderbuch namens „The Babadook“ vorliest, behauptet er, der schwarze Mann aus der Geschichte habe sich bei ihnen eingenistet. Und Amelia soll als Vollstreckerin des dämonischen Wesens fungieren und ihm den eigenen Sohn opfern ...

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The Babadook wandelt im Handlungsaufbau auf den Pfaden der oben genannten modernen Mysteryfilme, zeichnet zuerst die gestörte Familienharmonie und führt dann den Dämon ein, der sich von den negativen Schwingungen ernähren will. Schon bevor man einen flüchtigen Blick auf ihn erhaschen kann, macht er sich auf die gewohnte Art und Weise bemerkbar: durch nächtliches Klopfen und Kratzen, durch sich wie von Geisterhand öffnende Türen, durch Samuels verstörten Blick ins Nichts oder durch plötzlich aus einem Loch in der Wand krabbelnde Schaben. Doch zu einer machtvolleren physischen Präsenz wird der Babadook nie, auch später nicht, als man seine schattenhaften Umrisse endlich zu Gesicht bekommen hat. Stattdessen wird etwas anderes zur Bedrohung der beiden Protagonisten: die Mutter selbst, die von den Anwandlungen ihres Sohnes und dem Stress, dem sie als Alleinerziehende ausgesetzt ist, über ihre Grenzen geführt wird. Unheimlicher als die Konfrontation mit dem Babadook sind die Alltagssituationen, die Regisseurin Kent mit viel Mitgefühl und Verständnis für die Mutter inszeniert: der von einer Mischung aus Mitleid und Abscheu erfüllte Blick anderer Mütter, die die Anhänglichkeit Samuels als Resultat einer schlechten Erziehung betrachten, der Besuch zweier misstrauischer Beamter vom Jugendschutz, die sich von den Zuständen in Amelias Haus überzeugen wollen, schließlich die Worte ihrer besten Freundin, die gesteht: „Ich ertrage deinen Sohn nicht.“ Die unauflösliche Bindung zwischen Eltern und Kind wird in The Babadook zum Fluch. Das Bild einer Mutter, die mit dem Küchenmesser auf ihren Sohn losgeht, dürfte gerade bei Eltern starke Gefühle auslösen, weil sie genau wissen, dass die Gefühle für das eigene Kind bisweilen so mächtig werden können, dass auch seine Ermordung im Ernstfall eine durchaus logische Konsequenz ist. Sich das einzugestehen, ist mehr als beängstigend.

Zwischen The Brood und The Shining

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The Babadook, auf diversen Festivals ausgezeichnet, überzeugt in erster Linie durch Jennifer Kents Blick fürs Wesentliche. Die Titelfigur, eine Manifestation mütterlicher Ängste, bleibt im Hintergrund, der Horror entwickelt sich vor allem aus der immer stärker auf die Probe gestellten Beziehung Amelias und Samuels und einer allmählichen Zuspitzung ihrer Isolation. Mehr als eine mit Special Effects überladene Geisterbahnfahrt ist The Babadook ein psychologischer Horrorfilm, der sich ziemlich genau in der Schnittmenge zwischen David Cronenbergs Die Brut (The Brood, 1979) und Stanley Kubricks The Shining (1980) befindet. Hervorzuheben ist auch das wunderschöne, originelle Set- und Produktionsdesign, das durch eine Kickstarter-Kampagne mitfinanziert wurde. Jennifer Kent orientierte sich für die Gestaltung des Kinderbuches The Babadook an kontrastreichen, stilisierten Kohlestift-Zeichnungen, deren tiefes, unergründliches Schwarz von den Seiten aus in Amelias Haus blutet, dessen trauriges Interieur als treffende Illustration ihres Seelenlebens fungiert.

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